Wie klingt Heimat, die es nicht mehr gibt? Schriftsteller Michail Schischkin über Rachmaninow
Anlässlich der Neuinszenierung von «Rachmaninow – Die drei Opern» in der Regie von Dmitri Tcherniakov schreibt Michail Schischkin über Erinnerung, Heimat und Exil – und über die politische Vereinnahmung von Kulturschaffenden. Für den Komponisten, der Russland verlassen musste, wurde die Erinnerung zum inneren Ort der Zugehörigkeit. Schischkin fragt, wie sich Heimat in der Musik bewahren lässt, wenn sie in der Wirklichkeit unerreichbar ist – und warum Rachmaninows Musik bis heute von der Sehnsucht nach einer verlorenen Welt erzählt.
«Wie klingt Heimat, die es nicht mehr gibt?»
1905 arbeitete Rachmaninow an der Oper «Der geizige Ritter» nach der gleichnamigen kleinen Tragödie von Puschkin und schrieb die Musik für den Baron mit Blick auf die Stimme seines Freundes Fjodor Schaljapin, der bereits ein berühmter Bass war. Der Sänger lehnte ab. Schaljapin gefiel die Musik nicht, und er sagte Rachmaninow das Schmerzhafteste, was man einem Komponisten sagen konnte: «Puschkins Worte sind hier stärker als das, was du geschrieben hast.» Das verletzte Rachmaninow tief. Schaljapins Fehlen wirkte sich natürlich auch auf das Niveau der Inszenierung aus. In der ersten Spielzeit wurde die Oper am Bolschoi-Theater in Moskau nur viermal aufgeführt und danach auf Rachmaninows eigenes Drängen vom Spielplan genommen.
Für gewöhnliche Menschen hätte ein solcher Streit das Ende einer Freundschaft bedeuten können. Doch zur Freundschaft zweier musikalischer Genies gehört auch die Gabe, nicht nur zu erinnern, sondern auch zu vergessen. Der Streit währte nicht lange, Schaljapin führte den berühmten Monolog des Barons «Im Keller» immer wieder mit grossem Erfolg in seinen Konzerten auf – einen Monolog, der den Höhepunkt der gesamten Oper bildet. Aus dem Zusammenhang einer vollständigen Bühnenaufführung herausgelöst, in der Schaljapin die ihm vertraute dramatische Dynamik Puschkins vermisst hatte, entsprach dieser düstere, psychologisch eindringliche Monolog geradezu ideal seinem schauspielerischen Temperament. Dass Schaljapin dieses Stück dauerhaft in sein Konzertrepertoire aufnahm, ist wohl der beste Beleg dafür, dass der frühere Konflikt überwunden war und er Rachmaninows Musik schliesslich als herausragend anerkannte.
Die beiden Gleichaltrigen – beide wurden 1873 geboren – bewahrten ihre Freundschaft ein Leben lang: von ihren ersten Schritten auf der Bühne bis zu den langen Jahren der erzwungenen Emigration. Rachmaninow selbst bekannte: «Meine Verbindung mit Schaljapin gehört zu den stärksten, tiefsten und feinsten Erlebnissen meines Lebens.» Sie lernten sich 1897 in Moskau an Sawwa Mamontows Russischer Privatoper kennen, wo Rachmaninow als Dirigent arbeitete und Schaljapin bereits führender Solist war. Auf dieser Bühne fand Rachmaninows erste Oper «Aleko» gerade dank Schaljapin zu ihrer exemplarischen Gestalt. Die Interpretation der Partie des Aleko durch den grossen Bass wurde zu einem Höhepunkt seines Opernrepertoires. Sie traten häufig gemeinsam auf Schaljapin sang, Rachmaninow begleitete ihn am Klavier. Zeitgenossen beschrieben diese Konzerte als etwas beinahe Hypnotisches. Rachmaninow widmete Schaljapin fünf Romanzen. Schaljapin schätzte Rachmaninow als Begleiter und Dirigenten ausserordentlich. Sein berühmter Satz beschreibt ihre künstlerische Verbindung sehr genau: «Nicht ich singe, sondern wir singen.» Ihre künstlerische Zusammenarbeit wurde durch die Katastrophe unterbrochen, die über Russland hereinbrach – die Revolution. Der Komponist verliess 1917 seine Heimat.
Rachmaninow besass das absolute Gehör, und dies nicht nur in der Musik. Er spürte die Falschheit in den Menschen, in Worten, im Pathos der Geschichte. Er hatte das absolute Gehör für das Leben, für das Schicksal. «Die Glocken» hatte er in sich selbst 1913 als Vorboten der Weltkatastrophe gehört – es waren die Glocken der Toten feier für die noch Lebenden. 1914 beschreibt er sein Grauen bei der Begegnung mit dem Volk, das sich auf die Prüfungen des Krieges vorbereitete. Rachmaninow beobachtete «Pferdewagen mit den zur Musterung anrückenden Reserveeinheiten – besoffen bis zum Umfallen, mit irgendwie tierischen, wilden Schnauzen... mir graute. [...] Das schwere Bewusstsein, dass wir, gegen wen immer wir Krieg führen mögen, niemals Sieger werden.» Er hatte das absolute Gehör für die Zukunft. Im Winter 1915 schreibt er die «Nachtmesse» und widmet sie den Opfern des Krieges, doch es war ein Gebet für alle, denen es noch bevorstand, die entsetzlichen russischen Jahre der Revolution, des Bürgerkrieges, des Terrors, des Gulags zu erleiden.
Im Frühjahr 1917, als das Land noch von der «grossen unblutigen» Revolution und von der Freiheit berauscht war, spürte Rachmaninow bereits das Unausweichliche des nahenden Untergangs, er begriff, dass es niemals ein freies und demokratisches Russland geben wird, sondern Chaos und Abschlachten, Triumph der Barbarei. Es nahte das «Russland, mit Blut gewaschen» – so wird Artjom Wessjoly seinen berühmten Roman nennen, ein Schriftsteller, der später wie Millionen seiner Leser zu Lagerstaub werden wird. Rachmaninow schrieb etwas später: «Fast von Beginn der Revolution an begriff ich, dass sie einen falschen Weg eingeschlagen hat. Bereits im März 1917 beschloss ich, Russland zu verlassen, doch liess sich mein Plan nicht verwirklichen, weil sich ganz Europa immer noch im Zustand des Krieges befand und die Grenzen geschlossen waren.»
Der letzte Sommer auf seinem geliebten Landgut Iwanowka erfüllte ihn mit Grauen. In einem Brief an Alexander Siloti schreibt er: «Die Lebensbedingungen dort sind derart, dass ich nach den dort verbrachten drei Wochen beschlossen habe, nie wieder zurückzukehren.» Er bittet um Beschaffung eines Passes: «Ganz gleich wohin! Irgendwohin!» Zum endgültigen Riss in seiner Seele kam es, als die Bauern, die er zuvor heiss geliebt hatte, den Lieblingshund seiner Tochter bestialisch mit Spaten erschlugen.
Eben jenes Volk, um dessen Befreiung mehrere Generationen der russischen Intelligenzija gerungen hatten, entpuppte sich als Wechselbalg. Die russische Intelligenzija liebte immer nur irgendeinen erdachten Bauern und ein erdachtes Russland. Und nun setzte die Realität ein. Landgüter wurden geplündert. Rachmaninows Konzertflügel wurde aus dem zweiten Stock hinuntergeworfen. Iwanowka wird vollständig niedergebrannt werden. Nie wieder wird Rachmaninow dorthin zurückkehren.
Der Komponist verbrachte 25 Jahre in der Emigration. Man schrieb über ihn, er habe fern der Heimat aufgehört, Musik zu komponieren. Am häufigsten wurden seine berühmt gewordenen Worte angeführt: «Nachdem ich Russland verlassen hatte, verlor ich die Lust am Komponieren. Mit dem Verlust der Heimat verlor ich mich selbst. Einem Vertriebenen, der seiner Wurzeln, der Traditionen und des heimatlichen Bodens verlustig gegangen ist, fehlt die Lust zu schaffen, ihm verbleibt kein anderer Trost, als die nicht zu brechende Wortlosigkeit ungetrübter Erinnerungen.»
All dies stützte den grossen russischen Mythos vom Künstler, der in der Fremde nicht schöpferisch tätig sein könne und an Nostalgie sterbe – ein Mythos, der verständlicherweise nicht von Schöpfern, sondern von Regierenden in die Welt gesetzt wurde. Fern der Heimat wurden von russischen Schriftstellern und Komponisten die grossartigsten Meisterwerke geschaffen, dabei liessen sie sich im Ausland zu allen Zeiten von der russischen Macht nur schwer kontrollieren. Einige Jahre vor der Revolution, von 1906 bis 1909, lebte Rachmaninow bereits im Ausland, in Dresden, und arbeitete «in der Fremde» mit Feuereifer dort schrieb er die Zweite Sinfonie, das von Böcklins Gemälde inspirierte sinfonische Poem «Die Toteninsel», die Oper «Monna Vanna» nach Maeterlinck, die Erste Klaviersonate. So wie Gogol in Rom am russischsten aller Bücher «Die toten Seelen» schreiben konnte, so kamen zu Rachmaninow in Rom, in seiner Wohnung an der Piazza di Spagna, «Die Glocken», die Chorkantate, die er für sein bestes Werk hielt. In der Tat, nach der Revolution beglückte die Musik den Komponisten seltener, aber was war das für Musik! Es genügt, nur die «Rhapsodie über ein Thema von Paganini» und die Dritte Sinfonie zu nennen! Seine Musik widersprach seinen Worten.
In den ersten Jahren nach der Revolution blieb Schaljapin in Sowjetrussland, trat weiterhin auf und erhielt von den Bolschewiki sogar den Titel «Volkskünstler der Republik». 1922 folgte er seinem Freund in die Emigration. «In den düsteren Tagen meines Petersburger Lebens unter den Bolschewiki», erinnert sich Schaljapin in seinem Buch «Maske und Seele», «träumte ich oft von fremden Ländern, nach denen es meine Seele zog. Ich sehnte mich nach einem freien und unabhängigen Leben.»
Für russische Kulturschaffende – Schriftsteller, Musiker, Künstler – war der Westen niemals «Fremde», wie sowjetische Propagandisten das Leben der Emigranten darstellten. Schaljapin selbst schrieb: «Denn alles, wovon die westliche Welt geistig lebt, ist mir sowohl als Künstler als auch als Russe unendlich nah und teuer. Wir alle haben aus dieser grossen Quelle der Schöpferkraft und Schönheit getrunken.» Schaljapin fand, ebenso wie Rachmaninow, seinen Platz im Musikleben des Westens: Er sang an den bedeutendsten europäischen Opernhäusern, wirkte in einem Film in Hollywood mit und trat an der Metropolitan Opera auf.
Als Rachmaninow, Schaljapin und tausende Angehörige der «kreativen Klasse», wie man heute sagen würde, in die Emigration gingen, nahmen sie ihr eigenes Russland, ihre grosse Kultur mit. Sie selbst waren ja diese grosse Kultur. Das Land wurde für mehrere Generationen verschlossen, es versank im Sumpf von Obskurantismus und anachronistischer Brutalität, aus dem es bis zum heutigen Tag nicht herausfindet. Es ist ein fremdes Land geworden.
Wenn die alten Freunde einander trafen, erinnerten sie sich an ein Russland, das es nicht mehr gab. Sie selbst waren füreinander Russland. Russland war die russische Kultur, die russische Musik – und dieses Russland war nicht das von Barbaren eroberte Land, sondern ein lebendiger, bedeutender Teil der Weltkultur, ihr eigenes Leben. Schaljapin starb 1938 in Paris an Leukämie. Rachmaninow sah ihn wenige Tage vor seinem Tod. Fast vierzig Jahre lang waren sie eng befreundet.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs und dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die stalinistische Sowjetunion konnte Rachmaninow all die Beschimpfungen und Demütigungen vergessen, mit denen ihn die sowjetische Presse zwei Jahrzehnte lang überzogen hatte, und entschied sich dafür, Russland im Krieg gegen Deutschland zu unterstützen. Die Einnahmen aus seinen Konzerten überwies er an die sowjetische Botschaft, damit Medikamente für Verwundete gekauft werden konnten. Die sowjetische Propaganda begann sofort, seinen Namen für sich zu nutzen.
Rachmaninow war bereits fast 70 Jahre alt. Die Anerkennung in der Heimat nach Jahrzehnten der Hetze machte auf ihn enormen Eindruck. In einem Brief an seine Cousine Sophia Satina äusserte sich Rachmaninow zu diesem in seinem Leben ausserordentlichen Ereignis: «Ich schicke weitere drei Zeitungsberichte über mein Jubiläum, geschrieben in Moskau und mir zugesandt mit einem netten Brief aus der russischen Botschaft in Washington. Die Bolschewiki haben sich also doch als erste erinnert und sie sind wahrscheinlich die einzigen, die sich erinnern werden. Alle anderen interessiert es wenig.»
Rachmaninow nahm sich vor, eine «Stalingrader Sinfonie» zu schreiben. Doch der rasche Tod hinderte ihn daran. Forscher berichten, dass das Archiv Rachmaninows in den USA einen bislang unveröffentlichten Briefwechsel enthält: Nach der Schlacht von Stalingrad habe Rachmaninow einen Brief an Stalin geschrieben mit der Frage nach einer Möglichkeit zur Rückkehr. «Sie sollten nicht daran zweifeln», soll Stalin kurz geantwortet haben, «dass wahren Patrioten die Freiheit zu leben und zu schaffen in unserem Land immer gewährleistet sein wird.»
Es schmerzt, sich das Unmögliche vorzustellen, Rachmaninow sässe im Ehrenpräsidium eines Parteitages, hielte eine Rede, in der die Verdienste «des Koryphäen der Musik und des grössten Freundes der Komponisten» gepriesen würden. Das Schicksal entschied alles auf seine Weise.
Das nahende Ende vorausahnend, nahm Rachmaninow die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Viele Jahre lang suchte er es zu vermeiden. Während er der amerikanischen Flagge die Treue schwor, fühlte er sich wohl kaum als ein amerikanischer Patriot – die Staatsbürgerschaft der USA erleichterte einfach der Familie die Lösung von Erbschaftsangelegenheiten. Rachmaninow war zeitlebens Bürger eines Landes, das auf keiner geografischen Karte verzeichnet war. Er war Bürger der russischen Kultur.
Fjodor Schaljapin wurde einmal von einem englischen Bekannten gefragt: «Was soll man lesen, um die Seele eines russischen Menschen zu begreifen?» Ohne nachzudenken antwortete der Sänger: «Man soll Rachmaninows Musik hören.»
Rachmaninow war Russe, doch war seine Musik eine Offenbarung für die ganze Welt. Sein Russischsein stellte keine Grenze dar. Er war tief gläubig und seine Musik war ein universelles Gebet für den Menschen. Wie jeder Le bende fürchtete er den Tod. Das christliche Hauptmotiv der künftigen Auferstehung «Dies irae» wiederholt sich bei ihm beharrlich von Werk zu Werk.
Zeit seines Lebens wollte er ein Haus für sich selbst und seine Familie bauen – ein grosses, helles, schönes, ein riesiges, damit jeder darin Platz und Geborgenheit fand. Er befasste sich mit allen Baudetails und Zeichnungen. Am Ufer des Vierwaldstättersees in der Schweiz sprengte er die Felsen weg, damit der Ort an sein Iwanowka erinnerte. Revolutionen und Kriege nahmen ihm das Erbaute fort. Zeit seines Lebens errichtete er ein Haus in der Musik – ein geräumiges und helles, in dem er nach dem Tod des Körpers leben würde, ein Haus, das ihm niemand je wegnehmen kann. Die Töne erwiesen sich als das festeste Material.
Das irdische Leben Rachmaninows fiel in eine furchtbare Zeit. Die Apokalypse existierte in Wirklichkeit. Menschliche Düsternis überflutete die Erde. Doch das Leben braucht Licht. Man musste der Grausamkeit, der Bestialität, dem Ekel etwas entgegensetzen. Musik war das Einzige, das er den Revolvern, mit denen Geiseln erschossen wurden, den Armeen aller Länder, den Gulags und Auschwitzen entgegensetzen konnte. Seine Musik war lichtbringend. Sie war sein Kampf. Und er hat gesiegt. Und anders konnte es gar nicht sein, denn er hat den todbringenden Kräften seine Musik entgegengesetzt, die lebensspendend ist – Verzückung angesichts der Schönheit der Welt, Freude, Trauer, Glaube, Liebe. Das Geheimnis seiner Musik liegt darin, dass sie an sich schon der Sieg über den Tod ist – indem wir an ihr teilhaben, werden wir selber ein wenig unsterblich.
Michail Schischkin gilt als einer der bedeutendsten russischen Schriftsteller der Gegenwart. Seine Romane wurden im In- und Ausland mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. 2011 erhielt er den renommierten Internationalen Literaturpreis, vergeben vom Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Schischkin lebt heute als freier Schriftsteller in der Schweiz.
Dieses Essay erschien im Magazin Nr. 7, Saison 2026/27