Aci, Galatea e Polifemo

Georg Friedrich Händel

Serenata a tre HWV 72
Libretto von Nicola Giuvo nach Ovid

Von 20. März 2026 bis 29. März 2026

  • Sprache:
    In italienischer Sprache mit deutscher und englischer Übertitelung.
  • Weitere Informationen:
    Im Rahmen von Zürich Barock
    Konzertante Aufführung

    © Plakatmotiv (Ausschnitt) von Huang Ko Wei (Scatter)

Musikalische Leitung:
Philippe Jaroussky

Philippe Jaroussky

Philippe Jaroussky, französischer Countertenor und Dirigent, begann sein Gesangsstudium in Paris nach Studien in Violine, Klavier und Komposition an den Musikakademien von Versailles und Boulogne. Im Bereich der Barockmusik hat er sich ein breites Repertoire erarbeitet, das von Monteverdi und Luigi Rossi bis Händel und Vivaldi reicht. Darüber hinaus wirkte er in der Uraufführung von Saariahos «Only the Sound Remains» in Amsterdam und an der Opéra de Paris mit, die speziell für seine Stimme geschrieben wurde, und sang 2024 in in Dalbavies jüngster Oper «Melancholie des Widerstands» an der Staatsoper Berlin. Er arbeitet mit den führenden Ensembles der Alten Musik, darunter das Freiburger Barockorchester, Il pomo d’oro, Les Arts Florissants, Le Concert d’Astrée, L’Arpeggiata, Concerto Köln und das Ensemble Matheus. 2009 debütierte er mit einem Farinelli-Programm bei den Salzburger Pfingstfestspielen und war dort später in «Giulio Cesare» zu erleben. Zu seiner Diskografie zählen u. a. das Album «Heroes» mit Vivaldi-Opernarien, das mit einem Disque d’Or, einem Diapason d’Or, einem Choc du Monde de la Musique und einem Grammophone Award ausgezeichnet wurde, wie auch die mit dem Ensemble Artaserse eingespielten Vivaldi-Alben «Pieta» und «Virtuoso Cantatas». Bei den Victoires de la Musique wurde er 2004 als «Neuentdeckung», 2007 und 2010 als «Sänger des Jahres» ausgezeichnet; 2008 erhielt er einen Echo Klassik als «Sänger des Jahres». Seit 2021 ist Philippe Jaroussky auch als Dirigent aktiv, vor allem mit seinem 2002 gegründeten Ensemble Artaserse. 2019 wurde er von der französischen Regierung zum «Officier des Arts et des Lettres» ernannt.

Aci, Galatea e Polifemo20 / 29 März 2026

Besetzung


Aci Bruno de Sá


Galatea Elizabeth DeShong


Polifemo Nicolas Brooymans

Bruno de Sá

Der in Brasilien aufgewachsene Sopranist Bruno de Sá gilt als einer der aufregendsten Nachwuchskünstler unserer Zeit. 2015 gab er sein Operndebüt als Sesto («La clemenza di Tito») am Teatro São Pedro in São Paulo und kehrte später u. a. als Gherardino («Gianni Schicchi»), Cherubino («Le nozze di Figaro») und Erste Dame («Die Zauberflöte») dorthin zurück. Beim Festival Amazonas de Ópera sang er den Hirten («Tannhäuser») sowie ein Konzert zu Ehren des Sängers Farinelli. Sein Europa-Debüt gab er 2019 als Aci in Bononcinis «Polifemo» in Potsdam und Bayreuth. 2019/20 war er Mitglied im Opernstudio am Theater Basel und sang dort u. a. die kleine Meerjungfrau («Andersens Erzählungen») und Barbarina («Le nozze di Figaro»). Weitere Rollen waren u. a. Sesto («Giulio Cesare») an der Oper Halle, Isacio in Hasses «Irene» mit dem Helsinki Barockorchester, Abel in Scarlattis «Il primo omicidio» in Metz, Versailles, Montpellier und Salzburg sowie Nerone («Agrippina») am Schlosstheater Drottningholm. Er gab sein Rollendebüt als Orfeo bei den Gluck-Festspielen, sang das barocke Pasticcio «Sehnsucht» an der Oper Dortmund, Aminta bei den Händel-Festspielen Göttingen, Pergolesis «Stabat mater» beim Verbier Festival, Stéphano («Roméo et Juliette») an der Opéra de Rouen und Don Elviro («Don Giovanni») an der Komischen Oper Berlin. Mit den Ensembles Il pomo d’oro, Les Accents, nuovo barocco und 1700 gastierte er europaweit. 2020 erhielt er den OPER! Award, 2022 die ForumOpéra-Trophäe und 2024 den Österreichischen Musiktheaterpreis für seine Aminta in Vivaldis «L’Olimpiade». Als Exklusivkünstler von Erato/Warner Classics veröffentlichte er 2024 sein zweites Soloalbum «Mille Affetti».

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Elizabeth DeShong

Die Mezzosopranistin Elizabeth DeShong stammt aus Amerika. Sie tritt regelmässig auf den grossen Opern- und Konzertbühnen der USA und Europas auf, darunter die Metropolitan Opera New York, San Francisco Opera, Chicago Lyric Opera, Los Angeles Opera, Dallas Opera, English National Opera, die Bayerische und die Wiener Staatsoper sowie die Festivals in Glyndebourne und Aix-en-Provence. Ihr Repertoire umfasst Rollen wie Angelina («La Cenerentola»), Calbo («Maometto II»), Arsace («Semiramide»), Rosina («Il barbiere di Siviglia»), Hermia («A Midsummer Night’s Dream»), Hänsel («Hänsel und Gretel»), Maffio Orsini («Lucrezia Borgia»), Fenena («Nabucco»), Suzuki («Madama Butterfly»), Fricka («Das Rheingold»), Dorabella («Così fan tutte») sowie den Ankleider, den Schuljungen und den Pagen in Alban Bergs «Lulu». 2010 wurde sie mit dem Artist of the Year-Preis der Washington National Opera für ihre Verkörperung des Komponisten in Strauss’ «Ariadne auf Naxos» ausgezeichnet. Im Konzertbereich trat sie u. a. mit dem Philadelphia Orchestra, Chicago Symphony Orchestra, Cleveland Orchestra, der Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Houston Symphony und The English Concert auf. Ihre Aufnahme von Händels «Messiah» mit dem Toronto Symphony Orchestra erschien bei Chandos und wurde 2018 für zwei Grammy Awards nominiert. Zuletzt sang sie u. a. Azucena («Il trovatore») an der Staatsoper Stuttgart, Medoro («Orlando») am Théâtre du Châtelet in Paris, Octavia in John Adams’ «Antony and Cleopatra» an der Metropolitan Opera, einen Konzertabend mit Beethovens «Missa solemnis» an der Mailänder Scala sowie Ulrica («Un ballo in maschera») am Teatro San Carlo in Neapel.

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Nicolas Brooymans

Der französische Bass Nicolas Brooymans zählt zu den gefragtesten Interpreten für das Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts. Eine enge Zusammenarbeit verbindet ihn mit dem Ensemble Correspondances und Sébastien Daucé. Gemeinsame Aufnahmen umfassen Werke von Étienne Moulinié bis Marc-Antoine Charpentier. Er arbeitet regelmässig mit Ensembles wie Pygmalion unter der Leitung von Raphaël Pichon, Collegium 1704, Les Arts Florissants, dem Ensemble Jupiter und Le Banquet Céleste. 2019 erschien das Album «Come Sorrow» mit Musik aus der elisabethanischen Zeit und mit dem Ensemble Près de votre oreille. Nicolas Brooymans sang die Basspartien in u. a. Mozarts «Requiem», Bachs Passionen, Haydns «Schöpfung», Puccinis «Messa di Gloria», Verdis «Requiem» und Rossinis «Stabat Mater». Auf der Opernbühne war er u. a. in der Wiederaufnahme von «Combattimento, la théorie du cygne noir» aus Aix-en-Provence am Théâtre de Caen, in der «Zauberflöte» an der Opéra Royal de Versailles, in Rossinis «La Cenerentola» am Théâtre des Champs-Élysées, an der Opéra de Bordeaux und der Opéra de Rouen, als Zuniga in Bizets «Carmen» an der Opéra de Toulon sowie in Monteverdis «L’incoronazione di Poppea» in Metz, Genf und Paris zu sehen. Mit dem Ensemble I Gemelli unternahm er grosse Europatourneen mit Monteverdis «Il ritorno d’Ulisse in patria» sowie mit Francesca Caccinis «La Liberazione di Ruggiero dall'isola d'Alcina». Aktuelle Engagements umfassen eine Tournee als Melisso («Alcina») unter der Leitung von Philippe Jaroussky in Paris, Barcelona und Montpellier, Il Re di Scozia («Ariodante») an der Versailler Oper, Polifemo («Aci, Galatea e Polifemo») am Opernhaus Zürich und Lesbo («Agrippina») in Rouen.

Aci, Galatea e Polifemo20 / 29 März 2026
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Orchestra La Scintilla

Die Pflege der historischen Aufführungspraxis hat am Opern­haus Zürich seit dem Monteverdi-Zyklus in den 1970er Jahren Tradition. Bei der folgenden Reihe der Mozart-Opern mit dem Lei­tungs­­­team Harnoncourt/Ponnelle wurde weiter Pio­nierarbeit geleistet, und die Musikerinnen und Musiker passten ihre Spieltechnik den neue­sten Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis an. 1996 formierte sich aus dem Orchester der Oper ein eigenständiges Ensemble von erstklassigen spezialisierten MusikerInnen, das sich einen hervorragenden Ruf erwerben konnte. Der Funke der Begeisterung an neuer «Alter Musik» gab dem Ensemble seinen Namen: La Scintilla – der Funke. Aufführungen mit Koryphäen des Faches wie Nikolaus Har­non­court (u.a. Il ritorno d’Ulisse in patria, Idomeneo), William Christie (u.a. Orphée et Euridice, Les Indes galantes, Orlando), Mark Minkowski (Les Boréades, Giulio Cesare), Reinhard Goebel und Giuliano Carmignola gerieten so erfolgreich, dass das Opernhaus Zürich alle barocken und fast alle aus der klassischen Zeit stammenden Opern von seiner Barockforma­tion La Scintilla spielen liess und lässt. Ausserdem konzertiert das Orchestra La Scintilla der Oper Zürich mit namhaften Solisten – Instrumentalisten wie Sängern – und tritt unter der Leitung von Ada Pesch regelmässig in den gros­­sen Konzertsälen Europas wie der Londoner Royal Festival Hall, dem Concertgebouw Am­sterdam, der Philharmonie Berlin und dem KKL Luzern auf. Äusserst erfolgreich begleitete das Orchester Cecilia Bartoli auf mehrwöchigen Konzertreisen in Nordamerika und Europa (u.a. in der Carnegie Hall).

La clemenza di Tito26 / 29 Apr. / 3 / 8 / 15 / 17 / 20 / 25 Mai 2026 2. Konzert La Scintilla15 Dez. 2025 Giulio Cesare in Egitto11 / 13 / 15 / 17 / 21 / 25 / 28 März 2026 3. Konzert La Scintilla18 Mai 2026 Bezuidenhout & Minasi15 März 2026 Aci, Galatea e Polifemo20 / 29 März 2026 Johannes-Passion24 März 2026

Kurzgefasst

Wie bei allen Episoden von Ovids «Metamorphosen» findet auch hier eine Verwandlung statt: Die Wassernymphe Galatea verwandelt ihren Geliebten Acis in eine Quelle, nachdem dieser von seinem Nebenbuhler, dem Riesen Polifemo, erschlagen wurde. Die Dreiecksgeschichte entzündete die Fantasie zahlreicher Künstler – auch die des erst 23-jährigen Händel. Seine Serenata ist eine charmante Miniaturoper, in der sich viele Stücke entdecken lassen, die Händel auch in späteren Werken verwendete. Philippe Jaroussky, als Countertenor ein Weltstar, hat sich mittlerweile auch als Dirigent einen Namen gemacht und leitet zum ersten Mal das Orchestra La Scintilla.

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Gut zu wissen

Philippe Jaroussky

Philippe Jaroussky dirigiert erstmals das Orchestra La Scintilla

Auf der Bühne des Opernhauses Zürich stand der Countertenor Philippe Jaroussky zuletzt vor fast zehn Jahren. An der Seite von Cecilia Bartoli sang er damals den Ruggiero in Christof Loys gefeierter Inszenierung von Händels «Alcina». Jaroussky, der seit seinem Durchbruch im Jahr 1999 als Ausnahmetalent seines Fachs gilt, war in Bestform. Ich erinnere mich an ein lustiges Aufeinandertreffen in der Kantine: Ich stellte mich vor: «Je suis dramaturge», worauf er antwortete: «Enchanté, je suis drama-queen!»

«Habe ich das wirklich gesagt?», lacht er heute, als er mir in einem Café unweit des Bahnhofs von Strassburg gegenübersitzt. Er ist bereits auf dem Rückweg nach Paris, nachdem er hier in der restlos ausverkauften Kirche Saint-Guillaume sein neustes Konzertprogramm gesungen hat: «Gelosia!», Eifersucht, ist das Thema dieses Programms mit italienischen Kammerkantaten, das im vergangenen Jahr auch als Album erschienen ist. Ein dramatischer Affekt.

Im schwarzen Dreiteiler mit Krawatte wirkt Jaroussky auf dem Podium aber eher seriös, konzentriert. Die schillernde «drama-queen» entfaltet sich nur vokal: mit seiner lyrischen, an Farben reichen Stimme und stupenden Technik begeistert der Countertenor das Publikum bis zur letzten Zugabe. Begleitet wird er von sechs Musiker:innen des Ensembles Artaserse, das er bereits wenige Jahre nach seinem Karrierestart gegründet hatte. «Mit manchen von ihnen arbeite ich bereits seit drei Jahrzehnten zusammen!», sagt Jaroussky, der gerade selbst sein 25-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert hat.

Sein neues Album «Gelosia!» ist ebenfalls mit weit zurückliegenden Erinnerungen verbunden: «In den letzten zehn Jahren fokussierten sich viele meiner Kollegen in ihren Programmen auf neapolitanische Opernarien. Während meines Studiums habe ich aber viele Aufnahmen von zwei französischen Countertenören gehört: Gérard Lesne und Henri Ledroit. Beide haben zahlreiche Kantaten aufgenommen. Mit meinem neuen Album wollte ich dort anknüpfen und habe zwei Kantaten von Baldassare Galuppi und Nicola Porpora 

gefunden, die beide den gleichen Text auf die Eifersucht von Pietro Metastasio auf ganz unterschiedliche Weise vertonten. Beide Kantaten sind noch nie aufgenommen worden, was bei diesem berühmten Librettisten doch sehr erstaunlich ist!» Das Zusammenstellen von Alben ist eine grosse Leidenschaft von Jaroussky, er vergleicht es gerne mit dem Kreieren eines Parfüms. Auf dem neuen Album finden sich ausserdem Kantaten von Alessandro Scarlatti und Antonio Vivaldi, wobei das titelgebende Wort «gelosia» insgesamt aber nur ein einziges Mal vorkommt: in der Kantate «Mi palpita il cor», die der junge Georg Friedrich Händel in seinen frühen Lehrjahren in Italien komponierte.

Über Händel, der in Jarousskys Karriere eine zentrale Stellung einnimmt, will ich heute mit ihm sprechen, allerdings weniger über das Singen: Im Rahmen des neuen Festivals Zürich Barock dirigiert er nämlich erstmals das Orchestra La Scintilla in Händels früher Serenata «Aci, Galatea e Polifemo».

Genau vor zehn Jahren sagte der gefeierte Sänger in einem Interview: «In zehn Jahren will ich ein bisschen mehr dirigieren und etwas weniger singen». Und so ist es gekommen. Hat Jaroussky diese zweite Karriere also von langer Hand geplant?

«Ich habe mir nie vorgestellt, dass ich mit 60 noch singen werde», sagt Jaroussky, «Jetzt gehe ich auf die 50 zu. Für einen Bassbariton wäre das jung, aber die Stimme eines Countertenors darf man damit nicht vergleichen ... Ich würde aber nicht sagen, dass ich mit dem Dirigieren anfange, weil ich generell mit dem Singen aufhören möchte. Es ist eher umgekehrt: Seit ich mehr dirigiere, merke ich, dass ich vielleicht ein paar Jahre länger werde singen können, weil nicht der ganze Fokus auf meiner Stimme liegt und ich ihr zuweilen längere Ruhepausen gönne. Ich würde zum Beispiel gerne etwas mehr Bach singen, was ich bisher noch nicht so viel gemacht habe.»

Einen Dirigenten hat das klein besetzte Ensemble Artaserse im Strassburger Konzert nicht nötig: Im Kern dieses Orchesters sitzen langjährige Freunde, die Jaroussky wie eine Band die Bühne betreiten und mit Blicken, Gesten und ihrer Atmung kommunizieren. Der Sänger hat dieses Ensemble auch nicht in erster Linie gegründet, um es einmal zu dirigieren: Er war sich früh bewusst, dass sich seine besondere Stimme – «nicht ganz Alt, nicht ganz Sopran» – nicht so leicht fürs Opernrepertoire casten lässt, und wollte sich eine eigene Möglichkeit schaffen, sein Repertoire und seine Programme möglichst frei wählen zu können.

Unterdessen ist das Ensemble Artaserse gewachsen und spielte in grosser Besetzung ganze Opern – zum Beispiel Händels «Giulio Cesare» unter der Leitung von Jaroussky im Théâtre des Champs-Élysées in Paris.

«Ich war ganz schön aufgeregt, als ich da im Orchestergraben stand», gesteht Jaroussky, schliesslich gehöre «Giulio Cesare» zu den grössten und anspruchsvollsten Partituren Händels. Eigentlich versuche er eher mit leichteren Werken anzufangen: Im vergangenen Jahr hat er etwa Mozarts frühen «Mitridate» dirigiert, jetzt träumt er von «Idomeneo».

Und auch bei Händel geht er bei Zürich Barock noch einmal zum Frühwerk zurück: «Aci, Galatea e Polifemo» wurde 1708 anlässlich von Hochzeitsfeierlichkeiten in Neapel uraufgeführt. Der aus Halle stammende Komponist war damals 23 Jahre alt und sog auf seiner mehrjährigen Italienreise alles auf, was es dort zu entdecken gab. «Händel hat damals viel bei anderen Komponisten abgeguckt», weiss Jaroussky, «ich habe bei meinen Recherchen habe ich einige berühmte ‹Händel›-Arien gefunden, die eigentlich von jemand anderem stammen. Später hat Händel dann bekanntlich gerne bei sich selber «geklaut» – auf «Aci, Galatea e Polifemo» hat er für seine späteren Opern besonders gerne zurückgegriffen.

Eine richtige Oper ist diese Serenata aber noch nicht. Die Partitur sieht nur drei Sängerinnen und Sänger vor, und die Handlung, die sich ähnlich auch in Ovids «Metamorphosen» findet, ist übersichtlich, fast bilderbuchartig – und eignet sich deshalb ganz besonders für eine konzertante Aufführung, findet Jaroussky. Inhaltlich steht übrigens auch hier die Eifersucht im Zentrum: Der einäugige Riese Polyphem stellt der Meernymphe Galatea nach und erträgt es nicht, dass diese ihre ganze Aufmerksamkeit dem Hirtenjungen Acis schenkt. Als Galatea Polyphem entschieden zurückweist und verspottet, rächt sich dieser und erschlägt Acis mit einem Stein. Voller Schmerz bittet Galatea darum, dass Acis in einen Fluss verwandelt werde, damit sie im Meer wieder zusammenfliessen können.

Dieser archaische Stoff über drei Liebende inspirierte Händel zu einer Reihe von ausdrucksstarken Arien, aber auch zu Duetten und Terzetten. «Händel wollte demonstrieren, was er in Italien gelernt hat», sagt Jaroussky. «Mit Agostino Stefani und Benedetto Marcello lebten damals in Italien zwei Komponisten, die grossartige Duette geschrieben haben. Händel muss diese Musik gekannt haben». Besonders aufregend sei «Aci, Galatea e Polifemo» aber auch wegen der Partie des Polyphem: «Die Rolle fordert von dem Bassisten einen riesigen Stimmumfang – das ist nicht sehr menschlich!», sondern riesenhaft eben.

Der Hirte Acis ist übrigens die höchste Stimme in diesem Stück und wurde bei der Uraufführung von einer Sopranistin gesungen, die Nymphe Galatea hingegen von einem Altkastraten. Am Opernhaus Zürich geht es gendertechnisch nicht so übers Kreuz: Unter Jarousskys Leitung wird der brasilianische Sopranist Bruno de Sá als Acis zu erleben sein – «für ihn liegt diese Partie überhaupt nicht hoch,» scherzt Jaroussky –, die amerikanische Mezzosopranistin Elizabeth DeShong ist Galatea und der französische Bass Nicolas Brooymans, der unter Jarousskys Leitung bereits in «Alcina» gesungen hat, übernimmt den spektakulären Part des Polyphem.

Als Dirigent sei er von vielen verschiedenen Menschen beeinflusst, meint Jaroussky. Und das ist nicht verwunderlich. Schliesslich hat er in seiner langen Bühnenkarriere unter der Leitung der bedeutendsten Dirigenten der Alten-Musik-Szene gesungen. Manchmal sei man als Sänger aber auch frustriert, denn «man wird nicht immer gut behandelt. Oft ist die Zeit bis zur Premiere knapp, und alle sind gestresst. Als Sänger wird einem dann zuweilen kein eigener Standpunkt eingeräumt. Man hat dem Dirigenten und dem Regisseur zu gehorchen.»

Als Dirigent lernte Jaroussky in den vergangenen Jahren gerade die entgegengesetzte Perspektive kennen: Manchmal habe er jetzt etwa ein Tempo im Kopf, das nicht mit dem übereinstimme, was eine Sängerin oder ein Sänger über Monate hinweg einstudiert habe. Sich dann als Dirigent zurückzunehmen, anzupassen oder auch einmal zu entschuldigen, ist ihm wichtig – und sicher eine seiner grossen Stärken. Gleichzeitig singen und dirigieren, wie das einige andere Dirigenten im barocken Repertoire tun, will Jaroussky nicht. Für den Wechsel zwischen den beiden Positionen braucht er sogar mindestens eine Woche Zeit.

Bevor Philippe Jaroussky wieder durch den frostigen Januartag zum Bahnhof eilt, unterhalten wir uns noch über ein geplantes Projekt, über Besetzungs-, Fassungs- und Inszenierungsfragen. Nur soviel sei schon gesagt: Jaroussky wird in der kommenden Spielzeit eine Oper dirigieren, in der gleich mehrere Countertenöre auf der Bühne stehen. Unter anderem der junge Franzose Paul-Antoine Bénos-Djian, der vor einigen Jahren noch von dem berühmten Vorbild unterrichtet wurde. Jaroussky freut sich riesig über dessen Erfolg. Aber manchmal sei es gar nicht so leicht zu akzeptieren, dass dieser tolle Sänger einmal sein Schüler war …

Erst einmal steht Jaroussky im Rahmen der Mozartwoche in Salzburg wieder als Sänger auf der Bühne. Und dann ist er sehr gespannt, wie die Musiker:innen des Orchestra La Scintilla auf ihn reagieren, wenn er in Zürich nicht mehr auf der Bühne, sondern vor ihnen steht.

Text: Fabio Dietsche