Impulse

Video on Demand:
Impulse

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Impulse

Das Junior Ballett tanzt Choreografien von Craig Davidson, Bryan Arias und Juliano Nunes
 

Entropy

Choreografie Craig Davidson Musik Nicholas Robert Thayer Bühnenbild Craig Davidson Kostüme Alana Sargent Lichtgestaltung Martin Gebhardt Dramaturgie Michael Küster
Junior Ballett

 

Pure Coincidence

Choreografie Bryan Arias Musik Wolf Hoeyberghs, Carlos Cipa, The Invincibles, Taylor Deupree, His Name is Alive Bühnenbild Bryan Arias Kostüme Bregje van Balen Lichtgestaltung Martin Gebhardt Dramaturgie Michael Küster
Junior Ballett

 

Union in Poetry

Choreografie Juliano Nunes Musik Ezio Bosso, Arvo Pärt, Frédéric Chopin Bühnenbild Juliano Nunes Kostüme Juliano Nunes Lichtgestaltung Martin Gebhardt Dramaturgie Michael Küster
Junior Ballett

Behind the Scenes mit dem Junior Ballett

Marta Andreitsiv, Luca D’Amato, Théo Just, George Susman und Daniela Thorne erzählen, warum sie Tänzer*in geworden sind und was es ihnen bedeutet, zu tanzen und auf der Bühne zu stehen.

Fotogalerie

 

Impulse

Alle zwei Spielzeiten präsentiert sich das Junior Ballett mit einem eigenen Ballettabend. Für den tänzerischen Nachwuchs des Balletts Zürich bedeutet es stets eine besondere Herausforderung, nicht nur existierendes Repertoire einzustudieren, sondern selbst unmittelbar an der Kreation neuer Stücke beteiligt zu sein. Für den neuen Abend wird das Junior Ballett Uraufführungen mit drei aufstrebenden, jungen Choreografen erarbeiten: Craig Davidson, Bryan Arias und Juliano Nunes sind auf dem besten Weg, ihre eigene choreografische Handschrift zu entwickeln.

Der Australier Craig Davidson tanzte u.a. im Royal Ballet of Flanders und im Semperoper Ballett in Dresden. Bereits während seiner Zeit in Belgien sind seine ersten Stücke entstanden. Er hat an Förderprogrammen des Royal Opera House Covent Garden und des New York Choreographic Institute teilgenommen und inzwischen für das West Australian Ballet, das Queensland Ballet, das Atlanta Ballet und die Zürcher Hochschule der Künste choreografiert.

Bryan Arias stammt aus Puerto Rico und wuchs in New York auf. Er selbst tanzte im Nederlands Dans Theater und in Crystal Pites Compagnie «Kidd Pivot». Als Gewinner des Choreografie-Wettbewerbs in Kopenhagen hat er für Compagnien wie das NDT 2, das Scottish Ballet, das Hessische Staatsballett und das Ballett Theater Basel choreografiert. 2013 gründete er seine eigene Compagnie in New York und ist für seine poetisch-leisen, eher minimalistischen Stücke bekannt.

Juliano Nunes wurde in Rio de Janeiro geboren. Nach seiner Ausbildung an der Akademie des Tanzes in Mannheim tanzte er u.a. im Badischen Staatsballett Karlsruhe, bei Gauthier Dance in Stuttgart, im Leipziger Ballett und im Royal Ballet of Flanders. Als Choreograf hat er u.a. bereits für das Royal Ballet of Flanders, das National Ballet of Canada, das Pennsylvania Ballet und das NDT 2 gearbeitet.


Craig Davidson


Anpassung und Veränderung

Craig Davidson über seine Choreografie «Entropy»

Mit jungen Tänzerinnen und Tänzern zu arbeiten, ist wohl für jeden Choreografen eine besonders spannende Aufgabe. Von Anfang an hatte ich mir für meine Arbeit mit dem Junior Ballett vorgenommen, den kreativen Prozess so umfassend und reichhaltig zu gestalten, wie ich es auch bei erfahreneren Tänzern machen würde. Einfach um den Berufsanfängern eine möglichst umfassen­de Erfahrung zu bieten und ihnen bestimmte Werkzeuge und Techniken zu ver­mitteln, die ihnen während ihrer gesamten Karriere von Nutzen sein könnten. Die Anforderungen von vornherein herunterzuschrauben, so war meine Sorge, hätte das kreative Niveau unnötig gedrosselt. Mir kam es viel mehr darauf an, offen zu bleiben für all die schönen Dinge, die aus der Arbeit mit einer jüngeren Tänzergruppe entstehen können.

Das Junior Ballett hat mich vom ersten Moment an überrascht in der Art, wie sich die hochtalentierten Tänzerinnen und Tänzer mit Elan und Furcht­losigkeit in jede Herausforderung hineingestürzt haben. Dabei haben sie mich in ihrer Vielseitigkeit als Choreografen herausgefordert. In einem immer anregenden, gegenseitigen Austausch ist ein hochkomplexes Stück entstanden. Die Impulse, von denen der Titel dieses Ballettabends spricht, haben wir uns gegenseitig gegeben, und Entropy ist das Resultat dieses konstruktiven Dialogs.

Die Begleitumstände einer weltweiten Pandemie haben uns in Sachen Spontaneität, Erfindergeist und Improvisationsvermögen immer wieder heraus­gefordert. Dabei hat es der relativ lange Probenzeitraum den Tänzerinnen und Tänzern ermöglicht, meinen Bewegungsstil zu verinnerlichen und mich gleichzeitig in meinem Entscheidungsprozess zu beeinflussen.

Das klassische Vokabular ist ein wichtiger Bestandteil meiner choreogra­fischen Sprache. In meinen Arbeiten versuche ich, es immer wieder zu hinterfragen und in einem zeitgenössischen Geist weiterzudenken. Auch was die Musikalität betrifft, hat mich mein eigener Hintergrund als Tänzer im Royal Ballet of Flanders, dem Ballett der Dresdner Semperoper und am Luzerner Theater ebenso beeinflusst wie meine Liebe zum Stepptanz und viele weitere Theatererfahrungen. Für mich ist es immer spannend zu sehen, auf welch unterschiedliche Art sich dieser Hintergrund in jeder neuen Kreation niederschlägt.

Entropy ist das Ergebnis eines Gesprächs über unsere Gegenwart, in der wir gerade jeden Tag erleben, wie sich die Zeit verschiebt und sich unsere Wahr­nehmung von Zeit verändert. Die Choreografie nimmt uns mit auf eine Reise durch verschiedene Stadien von Emotionen und Konfrontationen. Sie versucht eine Antwort auf die Frage, wie wir uns anpassen und mit Veränderungen umgehen. 


«Impulse»: Probentrailer «Entropy»

Choreografie Craig Davidson


Bryan Arias


Alles Zufall?

Der in Basel lebende amerikanische Choreograf Bryan Arias im Gespräch mit Michael Küster

Bryan, das neue Programm des Junior Balletts trägt den Titel Impulse. Welche Impulse willst du diesem Dreierabend geben?
Schon vor Beginn meiner Arbeit mit dem Junior Ballett habe ich darüber nachgedacht, was ich den jungen Tänzerinnen und Tänzern als Choreograf mit auf den Weg geben möchte. In der sich immer schneller verändernden Welt des Balletts scheinen mir Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl besonders wichtig zu sein. Deshalb nehme ich mir immer viel Zeit für Gespräche. Unter den sehr speziellen Probenbedingungen während der Corona­-Pandemie hatten wir dafür sogar besonders viel Zeit. Zuzuhören ist eine wichtige Voraussetzung meiner Arbeit. Die Informationen aus diesen Gesprächen fliessen in meine Stücke ein. Ich habe am Beginn eines Kreationsprozesses keine feste Vorstellung, wie eine Choreografie am Ende aussehen soll. Ich versuche, so viel wie möglich offen zu lassen, damit sowohl Tänzer als auch das Publikum ihre eigenen Antworten finden können. Im Prozess des Fragens und Zuhörens entsteht nach und nach ganz organisch ein Erkundungsraum. In dieser sehr freien und kreativen Atmosphäre erfahre ich viel über die Tänzer und Tänze­rinnen, ihre Art zu denken, wie sie miteinander umgehen, lerne ihren Ernst kennen, höre ihr Lachen. Das ebnet mir den Weg zu einer besonderen Qualität, nach der ich in meinen Stücken suche – menschlich, verletzlich, expressiv.

2020 hast du grosse Aufmerksamkeit in der Theaterwelt bekommen: Du bist mit dem renommierten deutschen Theaterpreis «Der Faust» für die beste Choreografie ausgezeichnet worden. 29 May 1913 ist 2019 beim Hessischen Staatsballett in Wiesbaden herausgekommen. Was war das für ein Stück?
Es war Teil eines Ballettabends, der Strawinskys «Le Sacre du printemps» gewidmet war. Die Pariser Uraufführung 1913 war bekanntlich einer der grössten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts. Mich hat vor allem die Rolle des Publikums interessiert. Was haben die Leute im Théâtre des Champs-Élysées damals erwartet, und welche Rolle spielen wir als Publikum heute, wenn wir ins Theater gehen? Sind wir so unabhängig und abgetrennt vom Bühnengeschehen, wie wir glauben, oder sind wir nicht selbst ein wesentlicher Teil der Aufführung? In meinem Stück hat sich das Publikum auf einem Screen im Bühnenbild die ganze Zeit selbst gesehen und ist so zum Bestandteil meiner Choreografie geworden.

Du stammst aus Puerto Rico, bist in New York aufgewachsen, hast in Crystal Pites Company «Kidd Pivot» und im Nederlands Dans Theater getanzt. Heute lebst du in Basel. Wie hat sich all das auf deine choreografische Sprache ausgewirkt?
Wenn ich daran denke, wo etwa meine Eltern herkommen, bin ich oft selbst davon überrascht, an welchem Punkt ich heute stehe. Wie die Dinge geschehen, hat für mich auch immer den Hauch von etwas Mysteriösem. Ich hätte nie vorhersagen können, wie mein Weg als Künstler verläuft. Wenn ich zurückblicke, bin ich im Grunde immer meinem Bauchgefühl, meinem Instinkt, gefolgt. Das hat mich an all die unglaublichen Orte geführt und mich mit all den tollen Choreografen und Tänzerkollegen zusammengebracht, von denen ich wahnsinnig viel gelernt habe. Sie alle sind bis heute in meiner Arbeit präsent. Wenn ich zum Beispiel einem jungen Tänzer zuschaue, der mich in seiner Art der Bewegung an jemanden erinnert, den ich im NDT oder bei «Kidd Pivot» bewundert habe… Oder wenn ich an einem Ort bin, der mich an einen Bühnenraum bei Jiří Kylián oder Crystal Pite erinnert.
Als ich mit dem Choreografieren anfing, 2013 oder 2014, habe ich mich erstmal sehr auf Dinge bezogen, die ich bis dahin selbst getanzt hatte. Aber inzwischen arbeite ich nicht mehr so. Ich habe versucht, authentischer und ehrlicher mit mir selbst zu sein. Heute arbeite ich sehr kollaborativ, und darum sind mir die Gespräche mit den Tänzerinnen und Tänzern so wichtig. Sie sollen sie selbst sein und nicht wie eine Kopie von mir aussehen. Aus diesem Grund sind die Spiegel in meinen Proben verhängt. Die Tänzer müssen sich auf ihre eigene Empfindung verlassen und finden so zu einer anderen Authentizität.

In deinen Choreografien verbinden sich abstrakte und narrative Elemente. Das ist auch in deinem neuen Stück für das Junior Ballett so, in dem uns drei Männer und drei Frauen begegnen. Welche Beziehung besteht zwischen diesen sechs Figuren?
Es sind sechs sehr unterschiedliche Charaktere, die sehr typenhaft gezeichnet und miteinander verbunden sind. Die Choreografie spürt ihren Beziehungen nach, aber es stellt sich immer die Frage, ob das, was wir sehen, schon die ganze Wahrheit ist. Täglich erleben wir, dass alles im Leben mit einer Konsequenz geschieht, dass alles eine Folge von etwas ist. Das hat für mich etwas Tröstliches und birgt eine besondere Art von Schönheit und Poesie, die ich in dieses Stück zu übertragen versucht habe.

Die sechs Typen in deinem Ballett erinnern mich an ein legendäres Stück von Luigi Pirandello. In Sechs Personen suchen einen Autor (1921) er­findet der sizilianische Autor eine verbindende Handlung für sechs individuelle Charaktere. Kann man das mit deiner Arbeit vergleichen?
Die Figuren sind bei mir nicht nur durch den Tanz, sondern auch durch verschiedene Requisiten verbunden. Das sind zum Teil sehr poetische Dinge wie ein kleiner Heissluftballon, ein Goldfischglas oder ein Spielzeugmond. Beim Blick auf diese Gegenstände stellen sich im Kopf der Tänzer, aber auch des Publikums ja automatisch bestimmte Bilder ein, die sich wiederum mit der Choreografie verbinden.
Hier in Zürich arbeite ich jetzt mit sechs Mitgliedern des Junior Balletts, aber die Idee zu diesen Requisiten kam mir, als ich beim Bolschoi-Ballett in Moskau ein ziemlich klassisches Stück für ein riesiges vierzigköpfiges Ensemble choreografiert habe. Dort ist mir noch einmal sehr klar geworden, welch riesige Rolle die sozialen Medien wie Instagram und Facebook im Leben von jungen Tänzerinnen und Tänzern spielen. Die Welt der Klicks und Likes wird allzu leicht mit Realität verwechselt. In einem Chat postete irgendjemand Fotos von einem Ausflug mit einem Heissluftballon, und ich musste sofort an die Gefühle bei solch einem Flug denken: das Schweben, die Ruhe und Meditation beim Blick in den Himmel und auf die Erde da unten. Das war der Ausgangspunkt für die verschiedenen Arten von Begegnungen in diesem Stück, die so, aber vielleicht auch ganz anders hätten verlaufen können. Es sind diese Zufälligkeiten, die mich immer wieder faszinieren…

… und die deinem Stück seinen fast seinen Titel gegeben hätten. Es heisst jetzt Pure Coincidence, aber auch über den Titel «G.U.T.» hast du nachgedacht. Was hat es damit auf sich?
In New York bin ich vor zwei Jahren mit meiner Mutter auf einem Obstmarkt gewesen und wurde dort von einer alten Frau angesprochen. Sie bat mich, mein Handy benutzen zu dürfen, weil sie Opfer eines Diebstahls geworden sei. Ich liess sie telefonieren und kam dann mit ihr ins Gespräch, in dessen Verlauf sie schliesslich auf die Grand Unified Theory (G.UT.), eine komplizierte physikalische Feldtheorie, zu sprechen kam. In ihrer Weisheit und Intelligenz erwies sie sich als einer der interessantesten Menschen, denen ich in New York begegnet bin. Es sind solche Situationen, die ich in der Erinnerung mit mir herumtrage, und die dann plötzlich irgendwo in einem Kreationsprozess auftauchen und durch mich und die Tänzer, mit denen ich arbeite, eine neue Interpretation erfahren.

Überraschend ist deine Musikauswahl: Sie setzt auf starke Kontraste und stilistische Diversität. Das Ganze ist eine Mischung aus Soul, Klavier­klängen und atmosphärischen Geräuschen. Welche choreografischen Türen öffnet dir die Musik?
Das funktioniert ähnlich wie bei den Requisiten, von denen ich gesprochen habe. Wie viel Risiko will ich den Tänzern zumuten, und wie fordere ich mich mit einer Musikauswahl auch selbst heraus? Wie kann ich meine Grenzen erweitern? Mich interessiert keine Musik, die mir das Leben als Choreograf erleichtert. Ich brauche Musik, die mich zum Widerspruch und zur Auseinandersetzung anregt.

In deinen Proben mit dem Junior Ballett war Aufrichtigkeit ein wichtiges Thema. Was meint das in Bezug auf den Tanz?
Ehrlichkeit ist ein viel strapazierter Begriff, aber ich benutze ihn trotzdem. Im Tanz kannst du schnell jemandem etwas vormachen mit einer interessanten Bewegung oder einer komplizierten Schrittkombination. Aber ich merke ziemlich rasch, wenn jemand lügt. Gerade für die jungen Tänzerinnen und Tänzer, die ganz am Anfang ihrer Karriere stehen, ist das Suchen nach tänzerischer Wahrheit eine wichtige Erfahrung. Aus der Ballettschule sind sie gewohnt, dass ihnen ständig jemand sagt, etwas sei richtig oder falsch. Das versuche ich zu vermeiden und ermutige sie, ihre eigene Wahrheit zu finden.


«Impulse»: Probentrailer «Pure Coincidence»

Choreografie Bryan Arias


Juliano Nunes


Freiheit in der Bewegung finden

Juliano Nunes über seine Choreografie «Union in Poetry»

In meiner Arbeit als Choreograf komme ich bei den unterschiedlichen Compagnien mit ganz verschiedenen Typen von Tänzerinnen und Tänzern in Berührung. Das ist eine schöne Situation, weil ich so nicht Gefahr laufe, mich choreografisch zu wiederholen. Auch bei meiner Zusammenarbeit mit dem Junior Ballett habe ich den Impuls empfunden, etwas Neues zu kreieren, was in dieser Form nur mit diesem Ensemble möglich ist.

In Union in Poetry möchte ich eine Einheit für die Tänzer schaffen. Vor dem Hintergrund der aktuellen pandemischen Situation ist Zusammengehörig­keitsgefühl ein kostbares Gut. In den letzten Wochen ist uns allen sehr klar geworden, wie sehr wir einander brauchen, um weiterzugehen. Schönheit zu finden in der Freiheit der Bewegung, in Verbindung mit der Musik. Beim Hören klassischer Musik achtet man in erster Linie auf die Melodie, aber eine Choreografie kann Auge und Ohr für weitere Details öffnen.

Es gibt viele Wege, wie man Poesie schreiben, ausdrücken und erleben kann. Mit den Tänzerinnen und Tänzern des Junior Balletts habe ich versucht, Freiheit in der Bewegung zu finden. Obwohl sie in dieser Choreografie eine gemeinsame Richtung verfolgen, sind sie doch keine Armee von Robotern, sondern ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Deshalb versuche ich immer, die Freiheit der Bewegung aus der Individualität der verschiedenen Einzelpersönlichkeiten zu gewinnen.

Für meine Choreografie ist die Verbindung zu den Tänzerinnen und Tänzern, mit denen ich arbeite, sehr wichtig. Ich stelle mich auf sie ein und ver­suche herauszufinden, in welche Richtung wir zusammen gehen wollen und wie ich ihren tänzerischen Horizont erweitern kann. Gerade der Begriff der Schönheit steht in unseren Proben immer wieder zur Diskussion. Ich ermutige die Tänzer, nicht einem unerreichbaren Ideal von Schönheit nachzustreben, sondern Schönheit womöglich auch in einer Art von Hässlichkeit zuzulassen.

Die junge Tänzergeneration erlebe ich als technisch sehr gut vorbereitet für die unterschiedlichsten Arten von Choreografie. Mich beeindruckt ihre Frische, ihr Elan und ihr ständiger Wunsch, alles lernen zu wollen und das Bestmögliche zu geben. Selbst unter den herausfordernden Bedingungen der aktuellen Situation! Ich leide jedes Mal, wenn ich Tänzer mit Masken vor dem Mund sehe. Gleichzeitig bin ich überrascht, wie schnell wir uns an diese neue Realität gewöhnen und in unseren Kreationen auf diese neuen Bedingungen reagieren. An das Gefühl, wie es vorher war, kann ich mich schon fast nicht mehr erinnern. Dennoch wir realisieren gerade noch einmal sehr stark, wie wichtig die Gesichter der Tänzerinnen und Tänzer sind, weil wir mit ihnen so viel zeigen, so viel aus ihnen erfahren können. Gesichtsausdruck ist nichts Aufgesetztes oder Antrainiertes. Als Resultat der Gesamtkörperbewegungen ist er ein wesentlicher Bestandteil der Choreografie. 


«Impulse»: Probentrailer «Union in Poetry»

Choreografie Juliano Nunes

Junior Ballett


Impulse

Wir haben drei Tänzerinnen und Tänzer aus unserem Junior Ballett gebeten, die neuen Werke, die gerade im Ballettsaal entstehen, aus ihrer Sicht zu kommentieren.

Achille de Groeve über «Pure Coincidence» von Bryan Arias

Mit Bryan Arias an seinem Stück zu arbeiten, geniesse ich sehr. Er ist ein sehr offener und aufgeschlossener Mensch, der den ständigen Dialog mit uns Tänzern und Tänzerinnen sucht. Das Gefühl, das man beim Tanzen seiner Choreografie hat, unterscheidet sich ganz grundlegend von den beiden anderen Stücken unseres neuen Ballettabends, weil der Fokus hier weniger auf der tänzerischen Technik, sondern noch viel mehr auf dem Ausdruck und den Emotionen liegt. Das Stück bietet sehr viel Freiheiten, nicht nur in der Art der Bewegungen, sondern auch bei der Beantwortung der Frage, was die Figuren in diesem rätselhaften Stück miteinander verbindet. Immer, wenn man eine Antwort gefunden zu haben scheint, stellt sich schon die nächste Frage.


Greta Calzuola über «Entropy» von Craig Davidson

Die Zusammenarbeit zwischen einem Choreografen und einem Tänzer erinnert mich immer ein bisschen an Tischtennis: Auf beiden Seiten ist es ein ständiges Geben und Nehmen. Ich weiss noch, wie nervös ich vor der ersten Probe mit Craig Davidson war. Aber diese Nervosität verwandelte sich sehr schnell in Neugier und Entdeckerfreude. Wie bei jedem choreografischen Prozess versuchten wir, möglichst schnell an einen Punkt zu kommen, an dem wir mit unseren Bewegungen Craigs Ideen so gut wie möglich entsprechen. Seine Bewegungssprache hat mich von Anfang an fasziniert. Er findet eine harmonische Verbindung zwischen klassischen Linien und moderner Fluidität. Keine Bewegung bleibt folgenlos und führt fast automatisch zum nächsten Schritt, so dass ich jedes Mal verblüfft bin von den vielen Nuancen und Kontrasten. Plötzliche Verlagerungen der Körperachse vermögen Spannung zu erzeugen, manchmal überrascht er uns mit einem «contre temps», und dann wieder kann man sich völlig in den fliessenden Bewegungen verlieren.
         Diese Kontraste finden sich nicht nur in den Gruppenpassagen, sondern auch in den zahlreichen Pas de deux und Pas de trois. Ich tanze zum Beispiel ein Duett mit meinem Kollegen Théo Just. Das ist wie ein ständiger Kampf zwischen Bleiben und Gehen, Schieben und Ziehen, Begehren und Verweigern. Energetisch fühlt es sich so an, als sei ich eine andere Person in einem anderen Leben. Aber es gibt in Craigs Choreografie auch das Gegenteil. In dem sehr langsamen und sinnlichen Duett, das Marta Andreitsiv und Luca D’Amato tanzen, verschmelzen die beiden in perfekter Symbiose zu einer einzigen Person. Craig ist es sehr wichtig, dass wir beim Tanzen besonders auf unsere Extremitäten achten, auf unsere Hände und unsere Füsse. Natürlich sind es in erster Linie die Beine und der Rumpf, die eine Bewegung erzeugen, aber die Ausdruckskraft einer Berührung, die verlängerte Linie durch eine Hand, die Klarheit und Präzision der Fussarbeit machen alles noch magischer. Wie Craig auf die ganz unterschiedlichen Qualitäten jedes Einzelnen von uns eingeht und sie in seine Choreografie integriert, bewundere ich sehr. Mit ihm zu arbeiten und so viel von ihm zu lernen, ist eine tolle Erfahrung.


Lukas Simonetto über «Union in Poetry» von Juliano Nunes

Die Arbeit mit Juliano Nunes war für uns alle ein echtes Privileg. Juliano ist ein Choreograf, der seinen ganz eigenen Stil hat und tolle Ideen mitbringt. Seine Choreografie ist sehr musikalisch. Bei ihm gibt es eine direkte Verbindung zwischen der Musik und dem Tanz, und das macht die Bewegungen so kraftvoll. Für mich ist seine Choreografie ein Ausdruck des engen Zusammengehörigkeitsgefühls, das während des langen und intensiven Entstehungsprozesses zwischen uns Juniortänzern entstanden ist. Dieses Gefühl der Verbundenheit trägt uns durch dieses Stück. Es ist eine «Reise», die uns von einem Ort zum anderen transportiert. Juliano nutzt nicht nur unsere körperlichen Fähigkeiten, sondern geht auch auf unsere ganz individuellen Persönlichkeiten ein. Das gefällt mir sehr.

Fotogalerie

 

Bilder aus den Proben