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Das Mädchen mit den Schwefelhölzern

Musik mit Bildern von Helmut Lachenmann (*1935)
Schweizerische Erstaufführung

Dauer 1 Std. 55 Min. Keine Pause. Werkeinführung jeweils 45 Min. vor Vorstellungsbeginn.
Einführungsmatinee am 22 Sep 2019.

Partner Ballett Zürich      

und mit der Unterstützung der Freunde des Balletts Zürich

Gut zu wissen

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Das Mädchen mit den Schwefelhölzern

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Das Mädchen mit den Schwefelhölzern

Trailer «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern»

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Bilder «Mädchen»

Pressestimmen

«Helmut Lachenmann hat von einem Wahrnehmungsabenteuer gesprochen – und ein solches ist «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern» in Zürich zweifellos.» 
Aargauer Zeitung, 14.10.2019

«Ein Stück, das man gehört haben muss. Oder, besser gesagt: in dem man das Hören neu erlernen kann, weil man sich erst verliert, dann verliebt in diese sich zart verzweigende Riesenpartitur, wie ein Blinder, der plötzlich, mit einem Schlag, wieder Licht und Farbe sieht.» 
Neue Zürcher Zeitung, 14.10.2019

«Die Choreografie trifft die Töne so feinfühlig und exakt, dass man die Bewegungen auch als Klänge wahrnehmen kann.» 
Tages Anzeiger, 14.10.2019


Essay


Die Kosmopolitin

Michelle Willems war auf der ganzen Welt zu Hause. Nach zwei Jahren im Junior Ballett tanzt sie seit 2016 im Ballett Zürich. Jetzt ist sie eine der Mädchen­Figuren in «Das Mädchen mit den Schwefelhölzern».

Die neue Ballettspielzeit ist schon sechs Wochen alt, aber noch immer leuchten die Augen von Michelle Willems, wenn sie von ihren Sommerferien erzählt. Fast klingt es, als hätte sie da einen Länderrekord aufstellen wollen, war sie doch in der relativ kurzen Zeit auf gleich drei Kontinenten unterwegs. Von der Schweiz aus ging es zunächst nach Armenien und in die USA, dann von Moskau aus auf die Malediven und anschliessend über Russland zurück nach Zürich. Das Reisen liegt ihr im Blut, sie ist seit ihrer frühesten Kindheit eine Globetrotterin gewesen. Eine Weltbürgerin mit französischem Pass, deren Familie mütterlicherseits schon seit fünf Generationen quer durch Europa und Afrika gezogen ist. «Oft fragen mich die Leute, ob ich ein Diplomatenkind sei», lacht Michelle, die selbst in Belgien geboren ist, ihre Kindheit dann aber - bedingt durch die Arbeit ihrer Eltern - erst in Kasachstan und anschliessend in Thailand verbracht hat. Die längste Zeit ihres Lebens hat Michelle in Moskau gelebt, und so ist die Affinität zu Russland bis heute besonders stark. «Mir hat es an allen Orten gefallen», erzählt Michelle, «aber Russland ist schon etwas Besonderes. Auf den ersten Blick wirken Russen vielleicht etwas kalt und streng, aber sobald du sie ein bisschen kennst, erobern sie dich mit ihrer Herzlichkeit im Sturm. Wenn sie dich einladen, biegen sich die Tische», erklärt sie. Das Leben in völlig unterschiedlichen Kulturen hat sie neugierig gemacht auf alles Unbekannte, und beinahe mühelos kann sie sich an neue Lebensumstände anpassen: «Wahrscheinlich habe ich mir aus jedem Land das Beste mitgenommen, um so zu werden, wie ich heute bin.»
Wie sie heute ist? Der Weg der charismatischen Tänzerin verlief nicht schnurstracks geradeaus, sondern war immer wieder von Überraschungen und unverhofften Wendungen geprägt. «Angefangen hat alles in Kasachstan», erinnert sich Michelle. «Dort gastierten damals viele russische Ballettcompagnien, auch das Bolschoitheater war immer wieder mit grossen Ballettaufführungen zu Gast. Meine Mutter hat mich als Vierjährige mit in die Vorstellungen genommen, und damals fing diese Begeisterung an. Schon bald erklärte ich, dass ich Ballerina werden wolle. Meine Mutter nahm das am Anfang nicht wirklich ernst, aber dann unterstützte sie mich so, wie sie alle meine Geschwister unterstützt hat. Sie hat mir immer geraten, alles auszuprobieren und nie irgendeinen Druck auf mich ausgeübt. Sollte ich merken, dass etwas nichts für mich sein sollte, würden wir schon etwas Anderes finden. Ein herrlich unaufgeregter Pragmatismus, für den ich sie wirklich bewundere.» Nach den ersten Ballettstunden in Moskau setzte Michelle ihre Tanzausbildung in Bangkok fort, ehe sie dann mit Zwölf an der Akademie des Bolschoitheaters aufgenommen wurde. Ein Moment, in dem Michelle plötzlich klar wurde, dass es sich hier nicht mehr um eine Mädchenlaune, sondern um eine Weichenstellung für das weitere Leben handelte: «Bis zu diesem Zeitpunkt war Tanz für mich ein pures Vergnügen gewesen. An der Akademie sah ich dann plötzlich all diese Mädchen, die mit absoluter Hingabe, Ernst und gelegentlich auch Verbissenheit trainierten, das hat mir für einen Moment Angst gemacht. Aber auch hier half wieder der Rat meiner Mutter: «Das ist eine einmalige Chance in deinem Leben. Wenn du es nicht versuchst, wirst du es vielleicht einmal bedauern. Probier es, und wenn es dir nicht gefällt, hörst du auf.» Michelle ist geblieben und erinnert sich, dass bei den Aufnahmeprüfungen vor allem auf die körperlichen Voraussetzungen der Tänzerinnen und Tänzer allergrösster Wert gelegt wurde: «Das war weit wichtiger als die tänzerische Qualifikation!». Wie hat sie die Atmosphäre an der renommierten Schule erlebt? Stimmt das Klischee von Drill und Konkurrenzdruck? Michelle wird nachdenklich: «Rückblickend war diese strenge russische Schule eine gute Vorbereitung auf alles, was danach kam und noch kommen sollte. Natürlich gab es mitunter auch Schmerz und Tränen, aber man darf es sich nicht so wie in den einschlägigen Ballettfilmen vorstellen: Ich hatte nie Glasscherben in meinem Tanzschuh. Wir hatten eine tolle Zeit und haben auch in dieser strengen Umgebung genügend Streiche und Dummheiten gemacht. In Moskau habe ich zum Glück aber auch Selbstdisziplin gelernt, und dafür bin ich wirklich dankbar. Heute mache ich Dinge nicht, weil sie jemand von mir verlangt, sondern weil ich sie selber will.»
Selbstdisziplin, aber vor allem auch Selbstvertrauen wird sie brauchen, denn das Examen, nach dem endlich die ersehnte Tänzerinnenlaufbahn beginnen soll, endet erst einmal mit einer Enttäuschung. Diese Abschlussprüfungen finden vor den versammelten russischen Ballettdirektoren statt. Viele sind begeistert von der zierlichen blonden, perfekt Russisch sprechenden jungen Tänzerin. Als sie jedoch realisieren, dass sie keinen russischen Pass hat und man sich bei einem Engagement sehr wahrscheinlich auf bürokratische Hürden einstellen muss, machen die Interessenten einen Rückzieher. Die frisch gebackene Absolventin steht ohne Job da, auch bei ausländischen Compagnien sind die Auditions für die kommende Saison zu diesem Zeitpunkt längst gelaufen. Ein klassischer Fehlstart also? Wieder ist es Michelles Mutter, die in der angespannten Situation die Nerven behält. Sie organisiert einen Kontakt zum Atelier Rudra-­Béjart in Lausanne, und Michelle geht einmal mehr auf Reisen. Der Ballett­-Klimawechsel stellt sich als Glücksfall heraus: «Lausanne war der perfekte Ort, um meiner sehr klassisch geprägten Ausbildung einen Schuss Moderne hinzuzufügen und meinen Horizont in diese Richtung zu erweitern.» Auch der Schweiz bleibt Michelle Willems treu. Nach zwei Jahren im Junior Ballett engagiert sie Christian Spuck 2016 ins Ballett Zürich und konfrontiert sie von Beginn an mit ständig wachsenden Aufgaben. Besonders gern erinnert sie sich an Kitty in Spucks Anna Karenina: «Wie Christian ihren Weg von einem recht oberflächlichen und verwöhnten Mädchen in eine tief empfindende junge Frau umgesetzt hat, war eine unvergessliche Erfahrung. Als Tänzerin konnte ich da viele verschiedene Facetten zeigen. Christian hat seine unverwechselbare Sprache. Besonders gefällt mir, dass er in seinen Handlungsballetten nicht mit dieser Art von Fake­-Pantomime arbeitet, jenen leeren Gesten, die einen in Ballettaufführungen ganz schön ermüden können. Bei ihm ist alles auf ganz natürliche Weise mit dem Tanz verbunden, es fühlt sich ähnlich an wie ein Film.»
Beim Thema Handlungsballette gerät Michelle ins Schwärmen. «Ich liebe es, auf der Bühne Geschichten zu erzählen», sagt sie begeistert. «Da kann ich mich selbst vergessen, mich in jemand anderen verwandeln und das Publikum in eine andere Welt entführen. Was kann man sich Schöneres wünschen?» In der Spielzeit 2016/17 stand sie nicht nur als Marie in Christian Spucks Nussknacker und Mausekönig auf der Bühne, sondern begeisterte das Publikum auch als tief empfindendes Gretchen in Edward Clugs Faust­Ballett. Aber auch auf die abstrakten Ballette möchte sie nicht verzichten, schliesslich kann man da «alles aus sich herausholen, seine Grenzen testen und herausfinden, wie weit man gehen kann». Die Begegnungen mit Choreografenpersönlichkeiten wie Jiři Kylián und vor allem mit William Forsythe seien «Lektionen fürs Leben» gewesen, besonders Forsythes Choreografie Quintett habe ihr Leben verändert. «Es ist eines meiner absoluten Lieblingsstücke. Forsythe wird 70 in diesem Jahr. Das ist kaum zu fassen, weil man sich im Strom seiner jugendlichen Energie wirklich alt fühlt. Er ist eine unendliche Inspiration. Daher freue ich mich riesig auf unseren neuen Forsythe-­Abend im Januar».
Zunächst aber wartet eine andere grosse Herausforderung auf Michelle Willems. In Christian Spucks Inszenierung von Helmut Lachenmanns Das Mädchen mit den Schwefelhölzern ist sie eine von insgesamt sechs Mädchen-­Figuren, die der Choreograf für Michelle und ihre Tänzerkolleginnen kreiert. «Christian versucht da gerade, etwas völlig Neues auszuprobieren und auch für ihn ungewöhnliche Wege zu gehen. Wege, die wirklich aus Helmut Lachenmanns Musik heraus­ und wieder in sie hineinführen. Diese Musik ist so völlig anders als alles, was wir bisher gemacht haben. Wir reagieren zwar auch auf bestimmte Klänge und Vokaleinsätze, hauptsächlich arbeiten wir aber mit einem ausgeklügelten Videoscreening, das uns anhand einer numerischen Anzeige der Taktzahlen durch die komplizierte Partitur führt. Das verlangt allerhöchste Konzentration. Im Moment geht es vor allem noch um die Erarbeitung des Schrittmaterials. Ich bin sehr gespannt, wie das dann mit der Bühne, den Kostümen und dem Orchester zusammenkommt.»
Was bekommt ein Choreograf von Michelle Willems? Sie muss lachen: «Natürlich versuche immer, mein Bestes zu geben und die jeweilige Choreografie zu verinnerlichen und sie mir zu eigen zu machen. Mit viel Respekt natürlich und ohne sie zu verändern, aber ihr doch einen ganz feinen und unverwechselbaren Michelle-­Touch zu verleihen». Für eine Kosmopolitin wie sie endet die Realität natürlich nicht an der Tür des Ballettsaals, dafür ist sie zu neugierig. Reisen, Filme, Musik, ihre Freunde, tolles Essen - das alles liefert ihr die nötige Inspiration. «Wenn mir Leute sagen: ‹I live ballet›, werde ich stutzig», sagt sie. «Für mich würde das nicht funktionieren. Wenn ich kein Leben abseits des Tanzes hätte, könnte ich auf der Bühne nur wenig erzählen.»

Text von Michael Küster.
Foto von Jos Schmid.
Dieser Artikel ist erschienen in MAG 72, Oktober 2019.
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Fotogalerie

 

Bilder aus den Proben


Volker Hagedorn trifft ...


Rufus Didwiszus

Gemächlich schlendert ein Mann in Schwarz, die Hand am Halfter, vom Biobäcker zum Verwaltungsgericht, «Justiz» steht auf dem Hemd, das macht hier keinen stutzig. Die Kirchstrasse in Moabit badet in der Sonne, vor fast jedem Haus stehen Caféstühle.

«Mittags sitzen da Scharen von Justizleuten», meint Rufus Didwiszus. Man hört auch Scharen von Kindern durch die offenen Fenster des Ateliers, in dem Rufus arbeitet und wo es aussieht, als habe in Berlin nie eine Gentrifizierung stattgefunden. An der Decke in etwa fünf Metern Höhe blättert zartrosa Anstrich aus Helmut Kohls Zeiten, das Rohr eines kleinen Ofens mündet direkt in den Putz. Und an den Wänden lehnen Grossformate, rätselvolle Holzdrucke voller Zeichen und Reihen. Sie sind nicht von Rufus Didwiszus, sondern von dem Künstler, mit dem sich der Bühnenbildner die Arbeitsräume teilt. Auf einem Tisch steht ein unfertiges Modell für die übernächste Produktion in Zürich. Davor kommt Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern. Darüber unterhalten wir uns am gewaltigen, nur knapp kniehohen Tisch, an dem sich Rufus auch mit Christian Spuck in das Thema hineingetastet hat. «Er kommt gern nach Berlin, weil bei ihm in Zürich dauernd das Telefon klingelt», sagt er, ein schmaler, hellwacher, rasch redender Mittfünfziger. «Hier sitzen wir zwei, drei Tage, hören die Musik an, jeder schweigt und macht so sein Zeug, und wenn einem was einfällt, dann sagt er das. Das funktioniert so am besten.»
Wie gut, konnte man in den Zürcher Ballettproduktionen Nussknacker und Winterreise erleben. Aber Helmut Lachenmanns Mädchen erschliesst sich nicht so leicht wie Tschaikowski und Schubert. «Ich hörte das Stück vor ein paar Jahren in der Deutschen Oper, das war ein Erlebnis. Aber als ich dazu recherchierte, habe ich gedacht, ich sei zu doof, und das Stück zu intellektuell für mich - bis wir Helmut Lachenmann trafen. Er kam mit seiner riesigen Partitur und ging sie Seite für Seite mit uns durch. Er hatte zuvor selbst lange nicht mehr reingeguckt und war gespannt. Der Mann hat sehr viel Humor. Und es ist auch viel Gefühl in der Musik.»
Rufus erkundete, was im Mädchen zusammenkommt - die Verbindung etwa von der frierenden kleinen Streichholzverkäuferin zur Terroristin Gudrun Ensslin, die ebenfalls «zündelte». «Es geht um den ersten Schritt, nach dem es kein Zurück gibt, ein Schritt aufgrund äusserer oder innerer Kälte - und gegenüber dem politischen Ansatz gibt es diese grosse Lust an Klängen. Nachdem ich dieses Spannungsfeld kapiert hatte, war ich drin.» Und sobald Rufus drin ist, wird er zum Eremiten. «Für den Entwurf muss ich allein sein. Das ist wie eine Suche im Nebel. Wenn in dem Moment jemand etwas Falsches sagt oder etwas anderes in dem sieht, was mir vorschwebt, biege ich zu früh ab.»
Dass der Bühnenbildner Rufus Didwiszus heute zu den gefragten der Zunft zählt, liegt daran, dass er mal spontan abgebogen ist, mit 20 Jahren. «Ich hatte immer gemalt, wie viele Freunde, ohne Plan, und war zu der Zeit in Stuttgart, wo man an der Akademie Bühnenbild studieren konnte. Ich war nie im Theater gewesen, dachte aber, Bühnenbild, da ist doch ein bisschen was von allem dabei. Bewerb ich mich mal...» Über Professor Jürgen Rose wusste er nichts, den grossen Zauberer, wie denn auch. «Man musste als Bewerber erklären, was einen am Theater interessiert, da hab ich improvisiert. Das ist ihm bestimmt nicht entgangen. Aber irgendetwas fand er daran gut.» Rufus landete «in einem verrückten Jahrgang mit tollen Leuten». Rose ging es nie um die spätere Praxis. Wir sollten die eigene Kreativität, den eigenen Ausdruck finden. Er meinte, wenn jemand mit Bleistift entwerfe, müsse das Bühnenbild am Ende anders aussehen als bei jemandem, der mit Collagen beginnt. «Am Ende muss man immer noch die Skizze erkennen.»
Und man braucht Utopie. «Ohne kann man es gar nicht machen. Es ist ja absurd, dass erwachsene Menschen in ein Pappgebilde gucken und das für den Moment ernstnehmen. Das geht nur, weil wir uns alle darauf verständigt haben. Und Rose hat das gelebt mit seiner Begeisterung. Durch ihn hat mich das interessiert.» Nach fünf glücklichen Jahren nahm Rose ihn als Assistenten mit an die Münchner Kammerspiele, «der Ritterschlag! Aber ich sollte mit einem jungen Regisseur und einem Bühnenbildner arbeiten, die ich aus vollster Seele gehasst habe, arrogante Typen. In der Kantine habe ich mich bei einem anderen jungen Regisseur ausgekotzt, der hat mir dann eine Chance gegeben.» Für Christian Stückls Regie von Roberto Zucco schuf Rufus Didwiszus sein erstes Bühnenbild. «Danach dachte ich: Jetzt bin ich Bühnenbildner und kein Assistent mehr. Der Rest der Welt wusste das aber nicht - und es kamen ein paar Hungerjahre, in denen mir Mathias wahnsinnig geholfen hat.» Mathias Hornung hatte mit ihm studiert, war dann bildender Künstler geworden, und ist derjenige, mit dem sich Rufus noch heute das Atelier teilt. «Ich hätte in Berlin damals künstlerisch nicht überlebt, wenn ich nicht in all seinen Ateliers mitgesessen hätte. Ich habe Wohnungen renoviert und Böden abgezogen mit einem Freund, der einen kleinen Handwerksbetrieb hatte. Ich war ganz schlecht darin. Wenn die Tür zufiel, kam der Putz von der Wand.»
Er war ein unterbeschäftigter Bühnenbildner Anfang dreissig, als er in die «Baracke» des Deutschen Theaters in Berlin ging, «alle gingen hin, es waren Ostermeiers erste Theaterarbeiten. Und ich dachte, ah, hier sind meine Leute!» Irgendwann sass er neben Thomas Ostermeier, und der sagte: «Ich brauche einen Bühnenbildner für Shoppen und Ficken. Hab’ gehört, du bist einer.» Mark Ravenhills Theaterstück wurde Ostermeiers grosser Erfolg und Rufus war von da an in der Baracke des Deutschen Theaters dabei. «Das waren drei Jahre gelebter Utopie. Was da alles zusammenkam! Unvergesslich. Das würde heute nicht mehr gehen, ist aber auch nicht schlimm, wenn man es erlebt hat.» 2004 arbeitete er an der Schaubühne erstmals mit der Musikperformerin Joanna Dudley zusammen, die jetzt seine Frau ist. Sie machten eigene kleine Produktionen, lange ehe Barrie Kosky anrief und Rufus zur ersten Oper verhalf: La fanciulla del West in Zürich. Hat er eine musikalische Prägung? Er lacht. «Das war ein typisches Waldorfschülerding. Neun Jahre Geige, um dann festzustellen, dass die Geige in der Rockband nicht so sexy ist, also wurde sie in die Ecke gelegt.»
Jetzt hat er noch zwei Tage für das jüngste Modell. «Ich mache nur wenige Zeichnungen. Wahnsinnig viel Pappe, die dabei draufgeht. Wie klar auch immer es im Kopf war, im Modell ist es nie so. Oft wird es anders als geplant, durch Farbe, durch Fehler, aber besser. Es geht nur über die Hände. Und das Modell muss auch als Objekt etwas besonderes sein.» Wenn die Werkstätten es dann bühnengross realisiert haben, «dann wissen die in der Komischen Oper und in Zürich schon, dass Rufus am Ende mit seinem Farbeimer kommt. Dass ich noch mal Hand anlege oder irgendwo ein Loch reinhaue, damit es weniger ordentlich aussieht. Manchmal ist es so, dass wirklich etwas fehlt, wofür ich keine Erklärung habe. Aber zum Teil hat es auch damit zu tun, dass ich mir das Bühnenbild zurückholen will. Ich sitze davor und denke, ich habe ja gar nichts darin angefasst!»
Und ein bisschen Chaos muss wohl auch sein, wie in der Kirchstrasse. Voriges Jahr ist Rufus mal in ein ordentliches Atelier umgezogen, mit glatten weissen Wänden. «Ich dachte, ich muss jetzt mal erwachsen werden, bei den vielen Aufträgen. Ich bin zurückgekommen, weil mir die Anarchie gefehlt hat!»

Text von Volker Hagedorn.
Dieser Artikel ist erschienen in MAG 72, Oktober 2019.
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