Althistorikerin Dr. Ann-Cathrin Harders im Gespräch mit Lea Vaterlaus über Cleopatra
Warum beschäftigt uns der Mythos der Cleopatra seit Tausenden von Jahren?
Die Geschichte der Cleopatra ist eine Geschichte von Liebe, Macht und Tod. Aber sie ist eine unvollständige Erzählung mit zahlreichen Leerstellen, die es erlauben, das Narrativ über ihr Leben zu verändern. Auch ihr früher Tod, den sie vermutlich selbst zum Selbstmord mit der Giftschlange als pharaonischem Herrschaftssymbol stilisierte, hat bedeutend zu dieser Mythenbildung beigetragen. Schon in der Antike wusste man nicht genau, wie Cleopatra eigentlich starb, ihre Grabstätte ist bis heute unentdeckt. Das Ungewisse lässt Raum für Fantasie und Bebilderung. Unsere heutige Cleopatra-Rezeption ist ein Amalgam aus Antike, Mittelalter, Renaissance, dem 19. Jahrhundert und vor allem der Popkultur der Moderne. Sämtliche Epochen schufen eigene ästhetische Ideale der ägyptischen Herrscherin, in allen Sparten, von der Oper über das Ballett, die Literatur und die bildende Kunst, ab dem 19. Jahrhundert bis hin zu den Massenmedien, der Fotografie, dem Film, Videospielen und AI-Avataren. Inzwischen sind wir bei Cleopatra als Werbeikone und Spielzeugpuppe angelangt. Dabei gibt es nichts, was sich mit Cleopatra nicht verkaufen liesse. Die exotisierenden ägyptischen Elemente mit goldenem Kopfschmuck, Schlange und Pyramide finden ihren Ursprung vor allem in der Ägyptomanie des 19. Jahrhunderts; sie wurden mit dem Aufkommen des Films verbreitet und verstetigt. Mit Cleopatra schwingt seit der Antike immer sehr viel Rezeptionsballast um die historische Person mit. Im Umgang mit diesem Stoff ist es daher wichtig, diese verschiedenen Schichten aufzubrechen.
Wir sprechen von Cleopatra VII. Philopator. Wer waren ihre Vorfahren und in welche familiären Machtstrukturen wurde sie hineingeboren?
Cleopatra gehörte den Ptolemäern an, einer makedonisch-griechischen Dynastie. Diese hatten Anfang des 4. Jahrhunderts vor Christus unter Alexander dem Grossen Ägypten von den Persern erobert und es von der Statthalterschaft in eine monarchische Herrschaftsstruktur überführt. Dabei gelang der Familie ein herrschaftspolitischer Spagat, der auch noch Cleopatra ihre Position sicherte: Einerseits positionierten sich die Ptolemäer auf internationaler Ebene militärisch, politisch sowie durch ihren gesamten Lebensstil als hellenistische Könige in der Nachfolge Alexanders. Dazu kam der Blick nach innen, in das eigene Land, denn dort galt es, von den Priesterschaften akzeptiert zu werden und die jahrtausendealte Tradition der Pharaonenherrschaft fortzuführen. Die Ptolemäer verstanden es, geschickt zwischen ägyptischem und griechischem Auftreten zu changieren. Doch ein politisches System von Grund auf neu aufzubauen, ist eine schwierige Aufgabe. Um die Dynastie zu stärken, begannen die Ptolemäer-Geschwister untereinander zu heiraten. Diese Geschwisterehe führte dazu, dass alle Nachkommen der Ptolemäer – auch Frauen – in Ägypten Herrschaftsansprüche erheben konnten. Auch Cleopatra führte zwei solcher Inzestehen, mit ihren Brüdern Ptolemaios XIII. und XIV. Was uns merkwürdig erscheint, war ein herrschaftspolitisches Spezifikum der Ptolemäer.
Die Quellenlage über Cleopatra ist stark von der römischen Geschichtsschreibung geprägt. Woran macht sich das fest?
Cleopatras Leben lässt sich leider fast nur aus ihrer Beziehung zu Römern rekonstruieren, ägyptische Quellen interessieren sich eher für kultische Dinge. In Rom aber war die Regierung durch eine Frau undenkbar, sodass vor allem die Schriften kaiserzeitlicher Autoren über Cleopatra skandalisierend und voller Misogynie sind. Die ägyptische Königin wird dort als Verführerin dargestellt, die sowohl Caesar als auch später Marcus Antonius um den Verstand gebracht haben soll. Für die Römer war ein idealer Mann selbstbeherrscht und agierte rational, unberührt von Liebe und Lust. Dem steht Cleopatra entgegen: Ihr Palast wird als katastrophale Verführung beschrieben, als eine Überwältigung der Sinne mit Wein, Tanz, Musik und Erotik. Diese Unterwerfung vor Eros und einer Königin wird zum politischen Problem für Caesar, und vor allem für Marcus Antonius, dem seine Gegner dadurch die Handlungsfähigkeit als römischer Magistrat absprechen. Die erotische Verstrickung mit Marcus Antonius war politisch noch brisanter und hat auch nachträglich das Bild der Beziehung zu Caesar diskreditiert. In Caesars eigenen Schriften erfahren wir nichts über die Beziehung zu Cleopatra, was auch für sich spricht. Der römische Dichter Lucan betont dagegen Caesars amouröse Ausschweifungen, und noch Plutarch belehrt seine Leserschaft, sich nicht in solche emotionalen Abhängigkeiten zu begeben.
Händels Oper setzt im Jahr 48 vor Christus an. Was war in dieser Zeit die politische Ausgangslage?
Rom war im griechischen Osten im 1. Jahrhundert vor Christus die Hegemonialmacht: Keine Stadt, kein König konnte mehr ohne römische Patronage regieren. Die Ptolemäer in Alexandria waren ebenfalls auf römische Unterstützung angewiesen, auch in innenpolitischen Belangen. Das System brannte dort lichterloh, denn Cleopatra stritt mit ihrem jüngeren Brudergemahl um die Herrschaft und wollte sich nicht durch dessen Berater lenken lassen. Sie wurde aus Ägypten vertrieben und stellte im syrischen Exil neue Streitkräfte zusammen, um den Thron wiederzugewinnen. Gleichzeitig hatte Rom zu dieser Zeit mit zahlreichen Problemen zu kämpfen, die mittlerweile nicht nur in Italien, sondern auch im griechischen Osten ausgetragen wurden. Das republikanisch aristokratische System war lange durch den Machtwillen starker Einzelpersönlichkeiten überlastet und ausgehöhlt worden. So stand Caesar im Konflikt mit dem Feldherrn Pompeius Magnus, den er von Rom über Makedonien bis nach Ägypten verfolgte, wo Pompeius verraten und getötet wurde. Seinen Kopf präsentierte man Caesar in Alexandria. Hier trafen beide Konflikte aufeinander: Der Streit um die ägyptische Herrschaft und der Bürgerkrieg der Römer.
War die berühmte Begegnung zwischen Caesar und Cleopatra in Alexandria demnach eine politische «solutio optima» für beide Seiten?
Herrscherin trifft auf Herrscher, Frau auf Mann – daraus hat sich eine erotisierte und romantisierte Vignette entwickelt. Die berühmte Teppichgeschichte, nach der Cleopatra eingerollt in den Palast zu Caesar geschmuggelt wurde – was übrigens ein Übersetzungsfehler ist, eher war es ein Bettsack –, und dass sie dann einige Monate später ein Kind mit dem Namen «Caesarion» zur Welt brachte, taten ihr Übriges. Ich deute diese Begegnung eher als eine zusätzliche Ebene in einer eng verstrickten politischen Beziehung. Cleopatra und Caesar mögen durchaus fasziniert voneinander gewesen sein, was nicht verwundert. Immerhin trafen hier die Herrscherin eines der ältesten, mächtigsten und reichsten Länder der antiken Welt und der zu diesem Zeitpunkt mächtigste Römer aufeinander. Cleopatra wusste genau, was sie tat. Sie residierte in der reichsten und glanzvollsten Stadt im Mittelmeerraum, Rom war dagegen erst am Anfang, zur Stadt aus Marmor zu werden. Caesar verfolgte eine weitaus grössere politische Agenda im gesamten Mittelmeerraum. Dafür brauchte er eine Vertrauensperson, die ihm den Rücken freihielt und die er – so wie auch später Marcus Antonius – in der Ptolemäerin fand. Letztendlich verbrachten die beiden nur kurze Zeit miteinander, zuerst in Alexandria und in den Jahren 46 und 44 v. Chr. in Rom.
In welchem Kontext steht Händels Beschäftigung mit diesem Stoff im 18. Jahrhundert?
Die Handlung der Oper ist unglaublich dramatisch, nicht wahr? Historisch gesehen sind viele Ereignisse hier falsch, und die meisten Personen sind sich so nie begegnet. Fact-Checking machen Historiker:innen ja immer gerne, auch bei Historienfilmen. Aber darum geht es bei Händel überhaupt nicht. Im Barock wurde das Hochleben, das Cleopatra am alexandrinischen Palast geführt haben soll, zelebriert. Die berühmte Anekdote, nach der die Königin eine unschätzbar wertvolle Perle in Essig aufgelöst und getrunken haben soll, passte perfekt in die Dekadenz und Üppigkeit des Barock. Cleopatras Leben war das Abbild des eigenen Hofideals; Liebe und Verführung wurden in dieser Zeit eher positiv konnotiert. So konnte auch Shakespeare aus den gerade erst wiederentdeckten und neu übersetzten Schriften des Griechen Plutarch aus einem Moralstück eine tragische Liebesgeschichte erdichten und Cleopatra in den Liebestod gehen lassen. Plutarchs Biografien über Griechen und Römer boten sich für Dramatisierungen deutlich besser an als dokumentarische Quellen wie Steuerbefreiungen beispielsweise, die auch Cleopatra erlassen hat. Zu Händels Zeit waren Shakespeares Römerdramen «Julius Caesar» und «Antonius und Cleopatra» in England verbreitet und bekannt. Insofern ist es erstaunlich, dass sich Händel nicht für eine tragische Cleopatra-Antonius-Oper entschied, sondern die Figur des Caesar in den Mittelpunkt rückte.
Cleopatra soll unfassbar schön gewesen sein. Wissen wir, wie die ägyptische Königin tatsächlich aussah?
Interessant ist der Vergleich mit Nofretete, der anderen berühmten ägyptischen Königin, die über ein Jahrtausend vor Cleopatra lebte. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ihre Büste entdeckt, die seither als Inbegriff von Schönheit und Ausstrahlung gilt, über Nofretete selbst aber haben wir kaum Geschichten. Vielmehr hat das Bild die Imagination angeregt und Narrative entwickeln lassen. Bei Cleopatra ist es andersherum: Wir haben zahlreiche Anekdoten über sie, aber nur wenige Bilder. Bei Plutarch wird ihr Aussehen sogar als eher durchschnittlich beschrieben; auf Münzen erscheint sie seltsam harsch und mit grosser Nase, aber das liegt daran, dass auf der Rückseite Marcus Antonius prangt. Um die politische Allianz zu betonen, ähnelte man die Gesichtszüge der Königin dem Römer an. Die Bildnisse aus der Antike sind deshalb mit Vorsicht zu deuten. In jüngerer Zeit prägte Elizabeth Taylor mit ihrer Darstellung im Film von 1963 unsere Vorstellung von Cleopatra mit schwarzem, kinnlangen Bob und türkis-goldenem Lidstrich. Wenn die antiken Autoren die Königin beschreiben, dann steht jedoch weniger das Äussere im Vordergrund als ihre unglaubliche Intelligenz und Ausstrahlung: Sie sprach neben Griechisch mindestens acht weitere Sprachen, verstand als erste Ptolemäerin Ägyptisch, hatte einen umwerfenden Charme und konnte Situationen ungemein gut einschätzen. Das machte sie zu einer sehr guten Politikerin.
Trotzdem waren all diese Machtfiguren, sowohl Pompeius als auch Caesar, Cleopatra und Marcus Antonius am Schluss dem Tod geweiht. Überspitzt könnte man behaupten, dass Tyrannei und Alleinherrschaften keine langlebigen Strukturen sind …
Ja, diese Ereignisse liegen über 2000 Jahre zurück, sind trotzdem immer noch aktuell und können gerade heute effektvoll erzählt werden. Wären diese dramatischen Geschichten nicht wahr, müsste man sagen, sie wären sehr gut erfunden. Es hätte aber auch anders kommen können – zumindest in Alexandria. Hätte sich Cleopatras jüngerer Bruder durchgesetzt, dann wären wir um eine Geschichte von Eros, Tod und Politik ärmer. Doch in Alexandria und Rom hätte es weiterhin das Ringen machthungriger Männer um die Herrschaft gegeben. Für den Cleopatra-Mythos ist das Entscheidende, dass die Themen des Umsturzes und des Machtkampfs über die Kategorien von Geschlecht, Liebe und Vernunft hinausgehen.
«Wären diese Geschichten nicht wahr, wären sie gut erfunden.»