Auf dem Pult

Tosca

Unsere Solo-Klarinettistin Rita Karin Meier über ihr Solo im 3. Akt in Puccinis Oper

Das grosse Klarinettensolo im dritten Akt ist eine Oase in Puccinis «Tosca», die ansonsten von einem nervösen Grundton dominiert wird: Die Ereignisse überstürzen sich, es fallen schnelle Entscheidungen. Wenn hingegen der zum Tode verurteilte Cavaradossi auf der Engelsburg zu seinem Abschiedsbrief ansetzt, bleibt mit den ersten drei Tönen der Klarinette, die die Arie «E lucevan le stelle» anstimmt, die Zeit stehen. Noch eine Stunde hat Cavaradossi zu leben. All seine Sinne sind äusserst empfänglich, wie es typisch für Menschen in Extremsituationen ist. Er sieht («Und es leuchteten die Sterne»), riecht («die Erde duftete») und hört intensiv («das Tor zum Garten knarrte, Schritte huschten über den Kies»). Cavaradossi erinnert sich in diesem Moment nur an die schönen Dinge, die er mit Tosca erlebt hat, an die süssen Küsse, das sehnsuchtsvolle Liebkosen. Er bereut nichts in seinem Leben. Dies alles muss ich mit der Klarinette transportieren. Wichtig ist es, die Melodie ganz fein und leise anzufangen. Man braucht einen butterzarten Ton und ein schönes Legato, denn die Melodie darf nicht auseinanderfallen. Puccini schreibt mehrmals «rubando», es ist also teilweise sehr erwünscht, nicht streng mathematisch zu interpretieren, sondern mit grosser Flexibilität und vielleicht mit einem Hauch «Italianità». Denn jede Vorstellung ist anders, jeder Sänger des Cavaradossi ist anders, und Dirigentinnen und Dirigenten geben einem unterschiedliche Freiheiten. Die Stelle ist für eine A-Klarinette geschrieben, die ein etwas dunkleres Timbre als die B-Klarinette hat und natürlich sehr passend für eine nächtliche Szene ist – Puccini hatte ein unfassbar gutes Gespür für Instrumente und die Instrumentation. Für mich ist diese Arie jedes Mal wie ein Zückerchen. Ich freue mich den ganzen Tag darauf.

Rita Karin Meier



Giacomo Puccini
Tosca
José Carreras (Cavaradossi)
Berliner Philharmoniker
Herbert von Karajan

Barkouf

Unser Solo-Cellist Claudius Herrmann über Offenbach, der auch ein virtuoser Cellist war

Die charmante, leicht melancholische Melodie in der Romanze von Saëb im ersten Akt von Jacques Offenbachs Operette Barkouf ist für nicht weniger als vier Solocelli gesetzt. Vielleicht war Offenbach vom Cellosextett aus Nabucco inspiriert, vergleichbare prominente Cello-Ensemblestellen kennt man später auch von Tosca oder Carmen. Das Cello war jedenfalls Offenbachs Instrument: Seine musikalische Laufbahn begann er als Cellist, im Graben der Opéra-Comique und in den mondänen Pariser Salons, wo er nicht zuletzt durch sein extravagantes Auftreten beeindruckte – man nannte ihn auch den «Liszt des Violoncellos». Es heisst, dass er sich im Orchester der Opéra-Comique mit seinen Pultnachbarn den Spass erlaubte, abwechselnd immer eine Note der gemeinsamen Stimme zu spielen. Dafür bekam er eine gepfefferte Geldbusse. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich so ein Virtuose wie Offenbach beim Repertoire der Opéra-Comique langweilen musste: die technisch wenig herausfordernde Basslinie spielen zu müssen und wochenlang das gleiche Stück ... Zum Glück wurden für uns heutige Cellisten seit der Zeit Offenbachs sehr viel anspruchsvollere Cellopartien in der Opernliteratur geschrieben: Wagner, Richard Strauss, Puccini ... da hat man genug zu tun. Aber ich gestehe: Wenn ich nur Donizetti und Bellini spielen müsste, wäre auch ich in Versuchung, mir mit meinem Pultnachbarn ähnlich kreative Spässe auszudenken. – Von Offenbach gibt es eine umfangreiche Literatur für Cello. Sein Cellokonzert zum Beispiel, das «Concerto Militaire», ist hochvirtuos, gespickt mit Oktaven, Dezimen und schnellen Läufen. Für mich ist das aber nichts, ich mag es lieber gesanglich, und da bin ich in der Oper gut aufgehoben: in Hoffmanns Erzählungen gibt es etwa dieses sehnsüchtige Motiv, das zum ersten Mal beim Auftritt von Lindorf auftaucht und im Laufe des Abends immer wieder erklingt. Wie so oft bei Offenbach hallt auch diese Melodie noch lange in einem nach.

Claudius Herrmann



Jacques Offenbach, «Barkouf», 1. Akt, Romanze des Saëb

Claudius Herrmann, Violoncello
Alexander Gropper, Violoncello
Seiji Yokota, Violoncello
Xinchi Wang, Violoncello

Die Aufnahme entstand am 30. September 2022 zwischen Proben zu «Barkouf» im Stimmzimmer der Cello-Gruppe der Philharmonia Zürich.

Die Walküre

Unsere Solo-Harfenistin Julie Palloc über ihre Lieblingsstelle in Wagners Oper

Meine Liebe zu Wagners Musik ist erst nach und nach gewachsen. Ich habe den «Ring» zum ersten Mal ganz jung als Akademistin in Berlin unter Christian Thielemann gespielt, aber damals war dieses Werk für mich schwer fassbar und weit weg von meiner französischen Herkunft. Vor einem Jahr spielte ich in Bayreuth, und heute kann ich sagen: Wagner fasziniert mich. In der Walküre berührt mich der grosse Monolog Wotans im dritten Aufzug ganz besonders. Der Göttervater sieht sich gezwungen, seine Tochter Brünnhilde zu bestrafen, obwohl an seiner tiefen Liebe zu ihr kein Zweifel besteht. In der dritten Szene erklingt ein kleines Motiv in der Harfe – ein nach oben gerichtetes Arpeggio, innig und zart. Für mich ist es Wotans Abschiedskuss an Brünnhilde. Jedes Mal bete ich, dass die Harfe nicht verstimmt ist und ich Brünnhilde nicht direkt in die Hölle schicke! Kurz vor diesem Motiv erklingt im Englischhorn Wagners Motiv der Entsagung in Moll. Demgegenüber mutet der Harfeneinsatz in As-Dur positiver und weicher an. Wenn wir das Motiv zum zweiten Mal hören, steht es sogar in C-Dur – die pure Hoffnung nach Wotans Monolog! Immer mehr verschwinden Leitmotive, die mit negativen Emotionen wie Wut, Zorn oder Not verbunden sind, und machen stattdessen dem Liebes- und Schlafmotiv sowie dem Feuerzauber Platz. Auf den finalen Feuerzauber freuen wir Harfenistinnen uns seit fast vier Stunden – eine Stelle, die für uns extrem aufregend ist. Innerhalb von sieben Takten müssen wir 55 Mal die Pedale wechseln und sind dabei komplett vom Tempo des Dirigenten abhängig. Als Wagner den «Ring» 1876 zum ersten Mal in Bayreuth dirigierte, soll er auf die Bemerkung eines Harfenisten, wonach diese Stelle unspielbar sei, gesagt haben: «Sie wissen schon, wie ich es meine!»

Julie Palloc



Richard Wagner
Die Walküre
Thomas Stewart (Wotan)
Berliner Philharmoniker
Herbert von Karajan

Le nozze di Figaro

unser Solo-Oboist Bernhard Heinrichs über seine Lieblingsstelle in Mozarts Oper

«Deh vieni, non tardar» – bei Susannas Rosenarie im vierten Akt stimme ich die Melodie an, die Susanna ein paar Takte später aufgreift. Die Melodie ist erotisch, sinnlich, duftig. Susanna spricht hier den Wind und den Bach an, alles ist in zartester Bewegung. Die Melodie muss daher immer im Fluss bleiben. Über der Arie steht zwar «Andante», doch das bedeutet bei Mozart nie ein langsames Tempo, sondern es hat – im Unterschied zu einem Adagio, bei dem die Zeit stillsteht –, immer eine bestimmte Richtung. Das erreicht man, indem man die Taktmitte dieses Sechsachteltaktes immer wieder variiert, sie mal schwer, dann wieder leicht spielt. Die Tonart F-Dur dieser Arie empfinde ich als eine sehr gesunde Tonart, die weit weg ist von einer Klage und generell für Hoffnung und Zukunft steht. In dieser Arie gibt es denn auch keinen Konflikt und kein Gegenbild, auch keine Wendung nach Moll. Mein erster Ton in dieser Arie ist das C, und es ist der erste Ton, den ich im vierten Akt überhaupt spiele. Davor habe ich fast zwanzig Minuten nichts. So ein nackter Einsatz, ohne vorher das Instrument gross aufgewärmt zu haben, ist wie ein Lotteriespiel. Dazu kommt, dass das C der heikelste Ton auf der Oboe ist – bis auf zwei Löcher, deren Klappen ich schliessen muss, sind sämtliche Löcher offen. Man muss diesen Ton liebevoll behandeln, damit er gut klingt. Das C ist zudem der hellste Ton auf der Oboe. Susanna singt in dieser Arie ja von der herannahenden Nacht. Nikolaus Harnoncourt hat einmal gesagt, dass es bei Komponisten ganz unterschiedliche Arten von Nächten gebe – bei Mozart sei die Nacht immer durchleuchtet. Das trifft besonders auf den «Figaro» zu, und die Oboe trägt zu dieser Helligkeit viel bei!

Bernhard Heinrichs

Reinhören:



Wolfgang Amadeus Mozart
Le Nozze di Figaro
Barbara Bonney (Susanna)
Royal Concertgebouw Orchestra
Nikolaus Harnoncourt