Vivaldi / Verdi

5. Philharmonisches/2. La Scintilla-Konzert

14. April 2019

Giuseppe Verdi
I vespri siciliani, Ballettmusik

Antonio Vivaldi
Le quattro stagioni

  • Dauer:
    1 Std. 50 Min. Inkl. Pause nach dem 1. Teil nach ca. 40 Min.
  • Weitere Informationen:
    Werkeinführung jeweils 45 Min. vor Vorstellungsbeginn.

Musikalische Leitung und Violine:
Riccardo Minasi

Riccardo Minasi

Riccardo Minasi ist Erster Gastdirigent des Ensemble Resonanz, das in der Hamburger Elbphilharmonie beheimatet ist, sowie künstlerischer Leiter des Orchesters La Scintilla an der Oper Zürich, Positionen, die er seit 2022 innehat. Zuvor war er von 2011 bis 2016 Mitbegründer und Dirigent von Il Pomo d’Oro, von 2017 bis 2022 Chefdirigent des Salzburger Mozarteumorchesters und von 2022 bis 2025 Musikdirektor des Teatro Carlo Felice in Genua. Als Dirigent leitete er zahlreiche renommierte Orchester weltweit, darunter das Tokyo Metropolitan Orchestra, die Berliner Philharmoniker, die Staatskapelle Dresden, das Concertgebouw-Orchester Amsterdam, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das Orchestre Philharmonique de Radio France, die Münchner Philharmoniker und das SWR Symphonieorchester Stuttgart. Engagements als musikalischer Leiter diverser Opernproduktionen führten ihn u. a. an die Salzburger Festspiele, das Opernhaus Zürich, an die Staatsoper Hamburg und die Dutch National Opera. Darüber hinaus war er musikhistorischer Berater des Orchestre Symphonique de Montréal und gab mit Maurizio Biondi die kritische Ausgabe von Bellinis «Norma» bei Bärenreiter heraus. Als Solist trat Ricardo Minasi mit den bedeutendsten Ensembles der Alten-Musik-Szene auf, darunter Il Giardino Armonico und Le Concert des Nations. Zu Minasis reicher Diskografie gehören Aufnahmen mit Künstlern wie Joyce DiDonato, Juan Diego Flórez und Philippe Jaroussky. Vier seiner Alben haben den renommierten ECHO Klassik Award gewonnen. Zu den Einspielungen gehören Haydns «Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze» und C.P.E. Bachs Violoncellokonzerte mit Jean-Guihen Queyras beim Label Harmonia Mundi.

Bezuidenhout & Minasi15 März 2026

Besetzung

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Orchestra La Scintilla

Die Pflege der historischen Aufführungspraxis hat am Opern­haus Zürich seit dem Monteverdi-Zyklus in den 1970er Jahren Tradition. Bei der folgenden Reihe der Mozart-Opern mit dem Lei­tungs­­­team Harnoncourt/Ponnelle wurde weiter Pio­nierarbeit geleistet, und die Musikerinnen und Musiker passten ihre Spieltechnik den neue­sten Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis an. 1996 formierte sich aus dem Orchester der Oper ein eigenständiges Ensemble von erstklassigen spezialisierten MusikerInnen, das sich einen hervorragenden Ruf erwerben konnte. Der Funke der Begeisterung an neuer «Alter Musik» gab dem Ensemble seinen Namen: La Scintilla – der Funke. Aufführungen mit Koryphäen des Faches wie Nikolaus Har­non­court (u.a. Il ritorno d’Ulisse in patria, Idomeneo), William Christie (u.a. Orphée et Euridice, Les Indes galantes, Orlando), Mark Minkowski (Les Boréades, Giulio Cesare), Reinhard Goebel und Giuliano Carmignola gerieten so erfolgreich, dass das Opernhaus Zürich alle barocken und fast alle aus der klassischen Zeit stammenden Opern von seiner Barockforma­tion La Scintilla spielen liess und lässt. Ausserdem konzertiert das Orchestra La Scintilla der Oper Zürich mit namhaften Solisten – Instrumentalisten wie Sängern – und tritt unter der Leitung von Ada Pesch regelmässig in den gros­­sen Konzertsälen Europas wie der Londoner Royal Festival Hall, dem Concertgebouw Am­sterdam, der Philharmonie Berlin und dem KKL Luzern auf. Äusserst erfolgreich begleitete das Orchester Cecilia Bartoli auf mehrwöchigen Konzertreisen in Nordamerika und Europa (u.a. in der Carnegie Hall).

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Kurzgefasst

Die Vier Jahreszeiten sind zweifellos das bekannteste Werk von Antonio Vivaldi. Dank zahlloser Interpretationen und Aufnahmen erfreuen sich diese vier Violinkonzerte aus dem Jahr 1725 weit über die Grenzen des Konzertsaals hinaus grosser Beliebtheit. Jedes Konzert fängt auf betörend einprägsame Weise die Stimmung einer Jahreszeit ein – vom heiteren Frühlingserwachen über die drückende Sommerhitze bis zu den Freuden der Herbstjagd in bunten Wäldern und dem eisigen Frost des Winters reicht die Palette der Assoziationen. Der italienische Geiger und Dirigent Riccardo Minasi bringt die vier Konzerte mit dem Orchestra La Scintilla zum Erklingen und kombiniert sie mit einer anderen Jahreszeiten-Komposition, die 130 Jahre später entstanden ist: Für die Pariser Aufführung seiner Oper Les vêpres siciliennes komponierte Giuseppe Verdi eine Ballett-Musik, die ebenfalls den vier Jahreszeiten gewidmet ist. Auch dieses romantische Orchesterwerk wird vom Orchestra La Scintilla auf dem Instrumentarium der damaligen Zeit interpretiert.

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Gut zu wissen

Der Sturz des Angebers

Die geniale Stelle

Eine Stelle in Antonio Vivaldis Violinkonzert «Der Winter»

Wer einmal beim Schlittschuhlaufen gewesen ist, kennt ihn bestimmt: Den König der Eisbahn, den mit den teuersten Schlittschuhen und der schicksten Kleidung, der seine Runden dreht, kleine Pirouetten und gewagte Sprünge einlegt und nur eins zu be­dauern scheint: dass das Eis kein perfekter Spiegel ist, in dem er sich selbst ebenso begeistert bewundern kann, wie er es sich von den anderen Schlittschuhläufern gern gefallen lässt.

Im letzten Satz seines Violinkonzerts mit dem programmatischen Titel Der Winter porträtiert Antonio Vivaldi diesen Typus des schlittschuhbewehrten Angebers, den es mit Sicherheit seit der Erfindung der Schlittschuhe gibt. Lange, weit ausgreifende Linien der Solovioline schildern die möglichst raumgreifend angelegten Bahnen des Schlittschuhläufers. Das Orchester steuert nur einen langen Orgelpunkt bei: Die Umstehenden schauen staunend und vielleicht ein wenig neidisch zu, was der Mann so alles kann. Die Bewunderung spornt den Läufer an: noch ein paar schwungvolle Kreise, einige Trippelschritte, noch eine gewagte Drehung und pardauz… Da liegt er. Der unvermeidliche und von den Zuschauern heimlich mit diebischer Vorfreude erwartete Moment ist gekommen: Ein niederstürzender Lauf des ganzen Orchesters schildert den Sturz des Angebers, der ziemlich unelegant aufs Eis plumpst. Ein paar abgerissene Figuren malen die erfolglosen Versuche, schnell wieder auf die Beine zu kommen, und schliesslich das schadenfrohe Gelächter der Umstehenden. Auch solche Schadenfreude gehört zu den Genüssen des Winters, die Vivaldi in seinem Konzert schildern wollte.

Derartige musikalische Malerei ist durchaus umstritten. So mancher Spezialist rümpft darüber die Nase und erklärt mit erhobenem Zeigefinger, dass es die holde Kunst der Musik entwürdige, wenn sie zur Schilderung banaler Vorgänge des Lebens missbraucht werde. Aber auch der kritischste Kenner wird immer wieder dem Charme erliegen, mit dem Vivaldi in seinen Vier Jahreszeiten kleine und meist witzige Geschichten musikalisch zu erzählen weiss. Und zweifellos liegt gerade hierin der Grund der ungeheuren Popularität dieser Werke.

Aber welchen Sinn hat es, eine so simple Geschichte musikalisch zu erzählen, die, wenn man sie in Worten wiedergibt, eigentlich nicht besonders interessant ist? Warum hört man ihr gern zu, wenn sie im Gewand eines Violinkonzerts daherkommt? Es gibt sicher viele mögliche Erklärungen dafür, aber die beiden wichtigsten Gründe sind wohl, dass es Menschen Freude macht, wenn ihre Phantasie angeregt wird, und dass sie gern Rätsel lösen. Und am beliebtesten sind Rätsel, die zu ihrer Lösung Phantasie erfordern. Das Rätsel, das der Hörer zu lösen hat, ist aus den musikalischen Strukturen das Geschehen zu entnehmen, und das geht nur, wenn er in seiner Phantasie die Bewegungen entstehen lässt, die die Musik evoziert. Vivaldi macht dem Hörer das Vergnügen, in der Musik den eitlen Eisläufer und seine Blamage zu entdecken und dem Hörer ein dankbares Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Und der Hörer dankt ihm mit der Liebe zu dem Werk, das ihm solchen bereichernden Genuss bereitet hat.

P. S.: Wer das der Komposition zugrundeliegende Sonett kennt, weiss, dass es die Geschichte anders erzählt. Es gehört auch zum Reiz solcher musikalischen Erzählungen, dass sie die Phantasie gleichzeitig herausfordern und befreien: Die Musik regt zu ihrer spielerischen Deutung an, und der Hörer mag es geniessen, bei jeder neuen Begegnung andere Geschichten zu entdecken, von denen keine falsch oder etwa die einzig wahre ist.


Text von Werner Hintze.
Dieser Artikel ist erschienen in MAG 67, März 2019.
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