Die Berührung der Unendlichkeit - Junges Ballettwunder: die „Züricher Juniors“
Kasseler Nachrichten, Siegfried Wehy
Die „Züricher Juniors“ scheinen die Unendlichkeit zu berühren - und sind doch beinahe noch Debütanten.
Dass die Oper der grössten Schweizer Stadt zu den führenden des
Kontinents zählt, belegen schon die dort versammelte Sängerelite und
die TV-Übertragungen. Verpflichtung genug, sich auch die besten
Nachwuchsleute frühzeitig zu sichern durch Opernstudio und
Orchersterakademie. Nun haben die Zürcher mit Heinz Spoerli eine
europäische Instanz zum Ballettchef. Der schaffte es leicht, das Junior
Ballett als dritte Einrichtung der praktischen Nachwuchsschulung zu
etablieren. So erfolgreich, dass man mit 15 jungen Leuten, die nicht
länger als zwei Jahre dieser Truppe angehören sollen, Tourneen
veranstaltet und Idee und Leistung propagiert. Denn mal ehrlich, mit
keinem Kunstbereich verbindet sich so intensiv das Wunschdenken des
Für-immer-jung wie im Ballett. Und nichts bringt Staunen und Rührung so
nah zusammen wie der Auftritt junger Bewegungskünstler, die schon so
viel können und trotzdem noch fast alles vor sich haben. Rosigste
Aussichten also für die Töchter aus Elysium. Und ebenso die Söhne.
Die meisten dieser tanzenden Perlentaucher haben von fernher das
Traumland Schweiz erreicht, aus China, Japan, Thailand, aus Armenien,
Moldawien, Bulgarien und natürlich aus Russland und England. Was
bekommen sie vom Grandseigneur Spoerli, was bekam das Publikum im
passabel besuchten Kasseler Opernhaus?
Jede der vier Choreografien zeigte sich so eigen geprägt, dass ihr
Lernziel fas ins Auge sprang: Dass Klassische Zusammenspiel von Sprung
und Schritt, Hebung und Drehung in „L’estro armonico“ (zu einem
Concerto aus Vivaldis gleichnamiger Violinkollektion). In
„Approaching Clouds“ (zu Alfred Schnittkes 1. Cellosonate) die mit
Gefühlen aufgeladene Körperakrobatik, die gerne die klassische zweite
Position mit eingeknickten Hand- und Kniegelenken vorführt und
variiert. Nach der Pause als echtes Augen-Verwöhnerli „La Milonga“, die
rassige Tangolektion im mysteriösen Bühnennebel (Musik: Sexteto Mayor).
Als dramatischer und am Ende umjubelter Höhepunkt aber „Patently
Unclear“, eine unverändert sog- und zugkräftige Kreation bereits von
1988 aus Spoerlis Basler Zeit. Hier entfalteten die diskontinuierliche
Gebärdensprache und die beinahe formalistische Bewegungsführung in
immer neuen Gruppenbildungen eine geradezu rauschhafte Symbiose. Und
alles in fantastischer Abstimmung mit den höchst expressiven „Patterns“
in Philip Glass’ Musik zum Kultfilm „Mishima“.
