Für Jeanine De Bique sind Frauen aus Barockopern wie Cleopatra, Rodelinda und Alcina Figuren mit zeitlosen Anliegen. Die aus Trinidad und Tobago stammende Sopranistin kennt den Kampf um die eigene Stimme aus eigener Erfahrung. In ihrem Programm «Mirrors» verschafft sie den Protagonistinnen gemeinsam mit Concerto Köln Gehör.
Jeanine De Bique, warum geht uns die Musik aus dem Barock so nahe?
Jede Epoche informiert uns darüber, was zu dieser Zeit gefühlt wurde und passierte. Hören wir Musik aus der Vergangenheit, erweckt das in uns eine gewisse Anteilnahme an der eigenen Kulturgeschichte. Gerade im Barock nahmen sich die Komponist:innen enorm viel Zeit, das Innenleben ihrer Hauptfiguren zu durchforsten und zu beleuchten. Jede Arie ist ein intimer Moment des Innehaltens. Hier möchte auch ich mir die Zeit nehmen, die Figuren richtig zu verstehen und zuzuhören, was mir eine Frau aus einer anderen Zeit zu sagen hat. Ich glaube, diese Figuren sprechen für die Stimmlosen in unserer heutigen Gesellschaft, in einer Welt voller Zensur und Unverständnis. Vielleicht verbinden wir uns deshalb so tief mit ihnen.
Was macht für Sie eine «Heldin» aus?
Für mich sind Heldinnen Frauen, die keine Angst davor haben, ihre Stimme zu erheben und sich zu äußern. In meinem Freundeskreis und in meiner Familie auf Trinidad und Tobago kenne ich einige solcher starken Frauen. Eigentlich sind fast alle Figuren aus meinem Programm Spiegelbilder dieser Frauen und von mir selbst. Sie verbinden mich zu hundert Prozent mit meiner Herkunft. Doch auch Heldinnen sind verletzlich, genauso wie die anderen Menschen es auch sind. Sie leben in einem Kaleidoskop aus Gefühlen von Glück bis hin zu Überrumpelung, Angst und Hass. Sie sind auch weich und einfühlsam. Es ist zu einfach, das Konzert mit dem Begriff «starke Heldinnen» zu überschreiben, denn die Figuren sind viel komplexer als das. Nehmen wir das Beispiel der Rodelinda: Sie war mächtig und erfolgreich, hat aber alles verloren und wird von einem fremden Mann gepeinigt. Die Liebe zu ihrer Familie bleibt dennoch beständig. Solche Schicksale gibt es nicht nur in der Oper, sondern auch in der echten Welt.
Warum finden sich im Barock mehrfach Opern über dieselben Figuren?
In der Barockzeit ging man freizügiger mit Libretti um. Materialien, Texte und Informationen wurden gegenseitig herumgereicht. So nutzten die Komponisten, die wir für unser Programm auswählten, manchmal dieselben Libretti für gleichnamige Opern oder verteilten denselben Text auf verschiedene Figuren. Manchmal werden Stimmungswelten dadurch stark kontrastiert. Händel etwa gab den Text zur Arie «Mi restano le lagrime» der trauernden Alcina, im Vorgängerwerk von Riccardo Broschi allerdings gehört der Text zu Alcinas Schwester Morgana, die damit weniger dramatisch die ausbleibende Liebe besingt. Gemeinsam mit Concerto Köln habe ich diese ikonografischen Figuren studiert und ihre unterschiedlichen Ausdeutungen zusammengetragen. Ich freue mich sehr, mit diesem Programm nach Zürich zurückzukehren. Ich denke, dass die ausgewählten Heldinnen uns in diesem Jahr aus feministischer und geschichtlicher Perspektive mehr zu erzählen haben denn je.
Das Gespräch führte Lea Vaterlaus