Unsere «Anna Karenina»-Produktion ist heil aus Hongkong angekommen! Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, mussten wir bereits auf dem Hinweg lernen:
Die höhere Gewalt von Burglind und Friederike
Bereits 6 Wochen vor dem Gastspiel in Hongkong wurde die gesamte Produktion (Bühnenbild, Licht, Kostüm, Maske, Requisite) in drei grosse Containerverpackt. Planmässig ging es mit den Containern nach Basel, wo ein erstes Frachtschiff sie über den Rhein nach Rotterdam bringen sollte. Wir erinnern uns – anfangs Januar sorgte Burglind für Schlagzeilen. Bei diesem schweren Sturm blieben leider nicht nur die Flieger am Boden, sondern aufgrund des kritischen Wasserstands des Rheins auch unser Frachtschiff im Hafen in Basel. Da wir aber vorsorglich bereits einen zeitlichen Puffer eingeplant haben, lagen wir trotzdem noch im Zeitrahmen. Eine Hiobsbotschaft sollte uns erst bei der Ankunft in Rotterdam erwarten: Als die Container in Rotterdam angekommen waren, haben die ersten Ausläufer von Friederike, die nächsten folgenschwere Stürme, den gesamten Hafen in Rotterdam in einen Stillstand versetzt. Aus Sicherheitsgründen war Aus- und Einladen im gesamten Hafen nicht mehr möglich. Ausserdem verspätete das Frachtschiff, mit dem wir die transozeanische Reise bestritten hätten. Die prognostizierte Ankunft unserer Container in Hong Kong verzögerte sich von Tag zu Tag weiter, so dass es irgendwann hiess, dass sie erst nach (!) unserem Gastspiel in Hongkong ankommen würden.
Auf allen Seiten wurden nun die Nerven auf den Prüfstand gestellt. Zusammen mit dem Transportunternehmen und der Festivalleitung wurden in kürzester Zeit verschiedene Alternativen gesucht und geprüft, um unser Gastspiel und damit die Eröffnung des 46. Hong Kong Arts Festival zu retten. Unzählige Telefonate und Absprachen später, stand die Entscheidung fest: Die Container sollen nach Dubai verschifft und dort auf ein Frachtflugzeug nach Hong Kong verladen werden. Ein Unterfangen, das jedoch in jedem Schritt eine enorme Herausforderung für alle Beteiligten darstellte. In Rotterdam, einem der grössten Seehäfen der Welt, türmten sich durch die Wetterkapriolen mit unseren viele tausend gestrandete Container. In Rekordzeit müssen unsere Container gefunden und auf ein Frachtschiff nach Dubai verladen werden. In Dubai gibt es eine weitere Hürde zu nehmen: Die gesamte Lieferung muss zuerst von der lokalen Zollbehörde geprüft und freigegeben werden. Für die Weiterreise in einem Frachtflugzeug werden die Dekoration nochmals umgepackt denn die Masse des Frachtraums eines Flugzeugs entsprechen natürlich nicht den Massen von Frachtcontainern. Bereits eine kleine Komplikation kann dabei eine Kettenreaktion auslösen, die zu einem frühzeitigen Ende unseres Gastspiels führen kann. Sowohl in Zürich und in Hongkong beginnt eine nervenaufreibende Wartezeit.
Etwa zwei Wochen vor unserer ersten Vorstellung in Hongkong, folgte dann endlich das erste Telefonat, das uns in diesen turbulenten Tagen einen Funken Hoffnung schenkt: Die drei Container wurden gefunden und treten ihre Reise nach Dubai an! Um einen reibungslosen Ablauf in Dubai zu garantieren, reiste Peter Hänggli, unser Teamleiter der Bühne, in die Vereinigten Emiraten und arbeitete Hand in Hand mit der Transportgesellschaft und der Cargo Airline zusammen. In einer Nacht- und Nebelaktion haben sie das geschafft, was wir uns sehnlichst erhofft haben. Unsere «Anna Karenina» sass im Flugzeug in Richtung Hongkong und wird rechtzeitig ankommen.
Damit ging ein sportliches Abenteuer zu Ende und führte uns einmal mehr vor Augen, dass höhere Gewalt auch die beste Planung ins Wanken bringen kann. Es zeigte uns aber gleichzeitig, dass wir ein grossartiges Team aus internen und externen Kollegen um uns haben, die uns auch in Krisensituationen tatkräftig beiseite stehen und mit denen wir kritischste Situationen bewältigen können. Unser grosser Dank gilt allen Kollegen des Opernhauses, des Hong Kong Arts Festivals sowie unserem Transportunternehmen Panalpina, die in enger Zusammenarbeit unser Gastspiel gerettet haben und uns damit unvergessliche Momente in Hongkong beschert haben. Wir wollen hoffen, dass bei unserem nächsten Gastspiel in Tel Aviv nur die Geschichte von «Anna Karenina» uns den Atem raubt!