Ein Akkord in Giacomo Puccinis «La bohème».
Was für ein Akkord! Eigentlich nichts weiter als ein h-Moll-Dreiklang. Aber die sorgfältige und äusserst sensibel abschattierte Instrumentation lässt den simplen Klang zu etwas Besonderem werden: Die Holzbläser spielen pianissimo in tiefer Lage, drei Hörner treten zunächst ganz zart mit einem kleinen Akzent hervor und gehen dann ebenfalls zum Pianissimo über, während der Klang der Holzbläser erstirbt. Dieser sanft changierende Klang erhält durch einen kaum hörbaren Beckenschlag im vierfachen Piano eine fast unirdische, jenseitige Zartheit.
Und wirklich ist es der Moment des Todes, den dieser Akkord bezeichnet. Die todkranke Mimì ist an den Ort zurückgekehrt, wo sie einmal glücklich war, um dort zu sterben. In den Armen ihres geliebten Rodolfo schläft sie sanft ein und niemand von den fieberhaft um sie bemühten Freunden bemerkt, dass sie in den Schlaf versunken ist, aus dem niemand erwacht. Nur dieser eine Akkord im Orchester lässt ahnen, was gerade geschehen ist. Der Tod, so scheint er zu sagen, ist keine grosse Sache, vielmehr ein alltägliches Ereignis und eins, das jedem von uns bevorsteht. Ein Leben erlischt, das Leben geht weiter.
Und doch – bei aller Zartheit markiert dieser Akkord einen starken Bruch der harmonischen Kontinuität. Die unmittelbar vorhergehende Passage, die Mimìs friedliches Einschlafen schildert, verliert sich in einem dissonanten Akkord, der nach Des-Dur aufgelöst werden müsste. Wenn nach einer langen Stille der h-Moll-Akkord eintritt, der auch den folgenden Dialog der Freunde grundiert, wird hörbar, dass etwas Unwiderrufliches geschehen ist. Denn wie alltäglich der Tod immer sein mag, die Welt ist danach nicht mehr, wie sie war. Ein Mensch fehlt für immer, und das reisst eine Lücke, die nichts schliessen kann.
Mimì geht so unauffällig, still und freundlich aus der Welt, wie sie in ihr gelebt hat. Es war ein kleines, unbedeutendes Leben, in dem wenig Glück war. Ein Leben grosser Not und kleiner Freuden: am Aufblühen des Frühlings, an einem billigen rosa Häubchen, das Rodolfo ihr zu Weihnachten schenkte, an der zärtlichen Zuwendung der Freunde, die sich um die Todkranke bemühen und zuletzt an dem schönen weichen Muff, in den geschmiegt sie aus dem Leben scheidet.
Puccini komponiert den Tod, wie es diesem Leben angemessen ist. Nur einen Akkord schenkt er Mimì, aber dieser eine Klang ist ergreifender als so manches bombastische Requiem, weil Puccini seine ganze eminente Instrumentationskunst auf ihn verwendete, weil er seine ganze Liebe für dieses zarte Wesen in ihn fliessen liess. Puccini, der so oft die kleinen Leute zu Helden seiner Werke machte und immer wieder seine Vorliebe für die kleinen Dinge bekundete, war auch kompositorisch ein «Meister des ganz Kleinen», der präzisen Ausarbeitung winziger und dennoch bedeutender Details, und darin vielleicht Richard Wagner am nächsten. Wie ein bescheidener Grabstein, so bescheiden, dass man ihn fast übersehen könnte, steht dieser eine Akkord in der Partitur, als ein zärtliches Denkmal für die kleine tapfere Frau, deren Leben sich vollendet hat.
Text von Werner Hintze.
Dieser Artikel ist erschienen im MAG 76, Februar 2020.
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