1697 in Lyon geboren, war Jean-Marie Leclair Zeitgenosse von Giuseppe Tartini und Pietro Locatelli. Seine Geburtsstadt, strategisch zwischen Paris und Turin gelegen, prägte seinen frühen Werdegang massgeblich. Schon früh trat er als Tänzer in die Oper von Lyon ein – im damaligen Frankreich galt der Tanz als dominierende Kunstform. Zwischen seinem zwanzigsten und dreissigsten Lebensjahr reiste er als Tänzer und Ballettmeister unablässig durch Europa und wirkte in verschiedenen Städten. Doch Leclair strebte nach mehr, denn Tänzerkarrieren galten damals wie heute als kurzlebig. Er liess sich zum Geiger und Komponisten ausbilden. In Turin studierte er bei Giovanni Battista Somis, einem Schüler Arcangelo Corellis. Diese Vielseitigkeit hatte er vermutlich von seinem Vater, ein Posamentierer, der zugleich Bassgeiger und Tanzmeister war und sein erster Lehrer wurde. Leclair entwickelte einen Stil, der exemplarisch das Ideal der von Couperin, Telemann oder Quantz propagierten «Vereinigung der Geschmäcker» Frankreichs und Italiens verkörperte.
Seine internationale Karriere begann in den 1720er-Jahren. Ein legendärer Wettstreit mit Locatelli 1728 in Kassel brachte ihm den Beinamen «Engel» ein – als Gegenpart zum «Teufel» Locatelli. Ein überzeichnetes Bild, das jedoch die öffentliche Wahrnehmung widerspiegelte: Leclairs Spiel galt als leuchtend, edel, kontrolliert – nie exzessiv. Ende der 1720er-Jahre wurde Paris zu seinem Lebensmittelpunkt. Er trat regelmässig bei den Concerts spirituels auf, wurde 1734 Musiker der Chapelle und Chambre du roi und verliess diese prestigeträchtige Stellung wieder, weil er den Konkurrenzkampf nicht aushielt. Auch das gehört zu seinem Bild: verletzlich, stolz, wenig bereit zu Kompromissen. Sein Œuvre ist überschaubar – dreizehn Opuszahlen –, doch sämtliche erhaltene Werke erschienen im Druck: vier Sonatenbücher für Violine und Basso continuo, Konzerte, Duos – Werke, die in Frankreich als kühn und technisch anspruchsvoll galten. Besonders die «Recréations de musique d’une exécution facile» tragen ihren Titel fast ironisch und zeigen, wie anspruchsvoll Leclairs Musik tatsächlich war. Leclair schrieb für Virtuosen – und für sich selbst.
Erst spät, 1746, wandte er sich der Oper zu. Mit «Scylla et Glaucus» betrat er die Bühne der Pariser Opéra – fast fünfzigjährig. Dies verbindet ihn mit seinem Zeitgenossen Rameau, der seine erste Oper «Hippolyte et Aricie» im ähnlichen Alter vorlegte. In einer Zeit, in der der Ruhm eines Komponisten wesentlich von der Bühne abhing, hoffte Leclair auf eine zweite Karriere. Doch die Entscheidung, eine Tragédie en musique mit tragischem Ende zu komponieren, war riskant: Das Genre galt als überholt. Nur wenige Werke hatten noch Erfolg, etwa «Jephté» von Montéclair sowie die Tragödien Rameaus. Das Publikum bevorzugte Wiederaufführungen der Werke Jean-Baptiste Lullys und erwartete selbst bei tragischen Stoffen versöhnliche Schlüsse. Eine Tragédie statt eines Balletts zu komponieren, dem damals angesagten Genre, bedeutete daher, an die dramatische Tradition Lullys anzuknüpfen und sich mit Rameau zu messen.
Über die Entstehung von Leclairs Opus 11, «Scylla et Glaucus», ist nahezu nichts bekannt. Selbst der Vorname des Librettisten d’Albaret ist unbekannt. Wie Leclair debütierte er 1746 an der Opéra, ohne dass sich darüber hinaus nennenswerte dichterische Tätigkeiten nachweisen lassen. Musikalisch ist «Scylla et Glaucus» ein faszinierender Hybrid: eine Oper aus der Feder eines Virtuosen. Die Violinen stehen immer wieder im Zentrum: sie kommentieren, umspielen, intensivieren Monologe und Arien. In den Chorsätzen teilen sich die Streicher häufig in zwei eigenständige Gruppen: Während die zweiten Violinen traditionell die Oberstimmen des Chores verdoppeln, entfalten die ersten Violinen zusätzliche Läufe und Verzierungen. Vor diesem Hintergrund mag es wenig verwunderlich erscheinen, dass «Scylla et Glaucus» als eine «Oper für Violine» bezeichnet wird. Gleichwohl blieb der Erfolg verhalten. Nach 18 Aufführungen verschwand das Werk aus dem Spielplan. Leclair schrieb nie wieder für die Opéra.
In den folgenden Jahren zog sich Leclair zunehmend zurück. Er komponierte für den Herzog von Gramont zahlreiche Gelegenheitswerke, die sämtlich verloren gegangen sind. Veröffentlichungen wurden seltener, schliesslich trennte er sich von seiner Frau, die als Notenstecherin an vielen Werken beteiligt war. 1764 wurde Leclair in seinem Haus ermordet aufgefunden. Verdächtigt wurde sein eigener Neffe, ebenfalls Geiger, zu einem Prozess kam es jedoch nie. Bald rankten sich Legenden um seinen Tod – von blutbefleckten Stradivaris bis zu literarischen Spekulationen über prominente Täter. Die Wahrheit blieb im Dunkeln. Vielleicht passt dieses rätselhafte Ende zu einem Leben «zwischen den Welten». Leclair stand zwischen Nationen, zwischen Stilen, zwischen einem Leben in der Öffentlichkeit und dem Rückzug ins Private. Seine Musik geriet nie völlig in Vergessenheit – einzelne Stücke blieben im Repertoire, Auszüge seiner Oper erklangen in anderen Aufführungen. Erst im 20. Jahrhundert begann man sein Werk neu zu entdecken und 1979 gelang John Eliot Gardiner die erfolgreiche Wiederbelebung von «Scylla et Glaucus».