Regisseur Steven Whiting und die Komponistinnen Dzovinar Mikirditsian und Katharina Rosenberger im Gespräch mit Dramaturgin Jana Beckmann
Wofür steht der Titel «Sillons de Mémoires»?
Steven Whiting: «Sillons de Mémoires» – oder «Rillen der Erinnerungen» – verweist auf die physische Einschreibung von Klang und Information in Vinylplatten. Vinyl ist ein zentrales Element in Katharinas Arbeit: als Medium des Archivierens und der Bewahrung von Erinnerungen, aber auch als Material des gegenwärtigen Umgangs mit ihnen. In der Performance werden die Schallplatten aktiv einbezogen, um Erinnerungen wachzuhalten, sie neu zu befragen, zu verformen und weiterzuschreiben. Aus diesem Prozess entsteht im Moment eine neue Musik, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschränkt. Im Fall von Dzovinar stehen die Rillen für die Spuren, welche die Erinnerungen, die wir mit uns tragen, in uns hinterlassen.
Das Publikum wird Teil einer installativen Klangwelt, einer Landschaft der Erinnerung…
SW: «Sillons de Mémoires» ist eine immersives Musiktheater-Performance, das das Publikum auf eine buchstäbliche Reise durch eine Welt der Erinnerungen mitnimmt. Die Geschichten werden in fragmentierten, vielschichtigen Narrativen erzählt und laden das Publikum dazu ein, Bilder und Klänge zusammenzusetzen und ihre eigenen Erinnerungen zu nutzen, um das Erlebnis zu vervollständigen. Es ist Gedenkstätte, Installation und interaktives Abenteuer: eine Kollision aus unglaublicher Musik, bewegenden Geschichten und Musiker:innen, die man hautnah und persönlich erleben kann.
Das Projekt verhandelt Themen wie Heimat, Migration und Vertreibung. Inwiefern fliessen biografische Erfahrungen oder politische Realitäten in eure Kompositionen ein?
Dzovinar Mikirditsian: Der Verlust der Heimat, Zwangsmigration, Vertreibung und schwierige politische Realitäten nehmen in meiner Familiengeschichte einen wichtigen Platz ein. Trotzdem habe ich mich immer dafür entschieden, diese Themen nicht direkt anzusprechen. Sie prägen vielmehr die Texturen und Klangwelten meiner Kompositionen. Dies ist das zweite Stück, in dem ich das dringende Bedürfnis verspüre, mich mit dem Thema Gewalt und Exil auseinanderzusetzen. Es ist notwendig über die harten Realitäten zu sprechen, sowohl als Mensch als auch als Komponistin.
Katharina Rosenberger: Inhaltlich verwebt «Sillons de Mémoires» biografische Elemente aus der Familiengeschichte meines Vaters, geprägt von Vertreibung und Krieg. Mein eigener Lebensweg führte mich lange Zeit fern von dem Ort, den ich als Herkunft begreife. Besonders prägend waren die zwölf Jahre meiner Lehrtätigkeit an der UCSD (University of California San Diego) nahe der mexikanischen Grenze. Dort erlebte ich eine Grenz-Community, die im Alltag solidarische Praktiken entwickelte und Menschen auf der Flucht hoffnungsvoll, beharrlich und kreativ unterstützte.
Deine Komposition trägt den Titel «Towards the Morning Star». Wie beschreibst du den inhaltlichen Fokus? Was charakterisiert deine kompositorische Sprache und die Wahl der klanglichen Mittel? Auch der Text stammt von dir…
DM: «Towards the Morning Star» ist ein Stück, das uns zu dem führt, was verloren gegangen ist und was darauf hofft, gefunden zu werden. Vier Perkussionist:innen und ein Chor beschwören den Klang eines verschwundenen Ortes herauf – eines Ortes, der nur noch in der Erinnerung weiterlebt. Ihre Klangwelt verschmilzt mit Geschichten, die von den Solist:innen des Opernhauses Zürich gesungen und erzählt werden. Das Stück entfaltet sich auf mehreren Erzählebenen. Die Materialien der Perkussionist:innen tragen ihre eigenen Kontexte und Transformationen in sich, sie begleiten jedoch Sänger:innen, die ihre Geschichten fragmentarisch erzählen. Für dieses Werk habe ich mich entschieden das Libretto selbst zu schreiben, da das Thema sehr persönlich und intim ist. Ich lasse mich von realen Zeugnissen von Kindern inspirieren, die Krieg und Exil erlebt haben – einige davon kenne ich persönlich. Durch ihre Stimmen versuche ich, Gewalt, Vertreibung und vor allem die wesentliche Rolle der Poesie in Momenten anzusprechen, die das menschliche Erleben tiefgreifend prägen. Das Geschichtenerzählen von Kindern macht dies möglich, denn sie verfügen über die bemerkenswerte Fähigkeit, durch Fantasie Widerstand zu leisten
Verschiedene ästhetische und dokumentarische Formen prägen deine Kompositionen «Meeresgesänge», «Topographies» in Zusammenarbeit mit Louis Delignon, sowie «Récits of the Desert: Acts of Resistance» basierend auf den Transborder Immigrant Tool – Gedichten von Amy Sara Carroll …
KR: Meine Arbeit steht für mich inmitten des Lebens, mit einer offenen Haltung und Neugierde, wie verschiedene Kunstformen oder Musikstile mit denselben Themen umgehen. «Sillons» gehört zu einer Serie von Werken, die aus dem Wunsch heraus entstanden sind, Lebensgeschichten sichtbar zu machen, in denen Menschen trotz schwieriger Bedingungen Wege in die Zukunft finden. Kunst ist für mich ein Raum des Zuhörens und der Begegnung – ein Mittel, um Empathie für die Vielfalt gelebter Erfahrungen zu ermöglichen und Erinnerungen lebendig zu halten, die Bedeutungsvolles in unsere gemeinsame Zukunft tragen. Gerne bringe ich das Publikum in unmittelbare Nähe zum Geschehen. Dabei schärfen sich die Sinne, und es eröffnet sich ein Raum, in dem sich Hörverhalten, Aufmerksamkeit und die Beziehung zur Musik individuell entfalten können. In diesem Sinne bewegen sich viele meiner Projekte zwischen Installation, Konzert und oft ortsspezifischer Performance.
Eure Stücke werden miteinander verknüpft, sind Echoraum, ergänzen sich zu einer Landschaft. Wie beschreibt ihr den Prozess der Stückentwicklung?
KR: Unsere Stücke sind miteinander verflochten. Wir teilen uns die Instrumentierung und haben im Laufe unserer Zusammenarbeit Partituren, Klangbeispiele, Bilder, Referenzen und Texte ausgetauscht, um Verbindungen zwischen unseren Werken herzustellen – manchmal abstrakt, manchmal sehr konkret. Jede von uns bewahrt ihre eigene Kompositionssprache, unsere Stücke sind jedoch durch die Materialien, die wir teilen, zusammengewachsen.
DM: Die Zusammenarbeit mit Regie und Dramaturgie war während des gesamten Prozesses von entscheidender Bedeutung, ebenso wie die zutiefst anregende Recherche, mit dem Ensemble Eklekto…
SW: Besonders waren die intensiven Gespräche, die wir führten. Was bedeutet Heimat für uns? Wie haben wir uns an Orten ein neues Zuhause geschaffen, und was hat uns zu diesen Reisen veranlasst? Was sind unsere Erinnerungen an Heimat, wie funktionieren Erinnerungen, wie fühlen sie sich an, und inwiefern täuschen sie uns? Die Gespräche halfen uns bei der Entwicklung der vielschichtigen Handlungsstränge.
DM: Ich hatte zunächst eine klare Vorstellung meiner künstlerischen Auseinandersetzung mit den genannten Themen. Katharinas künstlerisches Universum, in dem Erinnerung, Dokumentation, Archivierung und der Akt des Erzeugens von Erinnerungen eine zentrale Rolle spielen, hat mich dazu inspiriert, meine Komposition ebenfalls als Reflexion über das kollektive Gedächtnis zu betrachten. So trägt jede:r Perkussionist:in ein persönliches rhythmisches Muster als Teil der eigenen Erinnerung mit sich, welches sie nutzen, um mit den Geschichten erzählenden Sänger:innen zu improvisieren. Einige dieser Momente wurden zu kollektiven Passagen weiterentwickelt. Die Perkussionist:innen nutzen diese persönlichen Muster, wenn sie umgesiedelt werden, um neue Verbindungen zwischen sich selbst und dem Ort, den sie verloren haben, zu knüpfen und so weiterhin neue Erinnerungen und neue Sprachen zu schaffen, die in den ursprünglichen Mustern verwurzelt sind.
Welche Rolle spielt der bewegte, hörende, sich erinnernde Körper in der Inszenierung?
SW: Wichtig war uns, eine Erzählsprache zu finden, welche an die Erinnerungen des Publikums anknüpft und diese auch hinterfragt. Erinnerungen sind etwas sehr Persönliches und Geheimnisvolles. Sie sind geformt von unterschiedlichen Erfahrungen, kulturellen Prägungen und Gegebenheiten – man denke nur an den Unterschied zwischen einem Duft, der einen in die Kindheit zurückversetzt, und einem Trauma, das ein Leben prägt. Wir wollen diese Eigenschaften in unserer Erzählweise einfangen, ebenso wie die Wandelbarkeit und Unzuverlässigkeit von Erinnerungen. Erinnerung ist nicht nur eine Art «Szene» in unserem Kopf, über die wir nachdenken können, sondern auch ein fortlaufender Prozess des Sammelns, Archivierens und Vergessens auf unserem Lebensweg. Erinnern ist auch eine kollektive Aktivität, ein Instrument des sozialen Erzählens, der Geschichtsschreibung und des Gedenkens. Es gibt eine faszinierende Spannung zwischen den Millionen von privaten Erfahrungen und Erinnerungen und der Erzählung oder dem Denkmal, das diese Ereignisse später im öffentlichen Bewusstsein verankert. Dies ist der Ausgangspunkt für «Sillons de Mémoires»