Der Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson und Dramaturgin Jana Beckmann im Gespräch.
In seiner Neuinszenierung erzählt Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson Tannhäuser
als eine Geschichte über Heimatlosigkeit. Gefangen im eigenen Bewusstsein begibt er
sich auf eine Reise ins Innere zwischen Selbsttäuschung und Scheitern.
Was bedeutet Heimatlosigkeit für Tannhäuser?
Tannhäuser ist nicht nur heimatlos in der Welt, sondern auch heimatlos in sich. Er hat sich selbst verloren. Er ist immer auf der Flucht, getrieben von Unruhe und seiner eigenen Zerrissenheit. Wenn ihm ein Zuhause angeboten wird, kann er es nicht annehmen, weil er sich nirgendwo zu Hause fühlt. Tannhäuser befindet sich in einem Teufelskreis der permanenten Selbsttäuschung, die er auch auf seine Aussenwelt überträgt. Vielleicht ist das auch die allerschlimmste Form von Heimatlosigkeit und Einsamkeit. Diese existenzielle Heimatlosigkeit ist der Ausgangspunkt seiner Reise ins Innere, zu sich selbst.
Annie Ernaux schreibt: «Ein Pilger sucht nicht den Weg – der Weg formt ihn».
Ist Tannhäuser für dich eine Figur, die erst durch das Scheitern zu sich findet?
TA: Beim Pilgern geht es nicht ums Ankommen. Es geht darum, was man auf dem Weg über sich, über seinen Platz in der Welt und über seine innere Stimme erfährt. Pilgern bedeutet, bereit zu sein, eine spirituelle Wandlung zu durchlaufen, Demut zu erleben und seine Fehler anzunehmen. Tannhäuser ist dazu nicht in der Lage, was in Widerspruch zu seinem Selbstbild steht. Er erlebt in unserer Inszenierung eine Art Fegefeuer und befindet sich in einem sich ständig wiederholenden existenziellen Traum, dem er nicht entkommen kann. Ein Traum, in dem er immer wieder vor seinen Entscheidungen steht und in welchem er dazu verdammt ist, dieselben Fehler zu wiederholen – eine Reise des gescheiterten Heldentums, der gescheiterten Erlösung und der gescheiterten Liebe in Dauerschleife.
Wagners «Tannhäuser» lebt musikalisch von Brüchen und Widersprüchen, Theodor W. Adorno hat in Bezug auf diese Oper den Begriff der Phantasmagorie geprägt. Wie spiegelt sich dies in der Inszenierung?
TA: «Tannhäuser» steht im Kontrast zu Wagners späteren Musiktheaterwerken, die viel dichter komponiert sind. Die Musikdramaturgie lebt von Brüchen. Das hat uns dazu geführt, eine Traumlogik zu etablieren, um jedes Puzzleteil in dieser Bruchhaftigkeit, und in der Ernsthaftigkeit für sich betrachten zu können: Die gesamte Handlung findet in Tannhäusers Kopf statt. Durch die Logik des Traums, befinden wir uns in einem Raum, in dem das Unterbewusstsein, das im Traum wach wird, die Realität verzerrt und überschreibt oder das Geschehen lenkt nach ganz eigenen Regeln verhandelt. Das sehen wir u. a. durch die Vervielfachung seines Ichs. Als Pilger wandert er durch die Landschaft seines Inneren. Aber die Wahrhaftigkeiten der Erscheinungen sind flüchtig, entrinnen ihm. Was eben noch als schön empfunden wurde, kann im nächsten Moment zum Albtraum werden. Am Ende einer Traumsequenz kommt Tannhäuser zum nächsten Ort und eine weitere Prüfung erwartet ihn. Es geht um die Kipppunkte im Leben. Seine Reise ist eine von Brüchen und Widersprüchen und sie führt uns durch verschiedene emotionale Zustände. Diesen Brüchen spüren wir nach.
«Tannhäuser» ist eine Reise ins Innere. Der Raum der bildenden Künstlerin Erna Mist ist ein Abbild von Tannhäusers Seelenzustand – und zugleich eine surreale Landschaft.
Der Bühnenraum schafft eine Reihe innerer Landschaften – eine traumlogische Welt, in der Tannhäusers Zustand seine Umgebung durchdringt. Das räumliche Konzept entspringt Tannhäusers existenziellem, Sisyphus artigem Leiden. Der Venusberg ist eine Landschaft aus leeren Gläsern auf einem scheinbar unendlichen Tisch, während die Wartburg einem goldenen Käfig gleicht, dessen Wände sich mit klaustrophobischer Wucht allmählich zusammenziehen. Hinter jeder Oberfläche verbirgt sich ein Gefühl der Einsamkeit und Entfremdung, und am Ende verliert sich Tannhäuser in einem Spiegellabyrinth seines eigenen zersplitterten Selbst. Ebenso unbeständig ist seine Beziehung zur Liebe und da es die Idee der Liebe ist, die ihn verzehrt, und nicht die Liebe selbst, haben wir beschlossen, Elisabeth in eine Statue und Venus in eine Illusion zu verwandeln. Der gleichen Traumlogik folgend, sind die Pilger blosse Projektionen, die sein eigenes Unterbewusstsein verkörpern. Was wir auf der Bühne sehen, ist in Wirklichkeit Tannhäusers psychologische Landschaft, seine existenzielle Architektur und sein wechselndes emotionales Klima.
Die Welt bietet keine Wahrheiten, sondern Liebesmöglichkeiten. Du hast gesagt, dass es dir weniger um die Polarität – ein Entweder-Venusberg-oder-Wartburg – geht als um die Überwindung dieser zwei Welten …
TA: Es gibt Situationen im Leben, da träumt man von etwas, und wenn es Wirklichkeit wird, merkt man, dass der Traum und die Realität nichts miteinander zu tun haben. Wenn Tannhäuser merkt, dass weder Venus noch Elisabeth ihm geben wonach er sucht, erkennt er, dass er sich getäuscht hat, ohne eine Lehre aus der Selbstbegegnung zu ziehen. Er scheitert, denn er bleibt derselbe Mann mit denselben Problemen, mit denselben Charakterschwächen. Venus zeigt, wie gefährlich und toxisch diese Beziehung ist. Sie ist das Gegenteil von Elisabeth, die für eine andere Art von Liebe, auch eine andere Art von Weltsicht steht. Die Wartburg und Elisabeth als Prinzip der Konformität und Konventionen zu verstehen, und die freie Liebe des Venusbergs als Gegensatz zu begreifen, scheint mir nur ein Teil der Wahrheit zu sein. Ich möchte darüber hinaus die existenzielle Reise einer Figur auf einer persönlicheren Ebene betrachten: Die rastlose Suche nach Erfüllung verurteilt ihn dazu, niemals Frieden zu finden. Kaum ist ein Wunsch erfüllt, entsteht bereits der nächste; immer scheint das Glück anderswo zu liegen, das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite. So wird das Begehren selbst zum Motor einer endlosen Bewegung. Daher geht es mir nicht darum die Welten gegeneinander auszuspielen. Elisabeth und Venus repräsentieren Tannhäusers Auseinandersetzung mit der Liebe und seiner Unmöglichkeit zu lieben, zu leben und sich in der Welt zurechtzufinden. Es geht um Flucht als Lebensmodus.
Was erwartet ihn in der Wartburg?
TA: Die Party auf der Wartburg, zu der Tannhäuser eingeladen ist, kann zunächst sehr verlockend sein, gerade wenn man sich einsam fühlt. Vor allem wenn man dort aufgewachsen ist und ausgestossen wurde: Eine Hoffnung, eine Nostalgie und die Möglichkeit einer Rückkehr. Gezeigt wird das Bild einer neoliberalen Elite, eine Art «Champagne Socialists», die den uneingeschränkten Luxus eines gutbürgerlichen Lebens geniessen, während sie soziale Gerechtigkeit und Progressivität predigen. Die Wartburg beschreibt ein System, das im Kern aber zutiefst reaktionär und patriarchal ist. Männer sind Teil einer verachtenden Gesellschaft, denen es vor allem um die Aufrechterhaltung ihrer Privilegien geht. Frauen werden von ihnen als Eigentum betrachtet und verehrt – solange sie keine eigene Entscheidungsmacht ausüben.
Warum ist Elisabeths Tod keine Selbstaufgabe, sondern ein Akt der Selbstbestimmung
TA: Elisabeth opfert sich nicht für Tannhäuser. Sie entzieht sich bewusst einer Welt, in der sie keinen Platz hat, einer Welt, die sie zur Projektionsfläche macht und objektifiziert. Als sie sich zwischen die Gesellschaft der Wartburg und Tannhäuser stellt, glaubt sie noch daran, dass ein Mensch sich ändern kann. Durch Tannhäuser sieht sie einen Weg in die Freiheit. Sie handelt nicht als Opfer, sondern als jemand, der wirklich an Veränderung glaubt – für ihn wie auch für sich. Wir zeigen sie als starke Frau, die wütend und zutiefst enttäuscht ist. Sie kennt ihre vorgezeichnete Rolle: Sie ist der Preis des Sängerkriegs. Aber sie stirbt nicht, weil Tannhäuser keine Erlösung findet. Sie geht, weil Tannhäuser die Idee verrät, für die er stehen könnte. Damit nimmt er ihr die Möglichkeit, anders und freier zu leben. Ihr Tod ist kein Opfer – es ist ein Akt der Selbstbestimmung. Sie verlässt eine Welt, in der ihre Hoffnung keine Zukunft hat.
Inwiefern spiegeln Zerrissenheit, Ohnmacht und das Gefühl des Scheiterns, das Tannhäuser erlebt, ein aktuelles gesellschaftliches Phänomen?
TA: Tannhäuser würde sich lieber in der Glückseligkeit der Unwissenheit und der Zerstreuung verlieren, als sich den ernsten und komplexen Fragen zu stellen, mit denen die Gesellschaft heute konfrontiert ist. Er steht zwischen der Sehnsucht nach einer vergangenen Welt und der Notwendigkeit von Veränderung. Dies spiegelt wider, was meiner Meinung nach viele Menschen heute empfinden: die Unfähigkeit echte Handlungsfähigkeit zu erlangen.