La bohème

Giacomo Puccini

Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica
nach Henri Murgers «Scènes de la vie de Bohème»

  • Dauer:
    2 Std. 30 Min. Inkl. Pause nach dem 1. Teil nach ca. 1 Std.
  • Sprache:
    In italienischer Sprache mit deutscher und englischer Übertitelung.
  • Weitere Informationen:
    Werkeinführung jeweils 45 Min. vor Vorstellungsbeginn.

Fotogalerie «La bohème»


Gut zu wissen

Keine grosse Sache

Ein Akkord in Giacomo Puccinis «La bohème».

Was für ein Akkord! Eigentlich nichts weiter als ein h-Moll-Dreiklang. Aber die sorgfältige und äusserst sensibel abschattierte Instrumentation lässt den simplen Klang zu etwas Besonderem werden: Die Holzbläser spielen pianissimo in tiefer Lage, drei Hörner treten zunächst ganz zart mit einem kleinen Akzent hervor und gehen dann ebenfalls zum Pianissimo über, während der Klang der Holzbläser erstirbt. Dieser sanft changierende Klang erhält durch einen kaum hörbaren Beckenschlag im vierfachen Piano eine fast unirdische, jenseitige Zartheit.

Und wirklich ist es der Moment des Todes, den dieser Akkord bezeichnet. Die todkranke Mimì ist an den Ort zurückgekehrt, wo sie einmal glücklich war, um dort zu sterben. In den Armen ihres geliebten Rodolfo schläft sie sanft ein und niemand von den fieberhaft um sie bemühten Freunden bemerkt, dass sie in den Schlaf versunken ist, aus dem niemand erwacht. Nur dieser eine Akkord im Orchester lässt ahnen, was gerade geschehen ist. Der Tod, so scheint er zu sagen, ist keine grosse Sache, vielmehr ein alltägliches Ereignis und eins, das jedem von uns bevorsteht. Ein Leben erlischt, das Leben geht weiter.

Und doch – bei aller Zartheit markiert dieser Akkord einen starken Bruch der harmonischen Kontinuität. Die unmittelbar vorhergehende Passage, die Mimìs friedliches Einschlafen schildert, verliert sich in einem dissonanten Akkord, der nach Des-Dur aufgelöst werden müsste. Wenn nach einer langen Stille der h-Moll-Akkord eintritt, der auch den folgenden Dialog der Freunde grundiert, wird hörbar, dass etwas Unwiderrufliches geschehen ist. Denn wie alltäglich der Tod immer sein mag, die Welt ist danach nicht mehr, wie sie war. Ein Mensch fehlt für immer, und das reisst eine Lücke, die nichts schliessen kann.

Mimì geht so unauffällig, still und freundlich aus der Welt, wie sie in ihr gelebt hat. Es war ein kleines, unbedeutendes Leben, in dem wenig Glück war. Ein Leben grosser Not und kleiner Freuden: am Aufblühen des Frühlings, an einem billigen rosa Häubchen, das Rodolfo ihr zu Weihnachten schenkte, an der zärtlichen Zuwendung der Freunde, die sich um die Todkranke bemühen und zuletzt an dem schönen weichen Muff, in den geschmiegt sie aus dem Leben scheidet.

Puccini komponiert den Tod, wie es diesem Leben angemessen ist. Nur einen Akkord schenkt er Mimì, aber dieser eine Klang ist ergreifender als so manches bombastische Requiem, weil Puccini seine ganze eminente Instrumentationskunst auf ihn verwendete, weil er seine ganze Liebe für dieses zarte Wesen in ihn fliessen liess. Puccini, der so oft die kleinen Leute zu Helden seiner Werke machte und immer wieder seine Vorliebe für die kleinen Dinge bekundete, war auch kompositorisch ein «Meister des ganz Kleinen», der präzisen Ausarbeitung winziger und dennoch bedeutender Details, und darin vielleicht Richard Wagner am nächsten. Wie ein bescheidener Grabstein, so bescheiden, dass man ihn fast übersehen könnte, steht dieser eine Akkord in der Partitur, als ein zärtliches Denkmal für die kleine tapfere Frau, deren Leben sich vollendet hat.

Text von Werner Hintze.
Dieser Artikel ist erschienen im MAG 76, Februar 2020.
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Audio-Einführung zu «La bohème»

Unser Dramaturg Fabio Dietsche gibt einen Einblick in die Oper «La bohème».

Synopsis

Erstes Bild
Der Schriftsteller Rodolfo und der Maler Marcello versuchen zu arbeiten. Es ist kalt und sie haben Hunger, da sie mit ihrer Kunst kaum Geld verdienen. Um zu heizen, opfert Rodolfo das Manuskript seines Dramas. Der Philosoph Colline kommt dazu. Am Heiligabend wurden seine Bücher, die er ins Pfandhaus bringen wollte, nicht angenommen. Der Musiker Schaunard hat mit einem skurrilen musikalischen Auftrag ein bisschen Geld verdient. Er bringt Brennholz, Essen und Wein mit. Der Hausbesitzer Benoît überrascht die vier Bohemiens und fordert die Miete. Die Freunde geben ihm zu trinken und fragen ihn über seine Affären aus. Als sich herausstellt, dass er seine Ehefrau betrogen hat, geben sie sich entrüstet und werfen ihn hinaus. Sie beschliessen, den Weihnachtsabend im Quartier zu feiern. Nur Rodolfo will noch einen Moment arbeiten. Als er allein ist, klopft es. Die Nachbarin Mimì bittet ihn, ihre Kerze wieder anzuzünden. Sie wirkt erschöpft und kränklich. Als sie ihren Schlüssel fallen lässt, erlischt, scheinbar zufällig, auch Rodolfos Kerze. Beim Suchen treffen sich ihre Hände. Die beiden kommen sich näher und verlieben sich.

Zweites Bild
Heiligabend in Paris. Im Gedränge einer freudig erregten Menge feilscht Schaunard um ein verstimmtes Horn. Colline kauft ein seltenes Buch und einen Mantel. Rodolfo schenkt Mimì ein Häubchen. Marcello wirbt um die schönen Mädchen. Vor dem Café Momus stellt Rodolfo den Freunden seine neue Liebe Mimì vor. Als sie sich zum Essen niederlassen, kommt Marcellos Freundin Musetta in Begleitung von Alcindoro, einem älteren, reichen Verehrer. Sie erkennt Marcello und schickt Alcindoro unter einem Vorwand fort. Musetta und Marcello fallen sich in die Arme. Die Bohemiens mischen sich unter den allgemeinen Trubel. Als Alcindoro zurückkommt, findet er nur noch deren Rechnung vor.

Drittes Bild
Zwei Monate später, früh an einem kalten Wintermorgen. Mimì sucht nach Marcello und bittet ihn um seinen Rat: Ihr Zusammenleben mit Rodolfo werde durch dessen Eifersucht unerträglich. Marcello rät ihr, sich zu trennen. Rodolfo, der nebenan eingeschlafen ist, wacht auf. Mimì hält sich im Hintergrund. Rodol­fo gesteht Marcello ebenfalls, sich von seiner Geliebten trennen zu wollen. Aber nicht nur, weil er eifersüchtig sei, sondern auch wegen Mimìs hoffnungsloser Krankheit. Durch einen Hustenanfall verrät Mimì ihre Anwesenheit. Von Gefühlen überwältigt, beschliessen Mimì und Rodolfo noch bis zum Frühling zusammenzubleiben. Marcello liefert sich indessen eine heftige Eifersuchtsszene mit Musetta.

Viertes Bild
Ein paar Monate später. Rodolfo und Marcello geben vor, zu arbeiten. Insgeheim denken sie an die glücklichen Zeiten, die sie mit Mimì und Musetta verbracht haben. Colline und Schaunard kommen. Sie bringen trockenes Brot und einen Hering mit. Immer ausgelassener albern die vier Bohemiens herum, tanzen und spielen eine Zweikampf-Szene. Auf dem Höhepunkt der Stimmung stürzt Musetta herein. Mimì folgt ihr – sie ist todkrank. Die Bohemiens richten ihr ein Bettlager. Musetta opfert ihre Ohrringe, damit Marcello Medizin besorgen kann. Sie selbst will Mimì einen Muff für deren kalte Hände kaufen. Colline folgt ihrem Beispiel und geht seinen Mantel verkaufen. Schaunard lässt die beiden wiedervereinten Liebenden allein. Mimì und Rodolfo erinnern sich an ihre gemeinsame Zeit. Als die Freunde zurückkehren und die baldige Ankunft eines Arztes melden, schläft Mimì ein. In Gedanken versunken merkt Rodolfo erst am betretenen Schweigen seiner Freunde, dass Mimì gestorben ist.