Philippe Jaroussky dirigiert erstmals das Orchestra La Scintilla
Auf der Bühne des Opernhauses Zürich stand der Countertenor Philippe Jaroussky zuletzt vor fast zehn Jahren. An der Seite von Cecilia Bartoli sang er damals den Ruggiero in Christof Loys gefeierter Inszenierung von Händels «Alcina». Jaroussky, der seit seinem Durchbruch im Jahr 1999 als Ausnahmetalent seines Fachs gilt, war in Bestform. Ich erinnere mich an ein lustiges Aufeinandertreffen in der Kantine: Ich stellte mich vor: «Je suis dramaturge», worauf er antwortete: «Enchanté, je suis drama-queen!»
«Habe ich das wirklich gesagt?», lacht er heute, als er mir in einem Café unweit des Bahnhofs von Strassburg gegenübersitzt. Er ist bereits auf dem Rückweg nach Paris, nachdem er hier in der restlos ausverkauften Kirche Saint-Guillaume sein neustes Konzertprogramm gesungen hat: «Gelosia!», Eifersucht, ist das Thema dieses Programms mit italienischen Kammerkantaten, das im vergangenen Jahr auch als Album erschienen ist. Ein dramatischer Affekt.
Im schwarzen Dreiteiler mit Krawatte wirkt Jaroussky auf dem Podium aber eher seriös, konzentriert. Die schillernde «drama-queen» entfaltet sich nur vokal: mit seiner lyrischen, an Farben reichen Stimme und stupenden Technik begeistert der Countertenor das Publikum bis zur letzten Zugabe. Begleitet wird er von sechs Musiker:innen des Ensembles Artaserse, das er bereits wenige Jahre nach seinem Karrierestart gegründet hatte. «Mit manchen von ihnen arbeite ich bereits seit drei Jahrzehnten zusammen!», sagt Jaroussky, der gerade selbst sein 25-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert hat.
Sein neues Album «Gelosia!» ist ebenfalls mit weit zurückliegenden Erinnerungen verbunden: «In den letzten zehn Jahren fokussierten sich viele meiner Kollegen in ihren Programmen auf neapolitanische Opernarien. Während meines Studiums habe ich aber viele Aufnahmen von zwei französischen Countertenören gehört: Gérard Lesne und Henri Ledroit. Beide haben zahlreiche Kantaten aufgenommen. Mit meinem neuen Album wollte ich dort anknüpfen und habe zwei Kantaten von Baldassare Galuppi und Nicola Porpora
gefunden, die beide den gleichen Text auf die Eifersucht von Pietro Metastasio auf ganz unterschiedliche Weise vertonten. Beide Kantaten sind noch nie aufgenommen worden, was bei diesem berühmten Librettisten doch sehr erstaunlich ist!» Das Zusammenstellen von Alben ist eine grosse Leidenschaft von Jaroussky, er vergleicht es gerne mit dem Kreieren eines Parfüms. Auf dem neuen Album finden sich ausserdem Kantaten von Alessandro Scarlatti und Antonio Vivaldi, wobei das titelgebende Wort «gelosia» insgesamt aber nur ein einziges Mal vorkommt: in der Kantate «Mi palpita il cor», die der junge Georg Friedrich Händel in seinen frühen Lehrjahren in Italien komponierte.
Über Händel, der in Jarousskys Karriere eine zentrale Stellung einnimmt, will ich heute mit ihm sprechen, allerdings weniger über das Singen: Im Rahmen des neuen Festivals Zürich Barock dirigiert er nämlich erstmals das Orchestra La Scintilla in Händels früher Serenata «Aci, Galatea e Polifemo».
Genau vor zehn Jahren sagte der gefeierte Sänger in einem Interview: «In zehn Jahren will ich ein bisschen mehr dirigieren und etwas weniger singen». Und so ist es gekommen. Hat Jaroussky diese zweite Karriere also von langer Hand geplant?
«Ich habe mir nie vorgestellt, dass ich mit 60 noch singen werde», sagt Jaroussky, «Jetzt gehe ich auf die 50 zu. Für einen Bassbariton wäre das jung, aber die Stimme eines Countertenors darf man damit nicht vergleichen ... Ich würde aber nicht sagen, dass ich mit dem Dirigieren anfange, weil ich generell mit dem Singen aufhören möchte. Es ist eher umgekehrt: Seit ich mehr dirigiere, merke ich, dass ich vielleicht ein paar Jahre länger werde singen können, weil nicht der ganze Fokus auf meiner Stimme liegt und ich ihr zuweilen längere Ruhepausen gönne. Ich würde zum Beispiel gerne etwas mehr Bach singen, was ich bisher noch nicht so viel gemacht habe.»
Einen Dirigenten hat das klein besetzte Ensemble Artaserse im Strassburger Konzert nicht nötig: Im Kern dieses Orchesters sitzen langjährige Freunde, die Jaroussky wie eine Band die Bühne betreiten und mit Blicken, Gesten und ihrer Atmung kommunizieren. Der Sänger hat dieses Ensemble auch nicht in erster Linie gegründet, um es einmal zu dirigieren: Er war sich früh bewusst, dass sich seine besondere Stimme – «nicht ganz Alt, nicht ganz Sopran» – nicht so leicht fürs Opernrepertoire casten lässt, und wollte sich eine eigene Möglichkeit schaffen, sein Repertoire und seine Programme möglichst frei wählen zu können.
Unterdessen ist das Ensemble Artaserse gewachsen und spielte in grosser Besetzung ganze Opern – zum Beispiel Händels «Giulio Cesare» unter der Leitung von Jaroussky im Théâtre des Champs-Élysées in Paris.
«Ich war ganz schön aufgeregt, als ich da im Orchestergraben stand», gesteht Jaroussky, schliesslich gehöre «Giulio Cesare» zu den grössten und anspruchsvollsten Partituren Händels. Eigentlich versuche er eher mit leichteren Werken anzufangen: Im vergangenen Jahr hat er etwa Mozarts frühen «Mitridate» dirigiert, jetzt träumt er von «Idomeneo».
Und auch bei Händel geht er bei Zürich Barock noch einmal zum Frühwerk zurück: «Aci, Galatea e Polifemo» wurde 1708 anlässlich von Hochzeitsfeierlichkeiten in Neapel uraufgeführt. Der aus Halle stammende Komponist war damals 23 Jahre alt und sog auf seiner mehrjährigen Italienreise alles auf, was es dort zu entdecken gab. «Händel hat damals viel bei anderen Komponisten abgeguckt», weiss Jaroussky, «ich habe bei meinen Recherchen habe ich einige berühmte ‹Händel›-Arien gefunden, die eigentlich von jemand anderem stammen. Später hat Händel dann bekanntlich gerne bei sich selber «geklaut» – auf «Aci, Galatea e Polifemo» hat er für seine späteren Opern besonders gerne zurückgegriffen.
Eine richtige Oper ist diese Serenata aber noch nicht. Die Partitur sieht nur drei Sängerinnen und Sänger vor, und die Handlung, die sich ähnlich auch in Ovids «Metamorphosen» findet, ist übersichtlich, fast bilderbuchartig – und eignet sich deshalb ganz besonders für eine konzertante Aufführung, findet Jaroussky. Inhaltlich steht übrigens auch hier die Eifersucht im Zentrum: Der einäugige Riese Polyphem stellt der Meernymphe Galatea nach und erträgt es nicht, dass diese ihre ganze Aufmerksamkeit dem Hirtenjungen Acis schenkt. Als Galatea Polyphem entschieden zurückweist und verspottet, rächt sich dieser und erschlägt Acis mit einem Stein. Voller Schmerz bittet Galatea darum, dass Acis in einen Fluss verwandelt werde, damit sie im Meer wieder zusammenfliessen können.
Dieser archaische Stoff über drei Liebende inspirierte Händel zu einer Reihe von ausdrucksstarken Arien, aber auch zu Duetten und Terzetten. «Händel wollte demonstrieren, was er in Italien gelernt hat», sagt Jaroussky. «Mit Agostino Stefani und Benedetto Marcello lebten damals in Italien zwei Komponisten, die grossartige Duette geschrieben haben. Händel muss diese Musik gekannt haben». Besonders aufregend sei «Aci, Galatea e Polifemo» aber auch wegen der Partie des Polyphem: «Die Rolle fordert von dem Bassisten einen riesigen Stimmumfang – das ist nicht sehr menschlich!», sondern riesenhaft eben.
Der Hirte Acis ist übrigens die höchste Stimme in diesem Stück und wurde bei der Uraufführung von einer Sopranistin gesungen, die Nymphe Galatea hingegen von einem Altkastraten. Am Opernhaus Zürich geht es gendertechnisch nicht so übers Kreuz: Unter Jarousskys Leitung wird der brasilianische Sopranist Bruno de Sá als Acis zu erleben sein – «für ihn liegt diese Partie überhaupt nicht hoch,» scherzt Jaroussky –, die amerikanische Mezzosopranistin Elizabeth DeShong ist Galatea und der französische Bass Nicolas Brooymans, der unter Jarousskys Leitung bereits in «Alcina» gesungen hat, übernimmt den spektakulären Part des Polyphem.
Als Dirigent sei er von vielen verschiedenen Menschen beeinflusst, meint Jaroussky. Und das ist nicht verwunderlich. Schliesslich hat er in seiner langen Bühnenkarriere unter der Leitung der bedeutendsten Dirigenten der Alten-Musik-Szene gesungen. Manchmal sei man als Sänger aber auch frustriert, denn «man wird nicht immer gut behandelt. Oft ist die Zeit bis zur Premiere knapp, und alle sind gestresst. Als Sänger wird einem dann zuweilen kein eigener Standpunkt eingeräumt. Man hat dem Dirigenten und dem Regisseur zu gehorchen.»
Als Dirigent lernte Jaroussky in den vergangenen Jahren gerade die entgegengesetzte Perspektive kennen: Manchmal habe er jetzt etwa ein Tempo im Kopf, das nicht mit dem übereinstimme, was eine Sängerin oder ein Sänger über Monate hinweg einstudiert habe. Sich dann als Dirigent zurückzunehmen, anzupassen oder auch einmal zu entschuldigen, ist ihm wichtig – und sicher eine seiner grossen Stärken. Gleichzeitig singen und dirigieren, wie das einige andere Dirigenten im barocken Repertoire tun, will Jaroussky nicht. Für den Wechsel zwischen den beiden Positionen braucht er sogar mindestens eine Woche Zeit.
Bevor Philippe Jaroussky wieder durch den frostigen Januartag zum Bahnhof eilt, unterhalten wir uns noch über ein geplantes Projekt, über Besetzungs-, Fassungs- und Inszenierungsfragen. Nur soviel sei schon gesagt: Jaroussky wird in der kommenden Spielzeit eine Oper dirigieren, in der gleich mehrere Countertenöre auf der Bühne stehen. Unter anderem der junge Franzose Paul-Antoine Bénos-Djian, der vor einigen Jahren noch von dem berühmten Vorbild unterrichtet wurde. Jaroussky freut sich riesig über dessen Erfolg. Aber manchmal sei es gar nicht so leicht zu akzeptieren, dass dieser tolle Sänger einmal sein Schüler war …
Erst einmal steht Jaroussky im Rahmen der Mozartwoche in Salzburg wieder als Sänger auf der Bühne. Und dann ist er sehr gespannt, wie die Musiker:innen des Orchestra La Scintilla auf ihn reagieren, wenn er in Zürich nicht mehr auf der Bühne, sondern vor ihnen steht.
Text: Fabio Dietsche