Im Gespräch mit dem Dirigenten und Leiter der Zürcher Singakademie Florian Helgath
Im Unterschied zur Matthäus-Passion, deren Aufführungstradition vergleichsweise konsistent ist, existieren von der Johannes-Passion mehrere teils deutlich voneinander abweichende Fassungen. Was sagt diese Vielgestaltigkeit über das Werk – und vielleicht auch über Bachs Arbeitsweise – aus?
Wenn man über Bachs Arbeitsweise spricht – also darüber, wie er mit der Johannes- und der Matthäus-Passion umgeht –, sollte man vor allem den Zeitpunkt ihrer Entstehung berücksichtigen. Die Johannes-Passion entstand deutlich früher, die Matthäus-Passion später, also in einer reiferen Schaffensphase. Das zeigt sich unter anderem daran, dass Bach an der Matthäus-Passion nichts mehr verändert hat: Es existiert eine einzige Fassung, die er geschrieben hat und die so Bestand hatte.
Bei der Johannes-Passion war er dagegen wesentlich flexibler. Er hat selbst mehrere Fassungen geschaffen, was zum einen dem liturgischen Gebrauch geschuldet war, zum anderen auch den jeweiligen personellen Gegebenheiten, der Musikerbesetzung vor Ort. In der Matthäus-Passion spürt man hingegen deutlich die Reife seines späteren Schaffens, gewissermassen den Blick eines Komponisten gegen Ende seines Lebens.
Bachs Passionen galten manchen Zeitgenossen als zu dramatisch, beinahe opernhaft. Besonders die Johannes-Passion besitzt einen ausgeprägten dramatischen Zug.
Wie blicken Sie heute auf den Charakter dieses Werkes? Wo liegt seine besondere expressive Kraft?
Um an meine erste Antwort anzuknüpfen: Dieses jugendliche, frischere Element, das die Johannes-Passion im Vergleich zur Matthäus-Passion aufweist, spiegelt sich auch in ihrer Kurzweiligkeit. Sie ist weniger meditativ und kontemplativ, geht direkter zur Sache und ist deutlich opernhafter gedacht – der Ausdruck steht stärker im Vordergrund.
Schaut man sich etwa die Jesuspartien an, zeigen sich grosse Unterschiede: Sie wirken unmittelbarer, nahbarer, menschlicher. Für mich sind genau diese Direktheit und dieses Dramatische für die Johannes-Passion ganz entscheidend.
Die besondere expressive Kraft liegt aber auch in den starken Kontrasten. Auf engem Raum – die Johannes-Passion ist ja deutlich kürzer als die Matthäus-Passion – treffen sehr unterschiedliche Ausdrucksebenen aufeinander: von betrachtenden, lieblichen, mitleidigen Momenten bis hin zu den hochdramatischen Turbachören, in denen Jesus angefeindet wird.
Welche spezifischen Herausforderungen stellt die Johannes-Passion an den Chor – musikalisch wie auch dramaturgisch?
Gerade die zuvor erwähnten dramaturgischen und dramatischen Kontraste stellen die grösste Herausforderung dar. Als Chor immer wieder in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen – einmal betrachtend, dann wieder reagierend – und diese Wechsel in kürzester Zeit sowohl musikalisch als auch charakterlich überzeugend zu gestalten, empfinde ich als die zentrale Aufgabe.
Seit 2017 leiten Sie die Zürcher Sing-Akademie. Wie hat sich der Klang des Chores in dieser Zeit entwickelt? Welches Ideal haben Sie verfolgt?
Die Entwicklung des Klangs der Zürcher Sing-Akademie zu beschreiben, ist keine ganz einfache Frage. Wir haben gemeinsam einen langen Weg zurückgelegt, auf dem wir unseren Klang gefunden haben – und ich sage bewusst «unseren» und nicht «meinen». Wenn ich an einen idealen Chorklang denke, schwebt mir eine Balance vor: ein Klang, der in seiner Homogenität geschlossen ist, zugleich aber persönliche Individualität zulässt, vielleicht sogar etwas Solistisches bewahrt. Farben, Facetten und Individualität – und dennoch ein Verschmelzen zu einer gemeinsamen klanglichen Einheit.
Welche Rolle spielt die Musik Johann Sebastian Bachs in diesem Entwicklungsprozess des Chores?
Bach spielt dabei natürlich eine Rolle – eine von vielen. Für einen professionellen Chor ist das Singen von Bach eine Art Essenz: Es bringt die Dinge kompromisslos auf den Punkt. Diese Musik ist pur, sie tut gut, sie wirkt beinahe reinigend. Es gibt nichts hinzuzufügen, man muss sich ganz auf das Wesentliche konzentrieren – und dieses Wesentliche ist das Meisterwerk selbst.
Das geschieht über die Sprache und über einen Klang, der manchmal sehr besonders, manchmal aber auch bewusst schlicht ist. Man darf kein grosses Vibrato einsetzen oder zu viel Stimme geben, gleichzeitig darf der Klang aber auch nicht farblos werden. Diese feine Dosierung zu finden, Bachs Umgang mit Sprache zu verstehen und diese Essenz aus dem Chorklang herauszuarbeiten, halte ich für absolut zentral. Eine solche Arbeit prägt nicht nur den Umgang mit Bach, sondern beeinflusst auch das Musizieren anderer Epochen nachhaltig.
Das Orchestra La Scintilla und die Zürcher Sing-Akademie arbeiten regelmässig zusammen. Was sind die Besonderheiten der Einstudierung, wenn man ein Werk wie die Johannes-Passion mit einem historisch informierten Klangkörper erarbeitet?
Die Besonderheiten liegen – abgesehen davon, dass man mit Bachs Musik grundsätzlich anders umgeht als etwa mit Mozart, Brahms oder moderner Musik – gar nicht so sehr im Grundsätzlichen. Wie bei anderen Komponisten geht es darum, die Essenz der Musik zu erfassen und den Notentext technisch so einzustudieren, dass alles präzise umgesetzt werden kann und der musikalische Ausdruck trägt.
Mit einem historisch informierten Orchester wie La Scintilla kommen allerdings bestimmte Aspekte hinzu, etwa die Stimmung. Wir musizieren auf 415 Hertz, also einen Halbton tiefer, und in einer Wervkmeister-Temperierung, die einzelne Töne anders färbt, als man es von einem modernen, wohltemperierten Klavier gewohnt ist. Das ist dem Chor jedoch vertraut – wir arbeiten regelmässig mit Barockorchestern zusammen –, sodass sich diese Besonderheiten organisch in die Probenarbeit integrieren.
Warum, glauben Sie, berührt uns Bachs Musik – und insbesondere seine Passionen – bis heute?
Das Thema der Passion berührt uns unabhängig davon, wie gläubig man ist. Die Vorstellung eines Menschen, der sich vollständig hingibt – wie es in der Matthäus-Passion heisst: «Aus Liebe will mein Heiland sterben» –, ist zutiefst bewegend.
Mit welcher Intensität und Dramatik Bach dieses Geschehen musikalisch ausdrückt, ist ausserordentlich berührend, aufrüttelnd und nachhaltig wirkend. Ich glaube, es lässt niemanden kalt, wenn man sich dieser Musik öffnet und sich auf sie einlässt.
Das Gespräch führte Roman Reeger