Auf dem Pult

Die Walküre

Unsere Solo-Harfenisitin Julie Palloc über ihre Lieblingsstelle in Wagners Oper

Meine Liebe zu Wagners Musik ist erst nach und nach gewachsen. Ich habe den «Ring» zum ersten Mal ganz jung als Akademistin in Berlin unter Christian Thielemann gespielt, aber damals war dieses Werk für mich schwer fassbar und weit weg von meiner französischen Herkunft. Vor einem Jahr spielte ich in Bayreuth, und heute kann ich sagen: Wagner fasziniert mich. In der Walküre berührt mich der grosse Monolog Wotans im dritten Aufzug ganz besonders. Der Göttervater sieht sich gezwungen, seine Tochter Brünnhilde zu bestrafen, obwohl an seiner tiefen Liebe zu ihr kein Zweifel besteht. In der dritten Szene erklingt ein kleines Motiv in der Harfe – ein nach oben gerichtetes Arpeggio, innig und zart. Für mich ist es Wotans Abschiedskuss an Brünnhilde. Jedes Mal bete ich, dass die Harfe nicht verstimmt ist und ich Brünnhilde nicht direkt in die Hölle schicke! Kurz vor diesem Motiv erklingt im Englischhorn Wagners Motiv der Entsagung in Moll. Demgegenüber mutet der Harfeneinsatz in As-Dur positiver und weicher an. Wenn wir das Motiv zum zweiten Mal hören, steht es sogar in C-Dur – die pure Hoffnung nach Wotans Monolog! Immer mehr verschwinden Leitmotive, die mit negativen Emotionen wie Wut, Zorn oder Not verbunden sind, und machen stattdessen dem Liebes- und Schlafmotiv sowie dem Feuerzauber Platz. Auf den finalen Feuerzauber freuen wir Harfenistinnen uns seit fast vier Stunden – eine Stelle, die für uns extrem aufregend ist. Innerhalb von sieben Takten müssen wir 55 Mal die Pedale wechseln und sind dabei komplett vom Tempo des Dirigenten abhängig. Als Wagner den «Ring» 1876 zum ersten Mal in Bayreuth dirigierte, soll er auf die Bemerkung eines Harfenisten, wonach diese Stelle unspielbar sei, gesagt haben: «Sie wissen schon, wie ich es meine!»

Julie Palloc



Richard Wagner
Die Walküre
Thomas Stewart (Wotan)
Berliner Philharmoniker
Herbert von Karajan

Le nozze di Figaro

unser Solo-Oboist Bernhard Heinrichs über seine Lieblingsstelle in Mozarts Oper

«Deh vieni, non tardar» – bei Susannas Rosenarie im vierten Akt stimme ich die Melodie an, die Susanna ein paar Takte später aufgreift. Die Melodie ist erotisch, sinnlich, duftig. Susanna spricht hier den Wind und den Bach an, alles ist in zartester Bewegung. Die Melodie muss daher immer im Fluss bleiben. Über der Arie steht zwar «Andante», doch das bedeutet bei Mozart nie ein langsames Tempo, sondern es hat – im Unterschied zu einem Adagio, bei dem die Zeit stillsteht –, immer eine bestimmte Richtung. Das erreicht man, indem man die Taktmitte dieses Sechsachteltaktes immer wieder variiert, sie mal schwer, dann wieder leicht spielt. Die Tonart F-Dur dieser Arie empfinde ich als eine sehr gesunde Tonart, die weit weg ist von einer Klage und generell für Hoffnung und Zukunft steht. In dieser Arie gibt es denn auch keinen Konflikt und kein Gegenbild, auch keine Wendung nach Moll. Mein erster Ton in dieser Arie ist das C, und es ist der erste Ton, den ich im vierten Akt überhaupt spiele. Davor habe ich fast zwanzig Minuten nichts. So ein nackter Einsatz, ohne vorher das Instrument gross aufgewärmt zu haben, ist wie ein Lotteriespiel. Dazu kommt, dass das C der heikelste Ton auf der Oboe ist – bis auf zwei Löcher, deren Klappen ich schliessen muss, sind sämtliche Löcher offen. Man muss diesen Ton liebevoll behandeln, damit er gut klingt. Das C ist zudem der hellste Ton auf der Oboe. Susanna singt in dieser Arie ja von der herannahenden Nacht. Nikolaus Harnoncourt hat einmal gesagt, dass es bei Komponisten ganz unterschiedliche Arten von Nächten gebe – bei Mozart sei die Nacht immer durchleuchtet. Das trifft besonders auf den «Figaro» zu, und die Oboe trägt zu dieser Helligkeit viel bei!

Bernhard Heinrichs

Reinhören:



Wolfgang Amadeus Mozart
Le Nozze di Figaro
Barbara Bonney (Susanna)
Royal Concertgebouw Orchestra
Nikolaus Harnoncourt