Schönen Sommer!

Fragen an Andreas Homoki


Wir sind wieder da!

Andreas Homoki erklärt wie man trotz Abstand ganz grosse Oper auf die Bühne bringt.

Viele internationale Häuser haben ihre geplante Saison bis Ende des Jahres komplett abgesagt oder stellen ihre Spielpläne auf kleine Formate um.
Diese Überlegungen hatten wir natürlich auch. «Boris Godunow» ist unsere Eröffnungspremiere der nächsten Saison. Riesenchor, Riesenorchester – das komplette Gegenteil von einem kleinen Format. Es war uns rasch klar, dass man das eigentlich nicht spielen kann. Wir haben Michael Volle in der Hauptrolle, einen der meistgefragten Sänger, vor Jahren gebucht – das gibt man nicht einfach so weg. Der erste Entwurf des Bühnenschutzkonzepts hätte für uns bedeutet, mit maximal 18 Musikerinnen und Musikern im Graben, ohne oder mit nur sehr kleinem Chor auf der Bühne für 191 Zuschauerinnen und Zuschauer zu spielen. Das war der Tiefpunkt. Wir mussten initiativ werden um einen Weg aus dieser Sackgasse zu finden und haben viele Szenarien diskutiert und wieder verworfen. Ein Plan war zum Beispiel, eine reduzierte Orchesterfassung in Auftrag zu geben. Aber künstlerisch hat uns das nicht überzeugt und die Neuproduktionen, die so erarbeitet worden wären, hätten wir in den nächsten Jahren nicht ins Repertoire aufnehmen können.
Dann kam uns eine Idee. Wir müssen die grossen Kollektive wie Chor und Orchester aus dem Haus bekommen, das ist die einzige Lösung.

Wie soll das gehen?
Wir bauen den Orchesterproberaum am Kreuzplatz um zu einem Aufnahmestudio. Der ist riesig, da können wir alle Abstände einhalten. Und wir investieren in ein Übertragungssystem. Das Orchester spielt und der Chor singt am Kreuzplatz zur Aufführung im Opernhaus und beide werden live, ohne Zeitverzögerung ins Opernhaus übertragen. Genauso wie es die Bregenzer Festspiele seit Jahren praktizieren. Für uns war dieses Konzept der Durchbruch. Denn es bedeutet, dass wir keine Schrumpfkunst bieten müssen, sondern wirklich grosse Oper machen können.

Wie sieht die Saison ab September 2020 also aus?
Wir können unseren Spielplan wie geplant umsetzen, ohne auf etwas verzichten zu müssen. Mit diesem Konzept haben wir und das Publikum auch eine Planungssicherheit, die ja zurzeit nirgends mehr zu finden ist. Wir sind jederzeit bereit, den Normalbetrieb wieder aufnehmen zu können. Abhängig von der Entwicklung der Pandemie, können Orchester und Chor einfach von einem Tag auf den anderen wieder zurück ins Opernhaus kommen, ohne dass wir den Spielplan erneut anpassen müssen. Die Stücke werden geprobt sein, die Künstler vor Ort. Und das Publikum bekommt, was es gebucht hat: Wer «Boris Godunow» wollte, bekommt ihn in seiner vollen Grösse. Die Protagonisten auf der Bühne werden vielleicht etwas mehr Abstand halten als üblich, aber das ist zu verkraften.

Welche Herausforderungen zeichnen sich ab?
Die Enge des Hauses ist eine grosse Herausforderung. Der Saal ist nicht so sehr das Problem, aber die Foyers, die Gänge, die Garderoben. Gäste können ihre Mäntel abgeben oder aber mit in den Saal nehmen, denn es wird ja freie Plätze geben, um sie zu deponieren. So vermeiden wir Schlangen an den Garderoben. Eine Pausengastronomie wird vorerst nicht möglich sein. Da ist aber im Moment noch alles im Fluss. Im Backstagebereich sieht es ähnlich aus. Die Garderoben und die Räumlichkeiten der Maske sind schon ohne Corona-Virus viel zu klein. Die derzeit geforderten Abstandregeln können wie hier nicht umsetzen. Wir denken über provisorische Anbauten auf dem Dach des Bernhard Theaters nach, um diese Raumnot temporär zu lösen.

Wird es wirklich keinerlei Veränderungen geben?
Doch. Ein paar wenige müssen sein. Wegen der Abstandsregeln brauchen die Umbauten mehr Zeit, die üblichen zwei Aufführungen an den Sonntagen werden Stand heute nicht möglich sein. Da werden einzelne Termine ausfallen. Bei den Ballettpremieren wird es eine Änderung geben: Statt «Peer Gynt» werden wir im Mai 2021 «Walking Mad» herausbringen, die Ballett-Neuproduktion, die in dieser Saison wegen Corona ausgefallen ist.
Und dann hätten im September Verdis «I vespri siciliani» wiederaufgenommen werden sollen – aber die Premiere konnte nicht stattfinden, diese Produktion gibt es also nicht. Die Sänger werden dennoch da sein und ein Verdi-Gala-Programm singen. Ausserdem werden wir noch in dieser Saison die Proben zu unserer abgebrochenen Produktion der «Csárdásfürstin» wiederaufnehmen können und im September dann die Operette als Premiere herausbringen. Das sind doch gute Aussichten.


Hier finden Sie alle Anpassungen des Programms in der Saison 2020/21 zusammengefasst.



Wie machen Sie das, Herr Bogatu?


Sound-Übertragung von nebenan

Ein Blick hinter die Kulissen und in die Welt der Bühnentechnik. Der technische Direktor am Opernhaus Zürich, Sebastian Bogatu, gibt Auskunft über die Live-Übertragung von Chor und Orchester aus dem Proberaum am Kreuzplatz, über eine der modernsten Raumklang-Anlagen der Welt und darüber, wie man einen leeren Graben mit Musik füllt.

Solange Orchestermusiker aufgrund der COVID-19 Regeln Abstand zueinander halten müssen, ist unser Orchestergraben zu klein für den Klangkörper. Genügend Platz haben wir in unserem Orchesterproberaum, der sich ca. fünf Gehminuten vom Opernhaus entfernt befindet. Die Philharmonia Zürich wird dort unter der Leitung des Dirigenten spielen, während auf der Bühne im Opernhaus gesungen und szenisch gespielt wird.
Damit man das Orchester im Saal hören kann, wird der Klang jedes Instruments im Proberaum mit mindestens einem Mikrofon abgenommen und in den Zuschauerraum des Opernhauses übertragen.
Dort ist eine der modernsten Raumklang-Anlagen der Welt installiert. Unzählige Lautsprecher, die überall im Zuschauerraum unauffällig montiert sind, können jeden Ton an jeder beliebigen Stelle erklingen lassen.
Unser Tonmeister Oleg Surgutschow wird jedes Instrument mit diesem System so klingen lassen, als würde es im Orchestergraben genau an dem Ort stehen, wo es normalerweise wäre. Die Raumklang-Anlage berechnet zusätzlich, wie die Reflexionen des Klangs jedes einzelnen Instruments von den Wänden und der Decke klingen würde und wird auch diese Klangereignisse über die Lautsprecher ausgeben. Das Ziel: Das Publikum sieht zwar die Instrumente nicht im Graben, hört sie aber genau von dort inklusive dem dazugehörigen Raumklang.

Damit das Timing szenisch und musikalisch stimmig ist, sind alle Beteiligten einer Aufführung darauf angewiesen sich gegenseitig zu hören und auch zu sehen, was bei einer räumlichen Distanz keine leichte aber eine lösbare Aufgabe ist.
Dafür wird für die Sängerinnen und Sänger der Orchesterklang auf die Bühne übertragen. Zusätzlich wird im Orchesterproberaum der Dirigent gefilmt und auf Monitore auf der Bühne übertragen.
Für den Dirigenten wiederum, wird der Klang im Zuschauerraum
also die Mischung aus Orchester, Gesang und Raumklang aufgenommen und zurück in den Proberaum übertragen. Gleichzeitig wird das Geschehen auf der Bühne gefilmt und auf grosse Monitore für das Orchester und den Dirigenten in den Proberaum gestreamt.
Ohne Zeitverzögerung können somit alle Beteiligten, egal an welchem Ort sie sich befinden, dem Geschehen folgen und ihre Einsätze zur richtigen Zeit geben oder bekommen. 

Natürlich braucht es vor allem bei den Proben noch zusätzliche Kommunikationskanäle
so kann der Regisseur von seinem Regieplatz im Zuschauerraum jederzeit über Mikrophon und Lautsprecher mit dem Dirigenten sprechen und der Dirigent mit den Solisten auf der Bühne oder dem Tonmeister im Zuschauerraum. Auch die Inspizientin, die für den Ablauf der Vorstellung zuständig ist, kann über eine Sprechstelle mit dem Dirigenten kommunizieren.

Die Tontechniker, die die Mikrofone im Orchesterproberaum positionieren, haben die Möglichkeit über Sprechstellen mit den Tontechnikern im Opernhaus zu kommunizieren, um Fehler schnell finden und beseitigen zu können. Damit wiederum während einer Vorstellung nicht plötzlich der Ton weg bleibt, sind viele der verwendeten Geräte doppelt vorhanden, so dass man im Ernstfall schnell umschalten kann.
So kompliziert und aufwändig es klingen mag
– so ist es auch.


Text von Sebastian Bogatu.
Illustration von Anita Allemann.


Geänderte Öffnungszeiten der Billettkasse

Sie erreichen uns telefonisch von Montag bis Freitag zwischen 10.00 und 14.00 Uhr unter +41 44 268 66 66 oder per Mail an Enable JavaScript to view protected content..
Die Schalter der Billettkasse bleiben bis August 2020 geschlossen.


Vorverkauf für die Saison 20/21

Um kurzfristig und flexibel auf neue Vorgaben und Empfehlungen des BAG reagieren zu können, gelten neue Vorverkaufstermine. Diese finden Sie hier im Überblick.

«Scintilla bedeutet bekanntlich Funke – tatsächlich gewinnt man den Eindruck, dass der Funke zwischen dem Ensemble und dem konzertierenden Leiter Minasi gesprungen ist.»

so die NZZ zur CD-Neuerscheinung Vivaldi / Verdi
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