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Emergence

Angels' Atlas

Choreografie von Crystal Pite

Choreografie Crystal Pite Musik Owen Belton Bühnenbild Jay Gower Taylor Kostüme Linda Chow Lichtgestaltung Alan Brodie

Almost Blue

Angels' Atlas

Choreografie von Marco Goecke

Choreografie Marco Goecke Musik Etta James, Antony and the Johnsons Bühnenbild und Kostüme Thomas Mika Lichtgestaltung Udo Haberland

Angels’ Atlas

Angels' Atlas

Choreografie von Crystal Pite

Choreografie Crystal Pite Musik Owen Belton Bühnenbild Jay Gower Taylor Kostüme Nancy Bryant Lichtgestaltung Tom Visser

Dauer ca. 2 Std. 20 Min. inkl. Pausen nach dem 1. Teil nach ca. 30 Min. und nach dem 2. Teil nach ca. 1 Std. 30 Min. Werkeinführung jeweils 45 Min. vor Vorstellungsbeginn.

Termine & Tickets

Oktober 2021

Sa

23

Okt
20.00

Angels' Atlas

Choreografien von Crystal Pite und Marco Goecke
Preise C: CHF 169 / 152 / 130 / 56 / 20 / 15
Ballett-Abo Klein

So

31

Okt
20.00

Angels' Atlas

Choreografien von Crystal Pite und Marco Goecke
Preise C: CHF 169 / 152 / 130 / 56 / 20 / 15
Sonntag-Abo C

November 2021

Fr

05

Nov
19.00

Angels' Atlas

Choreografien von Crystal Pite und Marco Goecke
Preise C
Wahl-Abo

März 2022

So

27

Mär
19.00

Angels' Atlas

Choreografien von Crystal Pite und Marco Goecke
Preise H
AMAG Volksvorstellung

April 2022

Sa

02

Apr
19.00

Angels' Atlas

Choreografien von Crystal Pite und Marco Goecke
Preise C
Misch-Abo C

Mi

06

Apr
19.00

Angels' Atlas

Choreografien von Crystal Pite und Marco Goecke
Preise C
Mittwoch-Abo B

Fr

08

Apr
19.00

Angels' Atlas

Choreografien von Crystal Pite und Marco Goecke
Preise C
Freitag-Abo B

Vergangene Termine

Oktober 2021

Fr

01

Okt
19.00

Angels' Atlas

Choreografien von Crystal Pite und Marco Goecke, Premiere, Premieren-Abo A

Fr

08

Okt
19.00

Angels' Atlas

Choreografien von Crystal Pite und Marco Goecke, Premieren-Abo B

Fr

15

Okt
19.30

Angels' Atlas

Choreografien von Crystal Pite und Marco Goecke, Freitag-Abo A

Sa

16

Okt
19.00

Angels' Atlas

Choreografien von Crystal Pite und Marco Goecke, Ballett-Abo Gross

Do

21

Okt
19.00

Angels' Atlas

Choreografien von Crystal Pite und Marco Goecke, Donnerstag-Abo B

Gut zu wissen

Aktuell können Karten für Vorstellungen bis Ende Dezember erworben werden. Weitere Informationen zum Verkauf von Einzelkarten finden Sie hier. Informationen zu den Abo-Serien in der Saison 2021/22 finden Sie hier.

Um sich selbst und andere zu schützen bitten wir Sie, die Schutzmassnahmen bei Ihrem Opernhausbesuch zu beachten. Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung.

Kurzgefasst

Angels' Atlas

Kurzgefasst

Angels' Atlas

Trailer «Angels' Atlas»

Pressestimmen

«To call the performance brilliant is nothing short of a major understatement.»
Bachtrack, 3 Okt 2021

«In ‹Angels’ Atlas› laufen die Körper zur Höchstform gegen ihre eigene Vergänglichkeit auf, und die Zürcher Ballett-Kompanie zeigt sich von ihrer besten Seite.»
NZZ, 3 Okt 2021

«Das Warten hat sich gelohnt. ‹Angels’ Atlas› gleicht einer Sinfonie aus Bewegung und Licht.»
Tages-Anzeiger, 2 Okt 2021


Porträt


Umtost von kosmischen Winden

Das Ballett Zürich eröffnet die neue Saison mit einer aufsehenerregenden Produktion – der europäischen Erstaufführung von Crystal Pites neuem Stück «Angels’ Atlas», das als Koproduktion mit dem Kanadischen Nationalballett entstanden ist. Die Choreografin wagt darin nicht weniger als eine Vermessung des Himmels und des Menschseins in Tanzform. Dorion Weickmann hat mit der Ausnahmekünstlerin gesprochen und beleuchtet in ihrem Porträt ästhetische, persönliche und politische Aspekte ihrer Arbeit.

Es war einmal ein kleines Mädchen, das oft in den Himmel schaute und sich vom Kosmos und seinen Gestirnen erzählen liess. Manchmal verspürte es dabei einen schwindelerregenden Kitzel. Dann fuhr der Blitz der Erkenntnis in seinen Körper – ein Gefühl, als falle es durch Raum und Zeit. Diese Augenblicke haben das Mädchen beflügelt. Haben es später angespornt, nach den grössten Rätseln zu greifen. Ist nicht jedes Menschenkind klein «im Angesicht der unbeantwortbaren Fragen über Liebe, Tod und die Unendlichkeit»? So steht es in Crystal Pites Notizen zu Angels’ Atlas.

Sacht sinkt ein Nebelrelief hernieder, eine galaktische Wolke, aus der stalaktitenartige Gebilde dem Erdboden entgegenwachsen. So spitz, dass sie die Menschen, die da dicht beieinander kauern, aufzuspiessen drohen. Eine Fata Morgana? Das Himmlische Jerusalem, jenes postapokalyptische Paradies, dessen Kerzenkranz in Kirchenräumen die Zukunft verheisst? Noch liegen die Leiber gefangen im Staub. Als das Licht sie berührt, fährt ferner Atem in sie hinein. Schenkt ihnen Kraft, sich aufzurichten. Auszuschreiten. Fortzugehen. Und doch lösen sich längst nicht alle. Aus dem Dunkel erklingt Engelsgesang. Er hält sie fest. Fest auf der Erde.

Ein Spätsommertag, über Vancouver hängt seit Wochen schon eine Hitzeglocke. Die Wälder brennen. Die Menschen stöhnen und flüchten tief ins Innere ihrer Häuser. Crystal Pite sitzt an ihrem Schreibtisch, die Zoom-Kamera läuft. Über den Atlantik hinweg spricht sie von ihrer Arbeit, der Pandemie, von den Fragen, die uns alle umtreiben: Wie soll, wie kann es weitergehen mit der Welt, mit dem Planeten, den wir sehenden Auges ruinieren? In ihrem Rücken steht eine Tür weit offen, dahinter brütet die Wärme, bohrt sich in Terrassenplatten, Gartenbank und Geländer. In die flimmernde Luft hinein überlegt Pite, was Angels’ Atlas bedeutet: «Engel stehen für das, was wir nicht wissen. Der Atlas für das, was wir wissen. Und das Stück für die Grenze dazwischen.» Das Limit also, das wir gerade permanent überschreiten – in Richtung Abgrund.

Angels’ Atlas, von Crystal Pite vor zwei Jahren fürs Kanadische Nationalballett entworfen und jetzt nach Zürich übernommen, ist ein Wunderwerk an Präzision, gekreuzt mit den Launen des Zufalls. Dramaturgie und Choreografie sind minuziös ausgestaltet. Aber die Lichtarchitektur, die das Geschehen überwölbt, ist ein aleatorisches Spiel. Der Lichtdesigner Tom Visser und Jay Gower Taylor, Pites Bühnenbildner und Lebenspartner, haben die Mechanik über Jahre hinweg ersonnen. Bis sie zum Ausgangspunkt des tänzerischen Grenzgangs wurde, den Pite 2019 unternahm. Und zwar im Zustand totaler Erschöpfung, wie sie freimütig erzählt. Was kein Wunder ist: In zwanzig Jahren hat sie über fünfzig Werke in Szene gesetzt, das Arbeitspensum ist enorm. Seinerzeit kam sie zudem gerade aus einer Mammutproduktion an der Pariser Oper: Body and Soul tastet die Topografie der menschlichen Existenz zwischen Ich und Wir, Körper und Seele ab. Es ist fast eine Art Vorläufer für die Himmelsvermessung, der freilich nichts über die Strapazen verrät, die solche Kreationsprozesse mit sich bringen. Selbst wenn sie Krisen und Konflikte anspricht, fliegt Crystal Pites Stimme hell und klar über den Ozean. Sie ist zugewandt, aufmerksam, offen. Das Aussergewöhnliche ihrer Person spiegelt sich auch im Resonanzraum ihrer Kunst, die nahbar ist, einfühlsam, phantasievoll und kommunikativ. Die Kanadierin ist sichtlich und hörbar verbunden mit dem, was sie tut. Mit den Menschen, die ihr begegnen, den Tänzern, für die sie choreografiert und die stets von ihr schwärmen: «authentisch», «hierarchiefrei», «empathisch», «inspirierend», «hochkreativ und null arrogant». Prädikate wie diese haften ihr an, sind fast schon ein Markenzeichen. Ein Qualitätssiegel, das ihre Werke beglaubigen. Weil sie berühren, vom allerersten Moment. Weil sie beim Zusehen längst verstummte Saiten zum Klingen bringen: Staunen, Mitgefühl, Erkenntnis. Crystal Pites Thema ist die Condition humaine und ihre metaphysische Verankerung. Jenseits aller materiellen, aller dramatischen Aspekte werden ihre szenischen Geflechte von transzendenten Fäden zusammengehalten. Die Choreografie orientiert sich an horizontalen Prinzipien, die geistige Matrix wurzelt in der Vertikale. Kosmische Winde, irdische Fragen – so gesehen ist Angels’ Atlas ein Manifest, das Crystal Pites Ästhetik idealtypisch ausformuliert: Alles ist mit allem verbunden, nichts geschieht ohne Sinn und Hintersinn. Ein Blick auf den musikalischen Anfang genügt. Pjotr Tschaikowski steht für das Ballett, seine Kompositionen sind die Signatur der Klassiker schlechthin. Der Cherubim-Hymnus, den er 1878 schrieb, ist das geistliche Gegenstück: eine Ode auf die Herrlichkeit des Himmels, das Jenseits. Das freilich nur erblickt, wer die sterbliche Hülle verlassen, das Instrument des Tanzes abgelegt hat. Wenn Pite Angels’ Atlas mit Tschaikowskis Sakralchor eröffnet, knüpft sie das tänzerische Traditionsband neu – und anders: Innigkeit statt Spitzenschuhglamour. Gleichzeitig findet ein Akt der Einschreibung statt: Auf den Flügeln der Musik gleitet der vergängliche Körper hinüber in die Ewigkeit. Wer Angels’ Atlas betrachtet und Tschaikowski lauscht, wird im Strom der Gedanken vielleicht noch ein anderes Ufer erreichen, nah gelegen und fern zugleich: Charles Ives’ The Unanswered Question, jene 1908 veröffentlichte Komposition, die wieder und wieder eine einzige Frage in den Klangraum wirft und ohne Antwort bleibt. Kein Geringerer als der choreografische Titan George Balanchine hat Charles Ives’ elegisches Klangmonument 1954 ins Tänzerische verlängert, unter Beibehaltung der Nichtkorrespondenz. Auch Angels’ Atlas stellt die Frage nach dem Schicksal des Menschen, dem Wesen der Menschlichkeit. Aber anders als Balanchine baut Pite sphärische Brücken zwischen Diesseits und Jenseits. Sie denkt Welten zusammen, statt sie auseinanderzudividieren.

Dieses Talent zieht sich durch Crystal Pites Biografie wie durch ihr Schaffen. Seinen Anfang nimmt beides in Terrace, British Columbia. Ein Städtchen mit rund 12’000 Einwohnern, das von der Holzindustrie lebt, aber für Familie Pite – Vater, Mutter, Tochter und Söhne – bald zu klein ist. Nächste Station ist Victoria, wo Crystal Tanzunterricht nimmt und schon bald beginnt, für andere Kinder zu choreografieren. 1988 startet sie in die Profikarriere als Tänzerin am Ballet BC (für British Columbia), zwei Jahre später hebt sie dort ihr erstes Bühnenwerk aus der Taufe. Zudem begegnet sie dem Choreografen, der sie künstlerisch wie kein anderer prägt: Mit der Extremetüde In The Middle, Somewhat Elevated hebt die junge Tänzerin ab in den Orbit von William Forsythe. Mitte der 1990er-Jahre wechselt sie zu seiner Truppe nach Frankfurt am Main. Was handwerkliches Können betrifft, weist ihr der Amerikaner den Weg. Gleichwohl schlägt sie stilistisch eine andere Richtung ein: Wo Forsythe mit lässiger Eleganz das postmoderne Ballettzepter schwingt, emanzipiert sich Pite und arbeitet mit allen Schattierungen der Tanzpalette. Ihre Schöpfungen sind poetisch und politisch. Sie pulsieren organisch, betören mit dichten Tanztexturen und bringen jedes Corps de ballet zurück zu seiner eigentlichen Bestimmung: gemeinsamer Herzschlag, kollektive Atmung.

Noch als Geheimtipp gehandelt, kehrt Pite 2001 nach Kanada zurück und gründet in Vancouver ihre eigene Kompanie «Kidd Pivot» – bis heute Labor ihrer kreativen Ideen. Alljährlich bringt sie eine Neuproduktion heraus, zwei Jahre Vorlauf sind durchaus üblich. Anders verhält es sich im Theaterbetrieb, den sie von Toronto über London bis Zürich inzwischen in- und auswendig kennt – samt Privilegien und Problemen: Die Produktionsbedingungen sind gut, die Probenzeiten kurz, und ein Riesenensemble zu dirigieren, erfordert anderes Geschick und Gespür als für die Handvoll Tänzer, die bei «Kidd Pivot» unter Vertrag sind. Indes hat gerade die überschaubare Grösse des eigenen Teams ein Pionierprojekt begünstigt, das der Choreografin wie ihrem Co-Direktor Eric Beauchesne enorm am Herzen lag: «Kidd Pivot» reist und arbeitet klimaneutral und behauptet sich damit als Vorreiter im internationalen Tourneegeschäft. Was zur Überzeugung einer Künstlerin passt, die Tanz als Universalie begreift – als Stoff, aus dem sich Gesellschaftspanoramen ebenso modellieren lassen wie intime Beziehungsdramen. Als Werkzeug, das Wirtschaftskomplexe erhellen und Weltliteratur übersetzen kann. Exemplarisch für Pites politische Ader steht ihre preisgekrönte, mit dem Royal Ballet London entwickelte Flüchtlingsparabel Flight Pattern (2017) – eine surrealistische und deshalb nur umso wahrhaftigere Reflexion über globale Migration und Menschen, die schutzsuchend über Meere und Kontinente treiben. Auch Betroffenheit (2015) verhandelt eine Tragödie von antiken Ausmassen: den Tod der Tochter, den Co-Autor Jonathon Young erlitten hat. Nie kippt das Trauma ins Pathetische, die Erinnerung in Verklärung. Stattdessen agiert Young inmitten der Tänzerschar von «Kidd Pivot», den grotesken Platzhaltern seiner widerstreitenden Traueraffekte. 2016 entwarf der Schauspieler auch die Sprachpartitur für The Statement, das am Nederlands Dans Theater herauskam. Der Text steuert ein Tänzer-Quartett im Krisenmodus, das die Ursache eines kapitalen Betriebsfehlers aufzudecken sucht – Inquisitionstribunal im Konzernvorstand. Ebenfalls im Tandem haben Young und Pite zuletzt Gogols Revisor (2019) in ein schillerndes Tanzspektakel verwandelt. Dann schlug Corona zu, und die gerade in Amsterdam gastierende Compagnie musste heimreisen, statt Europa zu beglücken. Das war im März 2020. Seitdem hat die Choreografin kein Studio betreten, keine Proben abgehalten, keine Reise angetreten. Bis in den Spätsommer 2021 sass sie in Vancouver fest, mit Mann und zehnjährigem Sohn, der immerhin noch zur Schule gehen und Freunde treffen konnte. War es Vorsehung, war es Zufall – für 2020 hatte Crystal Pite ohnehin ein Sabbatical geplant: Durchatmen, Tempo rausnehmen und den jahrelangen Dauerlauf von Termin zu Termin, von Ort zu Ort, Theater zu Theater unterbrechen. Sie wollte Zeit haben für das Kind, und für neue Projekte. Stattdessen rollte die Pandemie heran: sämtliche Aktivitäten eingefroren, alle physischen Kontakte ausgehebelt. Ein Umstieg auf Digitalformate kam nicht infrage: Ausgeschlossen, so mit Tänzern zu arbeiten! Zumindest für eine wie sie. Pites Kunst lebt von Achtsamkeit, Wahrnehmung, Austausch, von Anwesenheit mit allen Sinnen und ohne Kamerafilter dazwischen. Die Auszeit hat viele Fragen aufgeworfen, hat sie mit dem eigenen Selbst- und Weltverständnis konfrontiert: «What can I bring to the conversation?»: Was ist ihre Rolle als Künstlerin? Jedenfalls nicht, in Aktivismus zu verfallen. Den katastrophischen Zeitläuften setzt sie die Macht der Bilder, der Schönheit wie des Schreckens entgegen: «Die beste Möglichkeit, Menschen zu erreichen, ist, gute Kunst zu machen.»

Unmerklich schiebt sich der Nebelschleier himmelwärts. Eine Theaterewigkeit lang hat er die Menschen begleitet – Liebende, Sterbende, Trauernde, Tröstende, Zweifelnde. Das Leben, es bleibt ein Geheimnis. Magnum Mysterium, das über der Szene schwebt und die Reprisen des Anfangs begleitet: weltumarmende Ports de bras, gedrehte Arabesques. Die letzten Sekunden gehören Mann und Frau. Da ist nichts Trennendes mehr. Nur tiefe Ruhe. Überirdische Vollkommenheit. Das kleine Mädchen, das so gern in die Sterne schaute, pflückt sie heute vom Tanzhimmel. Von der Bühne funkeln und strahlen sie dann in die Herzen der Menschen hinein, die ihren Glanz nicht wieder vergessen. Kein Märchen, sondern die reine Wahrheit über Crystal Pite und ihre Werke. Worte reichen nicht hin, um den Zauber einzufangen.

Dieser Artikel ist erschienen in MAG 85, Oktober 2021.
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Trailer «Almost Blue»

Gespräch


Ich bin doch nur Marco

In seinem Stück «Almost Blue» verarbeitet Marco Goecke seinen Abschied vom Stuttgarter Ballett. Inzwischen leitet er das Ballett am Staatstheater Hannover und wurde soeben zum « Choreografen des Jahres» gekürt. Ein Gespräch über schmerzliche Abschiede und neue Horizonte.

Marco, schon zum zweiten Mal nach 2015 bist du von der Zeitschrift «tanz» als «Choreograf des Jahres» ausgezeichnet worden. Was bedeutet dir diese Ehrung?
Als ich jung war. Waren solche Auszeichnungen noch aufregender. Man macht so einen Beruf ja nicht, wenn man kein Echo auf seine Arbeit bekommen möchte. Es wäre gelogen, wenn man behauptet, dass man nicht auch Achtung haben und die eigene Arbeit goutiert sehen möchte. Dass die Kritiker, die diese Auszeichnung vergeben, von der Qualität der letzten Arbeiten überzeugt waren, freut mich natürlich. Das Gefühl, bei solchen Sachen leer auszugehen, war für mich früher immer mit einer unheimlichen Enttäuschung verbunden. Heute ist das zum Glück nicht mehr so. Aber ich erinnere mich, dass ich am Beginn meiner Karriere manchmal noch um Mitternacht zur Tankstelle gefahren bin, um in der druckfrischen Zeitung meine Premierenkritik zu lesen. Jemand Berühmtes und Hochdekoriertes hat mir mal gesagt, man müsse bei Preisen genau hinschauen, wer sie einem verleiht und aufpassen, dass das nicht Leute sind, die sich durch dich selber feiern und denen deine Arbeit absolut nichts bedeutet. Wenn so eine Auszeichnung als Ergebnis einer Kritikerumfrage zustande kommt, ist das hoffentlich etwas anderes.

Wie ist dein Verhältnis zur Kritik heute? Wahrscheinlich fährst du nachts nicht mehr zur Tankstelle…
Nein. Die Fähigkeit, Tanz professionell und kompetent zu beurteilen, hat abgenommen. Es gibt immer weniger seriöse Journalisten, und im Grunde kann heute jeder in seinem Blog seine Meinung in die Welt hinausposaunen. Vielleicht hat uns die Pandemie auch gelehrt, etwas entspannter damit umzugehen. In der Welt geschehen genug schreckliche Dinge, über die es sich aufzuregen lohnt. Da müssen wir uns wirklich nicht noch Hasstiraden um die Ohren hauen. Viele Kritikerinnen und Kritiker waren in den letzten Monaten, glaube ich, froh, wenn überhaupt etwas stattgefunden hat. Etwas, wovon sie auch selber leben! Ich bin nicht für das Empfinden anderer Menschen und deren Geschmack verantwortlich. Natürlich wird es immer Leute geben, die mit meiner Arbeit nichts anfangen können. Ich sehe aber zum Glück auch, wie viele sie erreicht.

Das Ballett Zürich tanzt in seinem neuen Ballettabend deine Choreografie Almost Blue. Das war 2018 dein letztes Stück als Hauschoreograf des Stuttgarter Balletts. Eine Position, die du 13 Jahre innehattest. Wie hat sich das in dem Stück niedergeschlagen?
Almost Blue ist die Antwort auf das unfreiwillige Ende meiner Stuttgarter Zeit, nachdem mein Vertrag als Hauschoreograf nicht verlängert wurde. Inzwischen habe ich zum Glück bereits wieder dort gearbeitet und ein neues Stück für das Stuttgarter Ballett kreiert. Die Zeit damals war jedoch nicht einfach, weil ein wichtiger Abschnitt meines Lebens von heute auf morgen zu Ende war. Abgelehnt zu werden und das Gefühl vermittelt zu bekommen, dass jemand deine Kunst nicht mehr haben will, ist eine tragische Erfahrung. Der Titel Almost Blue bezieht sich eigentlich auf einen berühmten Song von Chet Baker. «Beinahe traurig», so habe ich mir das übersetzt. Das hat meine damalige Stimmung ziemlich gut beschrieben. Ich war natürlich traurig, vor allem aber war ich wütend und verletzt. Umso schöner, dass sich alles, was bei einer Trennung so bitter zurückbleibt, inzwischen aufgelöst hat…

Du sprichst von Trauer und Wut in Almost Blue. Reflektieren deine Stücke generell die Umstände ihrer Entstehung?
Meine Choreografien sind nie am Reissbrett entworfen oder von langer Hand vorbereitet. Selbst wenn ich ein Handlungsballett choreografiere, nährt sich das von der Zeit, durch die ich gerade gehe, nährt sich durch jeden einzelnen Tag. Im Theater, wo es für viele der beteiligten Gewerke um Sicherheiten und verlässliche Fakten geht, ist das oft eine schwierige Situation. Auch für die Tänzerinnen und Tänzer, die mit mir arbeiten. Die fragen gelegentlich schon mal: Kommt da jetzt noch was? Mein Leben könnte vielleicht einfacher sein, wenn ich mich langfristiger auf meine Stücke vorbereiten würde, aber das ist nicht meine Art zu arbeiten. Manchmal jammere ich, dass ich zu viel arbeite. Aber gestern Abend hatte ich genau den anderen Gedanken. Da habe ich mich gefragt: Habe ich eigentlich jemals gearbeitet? Oder ist das einfach Teil des Lebens?

Bei unseren letzten gemeinsamen Arbeiten hier in Zürich hatte ich immer das Gefühl, dass es neben dem Augenblick vor allem die Menschen sind, die dich umgeben und bestimmte Dinge in dir freisetzen…
Was ich mir abends im Bett als etwas Magisches vorstelle, hat meist nur wenig mit der Arbeitsrealität des nächsten Tages zu tun. Der Weg zur Magie ist meist alles andere als magisch. Es gibt Tänzer, bei denen du in der Probe denkst, wie unkoordiniert und fürchterlich das gerade aussieht. Aber wenn dann der Vorhang aufgeht, ist es genau das Richtige! Es ist toll, dass dieses Choreografieren bis zum letzten Moment so ein Element der Überraschung birgt. Wenn ich diesen Gedanken wirklich zu Ende führe, würde ich fast sagen: Nach der Premiere kann das für mich verschwinden, das Zeug… Diese wenigen Minuten der Premiere, in denen sich die ganze Energie entlädt, haben etwas Rauschhaftes. Bei der zweiten Vorstellung ist das für mich dann eigentlich schon gegessen…

Ist die Wiederaufnahme eines deiner Stücke durch eine andere Compagnie für dich dann nicht eine völlig anachronistische Geschichte?
Mit neuen Menschen an einem anderen Ort kommt da doch wieder ein kreatives Element hinein, weil das Stück für die Tänzer neu ist. Dennoch muss ich mich jedes Mal unheimlich disziplinieren, um nicht frustriert mit mir selber zu sein. Manchmal ist es ein Kampf, alte Stücke wiederzusehen, weil man sich sofort auf die Dinge fokussiert, die man verpasst hat oder die nicht stimmen. Da muss ich dann die Augen zukneifen und denken: Okay, das gehört jetzt den Tänzerinnen und Tänzern, die es neu machen. Ich hoffe, dass ich mit dem Alter gnädiger mit mir selbst werde. Die Sucht richtet sich immer auf das nächste Stück. Aber oft bin ich auch überrascht, wenn ein neuer Tänzer in einem älteren Stück Gefühle für sich entdeckt, die dann auch mir etwas bedeuten.

In Almost Blue verwendest du Musik von Antony and the Johnsons und der amerikanischen Soul-Legende Etta James. Der erste Teil mit der geradezu süchtig machenden Stimme von Antony Hegarty hat einen sehr elegischen Charakter, der Gesang verbindet sich auf magische Weise mit deinem choreografischen Material. Mit Etta James bekommt das Ganze so einen Zug nach vorn, und man spürt eine Aufbruchsstimmung…
Das ist dann ja wie ein Stück im Stück. Da wollte ich nochmal Luft holen, auf die Pauke hauen und den ganzen Dreck von oben runter schütten auf alle. Da ist schon ein bisschen Trotz und Wut und Kraft drin.

Am Anfang fallen sogar ein paar Schüsse, und der Körper eines Solisten ist am Schluss blutrot verschmiert…
Du siehst, dass ich da ziemlich «aggro» drauf war…

Ein besonderer Moment ereignet sich am Beginn des letzten Drittels, wenn ein Tänzer allein auf der Bühne verbleibt und dann die Bühne, nach hinten gehend, verlässt. Da empfinde ich diesen Moment des Abschieds sehr präsent, auch in dieser unnachahmlichen Verschiebung des Oberkörpers. Rückenansichten der Tänzerinnen und Tänzer, aber auch die Choreografie des Rückens waren in deinen frühen Arbeiten ein wichtiges Thema. Woher kommt das?
Ich bin immer wieder überrascht, wie sensibel der Rücken ist und was da alles an physiologischen Prozessen nötig ist, um überhaupt zu gehen oder zu fühlen. Schon sehr früh habe ich Rücken-Zeichnungen von Picasso gesehen, die ich unheimlich erotisch fand. Meine Mutter hat zu Hause immer noch einen Rückenkratzer. Das ist schon eine wahnsinnig sensible Gegend, und ich staune auch immer wieder, wie viele gesundheitliche Leiden primär mit dem Rücken zusammenhängen. In meinen ersten Stücken hatten die Rückenansichten aber noch einen anderen Grund. Da habe ich die Tänzer umgedreht, weil ich noch so schüchtern war. Ich wollte einfach nicht, dass sie mich beim Tanzen ansehen.

Aber das ist anders geworden in den jüngeren Stücken… Da erlebt man Tänzerpersönlichkeiten, die sehr auf einen zukommen und mit dem Blick sogar gelegentlich provozieren. In Almost Blue finden sich aber noch andere charakteristische Goecke-Elemente wie die Flatterarme oder das fahrige Abtasten und Klopfen auf Torso und Gliedmassen. Die Oberkörper sind aber oft nicht mehr nackt, sondern mit T-Shirts und langen Handschuhen bedeckt…
Auch das war sicher ein Wutreflex, dass ich die freien Oberkörper und Arme, die so etwas wie mein Markenzeichen waren, dem Blick entzogen habe…

Nach 24 Minuten prasselt plötzlich Erde auf die Bühne!
Eigentlich hatte ich Lust, den Dreck aus sämtlichen Ritzen des Stuttgarter Theaters herauszukratzen, was natürlich nicht möglich war. So ist es nun eine Mischung aus Sand und Erde. Ich wollte einfach, dass der ganze Dreck von oben nach unten fällt, auf alle drauf…

Dieser Dreck ist dann aber auch der Boden, auf dem wieder Tanz stattfindet. Der Tanz hinterlässt Abdrücke, wirbelt Staub auf, verwischt die Spuren… ein schönes Bild für Abschied und die Endlichkeit von Tanz.
Es bleiben hoffentlich ein paar Spuren. Aber ich wollte auch Dreck hinterlassen, den man danach noch wegräumen muss. Er war das Ventil für meine Traurigkeit.

Wie schaust du jetzt mit dem Abstand von drei Jahren auf die Stuttgarter Zeit?
Wie schon gesagt, bin inzwischen wieder öfter in Stuttgart, auch durch meine Verbindung zu Gauthier Dance. Rückblickend weiss ich natürlich, wie wichtig Abschiede im Leben sind, aber es hat mir trotzdem zugesetzt, diese Stadt zu verlassen. Ich bin mit 29 nach Stuttgart gekommen, um dann mit 46 wegzugehen. Das war eine wichtige Zeit und der Grundstein für alles, was ich heute bin. Dass ich meine Wohnungstür in Stuttgart nach so vielen Jahren wirklich zugemacht habe und von dort weggegangen bin, ist bis heute noch nicht richtig bei mir angekommen.

Vielleicht hat dir aber auch eine innere Stimme gesagt: Mach was Neues! Seit 2018 bist du Chef des Balletts am Staatstheater Hannover. Wie geht es dir in dieser neuen Rolle?
Sicher ist das erst einmal eine sehr privilegierte Position. Als problematisch empfinde ich, dass sich das Verhältnis zu den Tänzerinnen und Tänzern verändert. Wenn ich irgendwo gastiere, ist das wie eine Affäre. Am Tag nach der Premiere setze ich mich in den Zug, und das Verliebtsein ist vorbei. Mit einer eigenen Compagnie ist es mit diesem Verliebtsein etwas anderes, weil man für eine viel längere Zeit zusammengeschweisst ist. In den Gesprächen bemerke ich, wie viel meine Arbeit und ich als Person den Tänzerinnen und Tänzern bedeuten. Das hat mich am Anfang ganz schön erschlagen, weil man sich natürlich sorgt, ob man das alles überhaupt jemals zurückgeben kann. Man trägt da eine grosse emotionale Verantwortung.

Verschwindet der Choreograf jetzt manchmal hinter dem Ballettdirektor?
Das Ballett Hannover hat 29 Mitglieder. Das ist nicht riesig, aber auch nicht so klein. Es ist genau die Grösse, wo man den Leuten noch nahe ist und die Tänzerinnen und Tänzer nicht in der Anonymität verschwinden. Ich bin in der glücklichen Situation, dass mir mein stellvertretender Direktor viele administrative Dinge abnimmt. Aber er sagt mir auch oft: Die Leute wollen dich haben! Sie wollen dich sehen, den «Direktor»! Das klingt immer so, als wäre ich Heinz Erhardt in den Sechziger Jahren mit Schreibtisch und Aktentasche… Wir sind ja gerade in einer Zeit, wo diese ganzen Begriffe zerfallen. Man will nicht mehr den grossen Urtypen des Intendanten, der alles bestimmt. Und Direktor ist auch so ein altes Wort…

Hast du ein besseres?
«Ballettchef» gefällt mir besser… aber so sehe ich mich eigentlich auch nicht. Gestern Abend bin ich ins Bett gegangen mit dem Gedanken: Bloss nicht erwachsen werden! Bloss nicht mit so einer Position aufhören zu spielen. Aber es ist heute auch so, dass man kaum noch verrückt spielen kann, weil man Gefahr läuft, jemand könne daran Anstoss nehmen. Nur jemanden in den Arm zu nehmen, kann schon falsch verstanden werden… Wenn ich heute in einen Ballettsaal komme, bemerke ich manchmal so eine Barriere aus Respekt und Bewunderung. Das hat sicher mit dem Erfolg und dem Älterwerden zu tun. Dann denke ich: Mensch, ich bin doch nur Marco, der für euch ein Stück machen will. Aber das geht nicht mehr so wie früher. Zum Glück gibt es manchmal noch so etwas wie den Liebhaber, wo ich mich dann doch freue, dass das gelungen ist.

Der Liebhaber, dein Ballett nach dem Buch von Marguerite Duras, war während der Pandemie als Stream aus Hannover zu sehen – mit unglaublicher Resonanz. Überhaupt hat Corona deiner Kreativität keinen Abbruch getan…
Obwohl ich in Bezug auf Krankheiten eher ängstlich bin, habe ich manchmal total vergessen, was da gerade los war. Nach drei Monaten zu Hause habe ich ge- dacht: Existiere ich eigentlich, wenn ich nicht arbeite? In diesen Konflikt gerate ich jeden Sommer, aber im Lockdown ist mir noch einmal sehr bewusst geworden, was Arbeit für ein Geschenk ist. Als dann der Anruf von Eric Gauthier kam, ob ich nicht einen Abend bei ihm in Stuttgart machen wolle, habe ich ganz schnell meine Taschen gepackt! In dieser armen Zeit ein Stück kreieren zu dürfen, war ein grosses Geschenk! Für eine Weile konnte ich die Pandemie vergessen. Dennoch: Es bleibt die Erkenntnis, dass das, was wir machen, gesellschaftlich und politisch gesehen, überhaupt keine Rolle spielt. In den grossen Diskussionen ging es in erster Linie um Fussball, vielleicht noch um ein paar Konzerte. Aber zum Tanz hat nie- mand was gesagt. Bitter!

Das Streaming von Ballett- und Opernproduktionen hat durch die Pandemie eine neue, ganz ungeahnte Bedeutung erlangt. Das Ballett Hannover war da sehr aktiv. Haben diese gestreamten Produktionen eine Zukunft, oder waren sie mehr ein Gebot der Stunde?
Ich hätte dieses Echo früher nicht für möglich gehalten. Nach der Premiere von The Big Crying am Nederlands Dans Theater habe ich bis spät in die Nacht Nachrichten aus aller Welt bekommen. Da schrieben Leute aus Wellington und waren begeistert! Viele meinten, sie seien emotional total in die Aufführung hingezogen worden und hätten völlig vergessen, nicht live dabei gewesen zu sein. Offenbar vermag Tanz also auch in diesem Format zu berühren.

Du hast von der «Sucht» nach dem nächsten Stück gesprochen. Was wird das sein?
Gerade freue ich mich auf ein neues Stück für das Ballett der Wiener Staatsoper, aber im Grunde ist der Ort gar nicht so wichtig. Wie mein Hund Gustav Witterung aufzunehmen, die Chance zu spüren, etwas Neues und Schönes zu machen, das gibt mir viel Energie. Doch irgendwie wünsche ich mir auch, dass alles noch ein bisschen so bleibt, wie es ist. Dass ich gesund bin, die Mutter noch lebt, der Hund noch eine Weile da ist… Das sind Gedanken, die ich mit Zwanzig, Dreissig, auch mit Vierzig noch nicht hatte. Und dann erinnere ich mich an «Junge Choreografen» in Stuttgart. Wie damals auf der Treppe zu sitzen und zu warten, dass ein Studio frei wird, um mit ein paar Tänzern zu arbeiten. Mit den Leuten zu quatschen, eine zu rauchen. Das suche ich immer noch. Es war die aufregendste Zeit…

Das Gespräch führte Michael Küster.
Dieser Artikel ist erschienen in MAG 85, Oktober 2021.
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Angels' Atlas


Wie machen Sie das, Herr Bogatu?


Ein Feuerwerk aus Licht

Der dreiteilige Ballettabend Angels’ Atlas ist für die Bühnentechnik bitter und gleichzeitig ein absoluter Leckerbissen – nein eher ein Festschmaus.

Im ersten Teil des Abends, Emergence, geht es technisch noch ganz harmlos zu: Die Bühne wird mit Hilfe eines bemalten Hintergrundes und eines Tunnels in einen Bienenstock verwandelt. Hier beeindruckt mich nicht die Technik, sondern die unglaubliche Bewegungskunst unserer Tänzerinnen und Tänzer, die in der Choreografie von Crystal Pite zu einem Organismus aus Insekten werden. Bitter ist, dass wir nach diesem Teil nicht nur das Bühnenbild abbauen, sondern auch den Tanzboden wechseln müssen. Wenn Künstler*innen mit der Idee kommen, die Bühne in Schutt und Staub zu legen, dann ist das schon eine Herausforderung. In Almost Blue möchte der Bühnenbildner Thomas Mika genau das und bekommt auch genau das: Aus dem Schnürboden lassen wir grosse Mengen von Schutt und Staub auf die Tänzer*innen fallen. Der Staub ist gesundheitlich unbedenklicher «Theaterstaub» und der Schutt ein spannendes Material aus dem Baumarkt: Es handelt sich um ökologisch und gesundheitlich unbedenkliche «Ausgleichsschüttung» – mit Zement überzogene Holzspäne. Sieht wie Beton aus, ist aber überraschend leicht und wird niemanden verletzen. Aber bitter: Danach werden wir in Windeseile mit einem extra angeschafften Hochleistungssauger die ganze Bühne putzen müssen. Nach dem Umbau, bei dem natürlich auch wieder der Boden gewechselt werden muss, geht es weiter mit einem unglaublichen Lichteffektfeuerwerk. Die Idee: Ein ultraheller, stark gebündelter Lichtstrahl wird auf die Kante eines mit Spiegelfolie überzogenen Objekts ausgerichtet. Dadurch, dass sich die Spiegelfolie nie ganz gerade, sondern mit kleinen Falten, Rundungen und Erhebungen kleben lässt, wird der Strahl nicht wie in einem Spiegel einfach nur 1:1 umgelenkt, sondern er wird ganz zufällig gebrochen, reflektiert, gebündelt und gefächert auf eine grosse Projektionsfolie reflektiert. Wenn man nun den Strahl ganz langsam entlang der Kante wandern und gleichzeitig das Objekt rotieren lässt, entstehen fantastische Lichteffekte auf der Projektionsfolie. Darauf muss man erst einmal kommen! Der Lichtdesigner Tom Visser und der Bühnenbildner Jay Gower Taylor haben ihre Idee in ausgeklügelten Experimenten immer weiter verfeinert und treiben sie in der Aufführung Angels’ Atlas auf die Spitze. Sie benutzen drei rotierende Objekte, eine am Boden liegende Spiegelfolienfläche und unzählige Scheinwerfer, mit denen Strahlen mit unfassbar schönen Farben und Formen auf die Folie geworfen werden. Jede Vorstellung wird ein optischer Genuss – und ein Unikat: Obwohl wir hochpräzise Scheinwerfer einsetzen und die Spiegel auf hundertstel Grad (!!!) genau steuern können, ist es nicht möglich, das Ganze völlig identisch zu reproduzieren. Aber das macht es für uns noch spannender. Die Spiegel und Scheinwerfer sehen Sie übrigens nicht: Diese stehen vom Publikum aus gesehen hinter der Projektionsfolie. Das Publikum kann so das Zusammenspiel der Choreografie von Crystal Pite mit dem bewegten Licht von Tom Visser voll geniessen.

Sebastian Bogatu ist Technischer Direktor am Opernhaus Zürich.
Dieser Artikel ist erschienen in MAG 85, Oktober 2021.
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Programmbuch

Angels' Atlas

Angels' Atlas

Biografien


Crystal Pite, Choreografie

Crystal Pite

Crystal Pite ist eine der gefragtesten Choreo­gra­finnen der Gegenwart. Die gebürtige Kanadierin tanzte im Ballet British Columbia und in William Forsythes Ballett Frankfurt. Seit ihrem profes­sionellen Debüt als Choreografin 1990 beim Ballet British Columbia entstanden über 50 Stücke für renom­mier­te Compagnien, u.a. für das Nederlands Dans Theater, das Ballett Frankfurt, das Ballett der Opéra de Paris, das Ballet British Columbia, das National Ballet of Canada und das Royal Ballet, London. Sie ist Assoziierte Choreografin beim Nederlands Dans Theater, am Sadler’s Wells, London, und am Canada’s National Arts Centre. Sie ist Ehrendoktorin der Simon Fraser University und Mitglied des Order of Canada. 2002 gründete Crystal Pite in Vancouver ihre eigene Compagnie Kidd Pivot, die zu einem unverwechselbaren Stil gefunden hat. Klassische Tanzelemente verbinden sich mit einer komplexen improvisatorischen Frei­heit und einer starken theatralischen Sensibilität voller Humor und Fantasie. Kidd Pivot ist auf internationalen Tourneen zu erleben, u.a. mit den Stücken Betroffenheit und Revisor (beide in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Jonathon Young), The Tempest Replica, Dark Matters, Lost Action und The You Show. Für das Ballett der Opéra de Paris entstanden die Stücke The Seasons’ Canon und Body and Soul. Zu Crystal Pites zahlreichen Auszeichnungen zählen der Benois de la Danse für The Seasons’ Canon (2016) beim Ballett der Opéra deParis, der Governor General of Canada’s Performing Arts Award: Mentorship Program (2008) und der Grand Prix de la danse de Montréal (2018). Für Stücke mit Kidd Pivot und dem Royal Ballet wurde sie dreimal mit dem Sir Laurence Olivier Award ausgezeichnet. Das in Koproduktion mit dem Ballett Zürich entstandene Ballett Angels’ Atlas wurde 2020 beim National Ballet of Ca­nada in Toronto uraufgeführt.

Angels' Atlas01, 08, 15, 16, 21, 23, 31 Okt; 05 Nov 2021; 27 Mär; 02, 06, 08 Apr 2022


Owen Belton, Musik

Owen Belton

Der kanadische Komponist Owen Belton lebt in Vancouver. Er studierte Fine and Performing Arts an der Simon Fraser University sowie Akus­tik und Computer Music Com­­­position bei Owen Un­der­hill und Barry Truax. Seit 1994 komponiert er Ballettmusik. Damals schrieb er Shapes of A Passing für Crystal Pite und das Ballet Jorgen in Toronto. Es folgten zahlreiche Werke für internationale Ballettcompagnien wie Kidd Pivot, das Kanadische Na­tio­nalballett, das Nederlands Dans Theater, das Ballett der Opéra de Paris, das Cull­berg Ballet, das Ballett Nürnberg, das Oregon Ballet Theatre und die Compagnie «420 People» in Prag. Darüber hinaus entstanden Sound­designs und Kompositionen für Theater. Ausserdem schrieb er die Musik zu di­ver­sen Fernseh- und Kurzfilmproduktionen. Für seine Musik zu Emergence wurde Owen Belton 2009 mit dem kanadischen Dora Mavor Moore Award für die beste Ballettpartitur ausgezeichnet.

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Jay Gower Taylor, Bühnenbild

Jay Gower Taylor

Jay Gower Taylor blickt auf eine über zwan­zig­­­­­­jäh­ri­ge internationale Tänzerkarriere zurück. Seit zehn Jahren ist er als Bühnenbildner für die Choreografin Crystal Pite tä­­­­tig. Es entstanden Plot Point, Frontier, Solo Echo, Parade, In the Event und The Statement für das Ne­­der­­­lands Dans Theater, Emer­­gence für das National Ballet of Canada, Polaris für Sadler’s Wells, London, sowie Dark Matters, The Tempest Replica und Betroffenheit für Kidd Pivot. Jüngste Arbeiten waren The Seasons’s Canon und Body and Soul für das Ballett der Opéra de Paris sowie Flight Pattern für das Royal Ballet, London.

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Linda Chow, Kostüme

Linda Chow

Linda Chow absolvierte das Ryerson Theatre Program in Toronto und war als Schneiderin für Theater, Tanz, Oper und Film tätig. Vor allem im Ballett kreiert sie heute Kostümbilder für die verschiedensten Choreografen, u.a. für Aszure Barton (Vitulare beim Ballett BC, awaa für Aszure & Artists) und José Navas (Giselle beim Ballett BC). Für Crystal Pite und Kidd Pivot entstanden die Kostüme zu 10 Duets on the Theme of Rescue, Lost Action, Dark Matters und The You Show sowie Emergence für das National Ballet of Canada.

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Nancy Bryant, Kostüme

Nancy Bryant

Die Kostümbildnerin Nancy Bryant ist als Designerin in den Bereichen Tanz, Theater, Oper und Film tätig. Sie lebt in Vancouver. Eine enge Zusammenarbeit verbindet sie mit der kanadischen Choreografin Crystal Pite. Bereits 1996 arbeiteten sie bei dem Ballett Moving Day (Ballet BC) erstmals zusammen. Nancy Briant gestaltete die Kostüme für Crystal Pites Body and Soul und The Seasons‘ Canon beim Ballett der Opéra de Paris, Flight Pattern beim Royal Ballet, Partita, Parade und Plot Point für das Nederlands Dans Theater, Revisor und The Tempest Replica für Kidd Pivot und Betroffenheit für Kidd Pivot/Electric Co. Ihre Kostümentwürfe für Theater und Oper umfassen Arbeiten für die Künstler Jonathon Young, Stan Douglas, Morris Panych und Kim Collier an der Vancouver Opera und Pacific Opera Victoria, beim Shaw Festival, Canadian Stage, Vancouver Playhouse und auf weiteren internationalen Bühnen. Zu ihren Kostümarbeiten für das Fernsehen gehören Legend of Earthsea, A Wrinkle in Time, The Snow Queen und Snow White.

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Alan Brodie, Lichtgestaltung

Alan Brodie

Alan Brodie stammt aus Kanada. Als Lichtdesigner arbeitet er für Ballett, Sprech- und Musiktheater. Seit 1989 war er für viele kanadische und internationale Compagnien und Theater tätig, so für das National Ballet of Canada, die Canadian Opera Company, die Canadian Stage Company, das Stratford Shakespeare Festival (Kanada), das Shaw Festival, das Pacific Northwest Ballet, das American Conservatory Theatre in San Francisco, die Centre Theatre Group in Los Angeles, das Nederlands Dans Theater und das Scottish Ballet. Die kanadische Produktion The Overcoat war nicht nur in Kanada, sondern auch in Adelaide, Wellington, Bergen und London zu sehen. Eine enge Zusammenarbeit verbindet Alan Brodie mit Crystal Pite, deren Choreografien er auf Tourneen mit Kidd Pivot als Lighting Director betreut.

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Tom Visser, Lichtgestaltung

Tom Visser

Der Lichtdesigner Tom Visser stammt aus Irland. Als Kind einer Theaterfamilie verbrachte er viel Zeit in Theatern auf der ganzen Welt. Im Alter von 18 Jahren begann er, im Musiktheater zu arbeiten. 2003 wurde er ans Nederlands Dans Theater engagiert, was ihn mit namhaften Persönlichkeiten der Tanzwelt in Kontakt brachte. Seit einigen Jahren arbeitet er als freiberuflicher Lichtdesigner, u.a. für das Nederlands Dans Theater, Royal Swedish Ballet, Compañía Nacional de Danza, Norwegian National Ballet, Ballet Vlaanderen, Sydney Dance Company, Göteborg Ballet, Hubbard Street Dance Chicago, Les Ballets de Monte-Carlo und Balé da Cidade de São Paulo. Zu seinen jüngsten Arbeiten mit Crystal Pite gehören The Seasons’ Canon und Body and Soul (Paris Opera Ballet), Solo Echo, Frontier and Parade (Nederlands Dans Theater), Polaris (Sadler’s Wells) und Betroffenheit (Kidd Pivot). Ausserdem arbeitete er für die Choreografen Alexander Ekman, Johan Inger und Joeri Dubbe.

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Marco Goecke, Choreografie

Marco Goecke

Marco Goecke absolvierte seine Ballettausbildung an der Heinz-Bosl-Stiftung München sowie am Königlichen Konservatorium Den Haag. Es folgten Engagements an der Staatsoper Berlin und am Theater Hagen, wo im Jahr 2000 seine erste Choreografie mit dem Titel Loch entstand. Mit der Spielzeit 2005/2006 wurde Marco Goecke zum Hauschoreografen des Stuttgarter Balletts ernannt und kreierte dort sein erstes Handlungsballett Nussknacker, das später auch vom ZDF-Theaterkanal verfilmt wurde. Von 2006 bis 2012 hatte Goecke den Titel des Hauschoreografen auch beim Scapino Ballet Rotterdam inne. Mit der Spielzeit 2013/2014 wurde er Associate Choreographer beim Nederlands Dans Theater. Viele der über sechzig Werke, die Goecke innerhalb weniger Jahre geschaffen hat, werden weltweit von namhaften Compagnien getanzt, u.a. in Tel Aviv, Sao Paulo, von Les Grands Ballets Canadiens de Montréal, vom Canadian National Ballet, Ballett-Theater München, Finnish National Ballet Helsinki, Stanislawsky Theater Moskau, Ballett Zürich, Ballett am Rhein Düsseldorf und vom Wiener Staatsballett. 2015 wurde Marco Goecke von der Zeitschrift tanz als „Choreograf des Jahres“ ausgezeichnet. 2017 wurden ihm Niederländische Tanzpreis „Zwaan“ sowie der italienische Preis „Danzadanza“ für die beste Choreografie des Jahres verliehen. 2016 entstand für Gauthier Dance in Stuttgart das Ballett Nijinski, das seither mit grossem Erfolg weltweit auf Tournéen gezeigt wird und auch vom Ballett Zürich aufgeführt wurde. 2018 wurde er mit seinem beim NDT uraufgeführten Stück Wir sagen uns Dunkles für den Prix Benois nominiert, ausserdem entstand der Abendfüller La Strada nach Fellinis Film. Seit Januar 2019 ist er Gauthier Dance als „Artist in Residence“ verbunden, seit der Spielzeit 2019/20 hat er zudem die Ballettdirektion in Hannover inne. Zu seinen jüngsten Arbeiten gehören ein Gershwin-Abend für Gauthier Dance, das abendfüllende Stück Der Liebhaber nach dem gleichnamigen Roman von Marguerite Duras für das Staatsballett Hannover und The Big Crying für das Nederlands Dans Theater.

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Thomas Mika, Bühnenbild und Kostüme

Thomas Mika

Der Bühnen- und Kostümbildner Thomas Mika studierte Opernregie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. 2006 kreierte er sein erstes Design für das Staatsballett Berlin. Im gleichen Jahr stellte er mit Bizets Carmen seine erste Operninszenierung mit dem Ensemble Escritura Hamburg vor. 2020 folgte seine Inszenierung von Lehárs Der Graf von Luxemburg an der Estnischen Nationaloper. Der Schwerpunkt von Thomas Mikas Schaffen liegt im Tanzbereich, wo er mit zeitgenössischen Choreografen wie Alejandro Cerrudo, Edward Clug, Marco Goecke, Leo Mujic, Riccardo De Nigris, Kevin O’Day, Tim Plegge, Sergej Vanaev und Jeroen Verbruggen zusammenarbeitet. Im klassischen Repertoire kreierte er neue Designs für Onegin und Romeo und Julia von John Cranko, Die Kameliendame von Derek Deane, Don Quichotte in den Versionen von Alexey Fadeechev und Nina Ananishvili, Romeo und Julia von Ben Van Cauwenbergh sowie Schwanensee in Produktionen von Thomas Edur sowie Eno Peci und Sabrina Sadowska. Seine Entwürfe entstanden für viele renommierte Ballettcompagnien weltweit, darunter das Ballet de l’Opéra de Paris, das Bolschoi Ballett Moskau, das Stuttgarter Ballett, das Staatsballett Berlin, das Chinesische Nationalballett, das Hong Kong Ballett, das San Francisco Ballet, Hubbard Street Dance Chicago und das Königliche Ballett von Flandern.

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Udo Haberland, Lichtgestaltung

Udo Haberland

Udo Haberland war zunächst Fotograf in Berlin. 1988 begann er, für Film und Fernsehen sowie für die Staatsoper Stuttgart zu arbeiten. Als freier Lichtgestalter und Beleuchtungsmeister für Ballett, Tanz, Oper und Schauspiel arbeitete er in Europa, den USA und Australien, u.a. für die Salzburger Festspiele, die Wiener Festwochen und die Ludwigsburger Festspiele. Im kommerziellen Bereich war er u.a. für Arte, MTV & VIVA, ARD, ZDF, Deutsche Telekom, Daimler-Crysler, Toyota, Kodak tätig. Seit 2003 verbindet ihn eine enge Zusammenarbeit mit dem Choreografen Marco Goecke. Udo Haberland war Lichtdesigner bei sämtlichen Goecke-Kreationen für das Stuttgarter Ballett. Daneben entstanden gemeinsame Produktionen für das Scapino Ballett Rotterdam, das Nederlands Dans Theater, Les Ballets de Monte-Carlo, die São Paulo Companhia de Dança, das Staatsballett Berlin, das Norwegische Nationalballett, das Ballett am Rhein, das Ballett des Theaters am Gärtnerplatz und das Ballett der Opéra de Paris. Ausserdem arbeitet Udo Haberland mit den Choreografen Cayetano Soto, Örjan Andersson, Bridget Breiner, Jérôme Delbey und Giovanni Di Palma zusammen.

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