Willkommen beim Ballett Zürich

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Trailer «Emergence» - Ballett Zürich

Trailer «Speak For Yourself» - Ballett Zürich
Trailer «Petruschka / Sacre» - Ballett Zürich

Essay


Die Forscherin

Crystal Pite hat am Beispiel der Bienen studiert, wie in der Natur Entscheidungen im Kollektiv getroffen werden, und die Erkenntnisse auf ihr Stück «Emergence» angewendet. Das Naturinteresse ist nur eine Inspirationsquelle dieser faszinierenden Choreografin.

Am Anfang war der interessierte Blick in einen Bienenstock. Das preisgekrönte Stück Emergence der kanadischen Choreografin Crystal Pite ist 2009 für das National Ballet of Canada entstanden und widmet sich der Frage, ob die hierarchische Struktur einer  klassischen Ballettcompagnie Entsprechungen in der Natur findet. «Zuerst habe ich einen  Bienenschwarm als mögliches Modell ins Auge gefasst», sagt Crystal Pite, nachdem sie auf  die  Schriften eines Verhaltensbiologen und Imkers gestossen war, der Charakteristika der Schwarmintelligenz formuliert und mit Wesensmerkmalen intelligenter kollektiver Lebens formen in Verbindung gebracht hatte. «In der Natur», erklärt die Choreografin, «werden Entscheidungen eher im Kollektiv getroffen, als dass Individuen die Führung übernehmen. Nahezu die gesamte Population trägt mit Informationen zum koordinierten Verhalten bei. Jedes Individuum, das sich an der kollektiven Debatte beteiligt, bringt seine sachkundige und unabhängige Einschätzung ein. Bei den Bienen werden solche Debatten äus serst lebhaft und wetteifernd geführt, bis die Einzelbeiträge zu einer Synthese verschmelzen. Von Hierarchie also keine Spur. Eine Bienenkönigin ‹regiert› nicht.»

Fasziniert von den kollektiven Entscheidungen der Bienen begann die Choreografin, über Strukturen in der Natur nachzudenken, die den Eindruck erwecken, «ein Wesen, ein Bewusstsein, ein Gehirn» zu sein, und suchte nach Möglichkeiten, sie auf den Tanz zu übertragen. Aber abgesehen vom Element des Konkurrierens erschlossen sich ihr zunächst kaum Parallelen zum reglementierten Kosmos einer Ballettcompagnie. Bis sie noch tiefer in die Materie eintauchte und ihre vielköpfige Compagnie schliesslich dazu brachte, sich als bienengleichen kollektiven Körper zu reflektieren und die Strukturen zu ergründen, die aus einer Vielfalttänzerischer Interaktionen er wachsen. Jeder einzelne Tänzer trage zur übergeordneten Struktur der Choreografie bei, indem er auf Stimuli in seiner unmittelbaren Umgebung reagiere: «Ich richte meinen Körper an diesen fünf Kollegen aus, schlage jene Richtung ein, löse die Bewegung unseres Systems auf ein bestimmtes musikalisches Signal hin aus und so fort.» So entwickelte sich Emergence.

Was  ist  das  für  eine  eigenwillige, forschungsinteressierte, von kreativer Neugier getriebene Choreografin, die die internationale Tanzszene in den zurückliegenden Jahren  mit mehr als vierzig Auftragsarbeiten wie im Sturm erobert hat – von Vancouver bis Frankfurt, vom Londoner Sadler’s Wells Theatre bis zum Nederlands Dance Theater in Den Haag? Die Kanadierin Crystal Pite ist eine Künstlerin  von  hoher  Intelligenz  und  einem schier unerschöpflichen Erfindungsreichtum. Ihre klassische Ausbildung hat sie mit der frei formulierten Bewegungssprache einer veritablen Improvisationskünstlerin verbunden. Ihre  Arbeiten kreisen stets um das Wesen des Menschlichen, und das verleiht ihren Stücken eine lebendige, emotionale, nicht selten komische Dimension. Überbordende Lust an der Bewegung und die Entschlossenheit, ihre Zuschauer in Staunen zu versetzen, prägen ihr Œuvre. Beglückt lässt Crystal Pite tanzen, beglückt tanzt sie selbst und berührt ihr Publikum mit einer Ästhetik, die in der sensiblen Schwebe zwischen Intellekt und Sinnlichkeit oszilliert – immer auf dem schmalen Grat zwischen der Erfüllung und dem bewussten Unterlaufen der Erwartungen, die an den Tanz herangetragen werden. Die meisten  ihrer schöpferischen Visionen hat sie mit «Kidd Pivot», ihrer eigenen Compagnie, in Vancouver Gestalt werden lassen. Im Januar bringt sie nun ihr Erfolgsstück Emergence mit dem Ballett Zürich zur Premiere.

Als Vierjährige begann Crystal Pite mit erstem Tanztraining am Pacific Dance Centre, einer Privatakademie in Victoria, British Columbia. Ihre Lehrerinnen dort nennt sie «wunderbare Mentorinnen, die meinem Training eine ganz persönliche Note gaben. Kein Vergleich mit den bunheads, den perfektionistischen Ballettlehrerinnen mit strengem Dutt, die an den grossen Schulen für die jeweilige Mutterkompanie Tänzerinnen und Tänzer nach Mass  heranzüchten.» Pite lernt diverse Tanzstile, neben dem klassischen Ballett auch Stepp, Jazz und Musical-Tanzinklusive Gesang. Mit 17 Jahren geht sie beim Ballet British Columbia in die Lehre, wo Compagniechef John Alleyne massgeblich ihre Weiterentwicklung fördert. «Seinem Einfluss ist es zu verdanken», sagt sie, «dass ich athletischere und aggressivere Herangehensweisen ausprobiert habe, ein Aspekt meiner Arbeit, den ich bis heute auf Alleyne zurückführe.»

1990 kommt dann William Forsythe nach Kanada, um sein Stück In the Middle, Somewhat Elevated einzustudieren, und zwei Jahre später besucht auch der Frankfurter Forsythe­Tänzer Michael Schumacher die Compagnie, seinerseits mit einem Forsythe­Stück im Gepäck – The Vile Parody of Address. Nach diesen künstlerischen Begegnungen wirft Pite ihre Sichtweisen und Überzeugungen komplett über den Haufen. Noch nie habe sie jemanden tanzen gesehen, der den Raum um seinen Körper so eindrucksvoll nutze wie  Schumacher.  «Seine Bewegungen wirkten unvergleichlich dreidimensional!» Pite ist fasziniert von Schumachers Fertigkeit, verschiedene Teile seines Körpers mit unterschiedlichem Timing zum Einsatz zu bringen. Sie will das selbst lernen. Also meldet sie sich für die Auditions beim Ballett Frankfurt  an  und  kehrt  Kanada 1996  den  Rücken,  um  bei  Forsythes Compagnie anzuheuern. Fünf Jahre im damals sicheren und finanziell gut ausgestatteten Hafen von Forsythes zeitgenössischer Ballettcompagnie ändern Crystal Pites Welt: Sie lernt unter der Ägide des US­Amerikaners neue Konzepte bezüglich Technik, Struktur und Inhalt kennen und auch Forsythes Meriten als Coach und Choreograf schätzen: «Zu den wichtigsten Dingen, die ich von Bill lernte, gehört das Loslassen von Ideen. Sie zu verwerfen, wenn sie sich als nicht stückdienlich erweisen, auch wenn sie ursprünglich impulsgebend waren.» Weichenstellend wird für sie auch Forsythes radikaler Zugriff auf den  Zeitrahmen einer Choreografie. Gegen Ende ihres Deutschlandaufenthaltes wird ihr  Wunsch, Choreografin zu werden, stärker. Gleichzeitig wächst ihr Heimweh.

Crystal Pite gründet 2001 im kanadischen Vancouver ihre eigene Compagnie «Kidd Pivot» mit dem Anspruch, die Grenzen des Tanzes in Verbindung mit Musik, Text und Design zu hinterfragen und neu zu ziehen. «Kidd Pivot» wird zum Ensemble, mit dem sie sich ihrem eigenen Tanzschaffen  widmet  und  systematisch ihre  bisherigen ästhetischen Positionen reflektiert und neu denkt. Eine ihrer bejubelten Kreationen aus jener Zeit, Lost Action von 2006, befasst sich auf fesselnde Weise mit dem ephemeren Wesen des Tanzens, der Metapher des verschwindenden Körpers sowie der kriegerischen Auseinandersetzung des Menschen. Tod und Verhängnis, Verlust und Gedächtnis werden zu Schlüsselmotiven. Konzipiert für vier Männer und drei Frauen (Pite selbst tanzte damals im eigenen Stück mit), experimentiert Lost Action zudem mit theatralischen Elementen. «Die Tänzer trugen Parkas, Alltagskleidung und Strassenschuhe und tanzten auf einem roten Boden unter nervösen Lichteffekten inklusive Stroboskop»,  erinnert sich Pite. Der in Vancouver ansässige, elektronisch arbeitende Komponist Owen Belton, über Jahre ein bewährter kreativer Mitstreiter Pites, mixte Aufnahmen diverser akustischer Instrumente mit Soundeffekten und schuf vielschichtig gesampelte Klanglandschaften aus Stimmen, Glockenklängen, Ukulele, Klavier und Gitarre, Sprechtexten und Pistolenschüssen.

Crystal Pite erläutert, wie stark sie damals, in ihrer Arbeit an Lost Action, von der Gewalt der  Strasse und der Hip­Hop­Kultur beeinflusst war: «Ich wollte mich und meine Tänzer wirklich herausfordern und bewegungstechnisch ans Limit gehen. Es ging mir darum, auf jede lyrische Anmutung zu verzichten und stattdessen die aggressiven Impulse anzuzapfen, die mir einst John Alleyne nähergebracht hatte.» In Dark Matters (2009) wiederum balanciert Pite auf dem schmalen Grat zwischen dem Leben, wie es uns vertraut ist, und seiner Gefährdung. Unter dem akuten Eindruck von Umweltkatastrophen und der existenziellen Gefährdung unseres Planeten schmiedet Pite mit ihrer weit ausgreifenden Vorstellungskraft  einen  wirkmächtigen  Zweiakter:  Auf  eine dramatische, mittels Puppen erzählte Fabel um die Themen Schöpfung und Zerstörung folgt ein reiner Tanzteil, der die subtilen Konflikte beleuchtet, welche jedwedem Akt der Manipulation innewohnen.

Zu Crystal Pites aussergewöhnlichem dramatischen Fingerspitzengefühl und dem spontanen Zugriff auf ihr jeweiliges Sujet gesellt sich als kreative Energie eine für die Choreografin typische enge persönliche Verbundenheit mit ihrem Ensemble. Gemeinsam entwickeln die Tänzerinnen und Tänzer von «Kidd Pivot» in der Ausgestaltung von Pites choreografischen Vorgaben immerzu neue Konzepte und Bewe gungsmuster. Pites Tanzstil fordert äusserste  Wachsamkeit  von  den  Performern. Es geht um ein schonungsloses Sich­Einlassen, das im Zusammenspiel mit Beltons Soundscapes das Publikum unmittelbar in Bann schlägt und bei ihm körperliche Reaktionen auslösen will: «Ich ermuntere die Zuschauer dazu, sich von der Phy sikali tät der Tänzer zu einer persönlichen Reise durch alle Höhen und Tiefen des Bühnengeschehens inspirieren zu lassen.»

Stellt man Tänzern ein choreografisches Alphabet zur Verfügung, dazu Parameter und Möglichkeiten, die ihnen bei der Produktion bestimmter choreografischer Phrasen behilflich sind, so beginnen sie, an sich zu arbeiten. Nicht anders war es bei «Kidd Pivot», wenn Crystal Pite die Einfälle ihrer Tänzer schliesslich zu neuen, meist komplexen Bewegungsmustern zusammenführt. Ihre Arbeit, das hat sie wiederholt betont, ist von dem Versuch geleitet, einem individuellen Wesen in der Natur sowie seiner Eingliederung in einen grösseren Zusammenhang oder ein Ökosystem nachzuspüren. Unlängst hat Pite in einem Interview auch die Dynamik von Vogelschwärmen als Sinnbild für ihr Anliegen  herangezogen. Dabei obliege es dem einzelnen Vogel, «sich, allgemein aus gedrückt, in Raum und Richtung am Schwarm zu orientieren. Allein diese simple Anforderung an den einzelnen Vogel genügt, jene unglaublichen skulpturalen Schwarm­Strukturen entstehen zu lassen, die, fliessend wie Wasser, immer neue Form  annehmen.» Crystal Pite ist überzeugt davon, dass der Mensch dem Phänomen der Synchronizität eine grundlegende Sympathie entgegenbringt, ebenso wie der Vorstellung, sich mit einem grös seren Ganzen zu verbinden: «Als wären wir seit jeher voneinander getrennt und würden nun eine Einheit herstellen, die uns plötzlich ganz vertraut und wahrhaftig vorkommt.»

Im  Zusammenspiel von Kraftaufwand und nuancierter Kunstfertigkeit strebt Crystal Pite als Choreografin laut eigener Aussage danach, «etwas in seiner Menschlichkeit Schönes sichtbar werden zu lassen, das von vibrierendem Leben erfüllt ist». Mit Recht bezeichnet sie sich selbst als eine quicklebendige Performance­ Strategin, die Aufsehen erregen will. Pites Kreationen sind von grosser Originalität, verströmen Komik und lassen zuweilen eine  nachgerade unheimliche Begabung bei der Überführung abstrakter Ideen in plastischlebhafte Körperlichkeit erkennen. In ihren grösser dimensionierten Werken verschmilzt die geheimnisvollintime Ergründung von Körper und Geist mit Pites Begeisterung für das Spannungsfeld zwischen Beobachtbarem und Verborgenem. Mehr noch: Ihre Arbeit Emergence reflektiert das Bestreben einer leidenschaftlichen Choreografin, ihrem Publikum das Wunder von gemeinschaftlichem Zusammenwirken am eigenen Leib erfahrbar zu machen.

Text von Philip Szporer. Aus dem Englischen von Marc Staudacher.
Dieser Artikel ist erschienen in MAG 54, November 2017
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Nein zu «No Billag»
am 4. März 2018

Der Schweizerische Bühnenverband als Dachorganisation der bedeutendsten Berufstheater der Schweiz sagt NEIN zur «No Billag»-Initiative.

Weitere Informationen


Gastspiel Moskau


Euphorische Reaktionen

Mit Christian Spucks Ballett «Nussknacker und Mausekönig» gastierte das Ballett Zürich beim Festival «Dance Inversion» in Moskau.

Mit Neugier und Entdeckerfreude holt das renommierte russische Festival Dance Inversion alle zwei Jahre die spannendsten modernen Tanzproduktionen aus aller Welt nach Moskau. Seit 1997 existiert das Festival für zeitgenössischen Tanz, bei dem jetzt erstmals auch das Ballett Zürich zu Gast war. Herz und Seele der Tanzbiennale ist Irina Chernomurova. Mit unermüdlicher Energie reist die resolute Tanzenthusiastin um die Welt, um dem ballettverwöhnten Moskauer Publikum immer wieder eine attraktive Auslese aus den aufregendsten internationalen Ballettproduktionen präsentieren zu können. Auch für den jüngsten Festivaljahrgang, der von Mitte September bis Anfang Dezember vorigen Jahres stattfand, hatte sie sich etwas Besonderes ausgedacht. 2018 feiert die Ballettwelt den 200. Geburtstag von Marius Petipa, und in Vorausschau auf dieses Jubiläum hat sie den legendären Choreografen ins Zentrum des Festivals gestellt. «Wie kein Zweiter hat Petipa die Sprache des klassischen Balletts geprägt. Neben seiner choreografischen Meisterschaft mit ihren unerreichten Pas de deux beeindrucken uns seine Ballette bis heute durch die Schönheit ihrer architektonischen Anlage», erklärt sie. Aber ist das nicht alles Schnee von gestern? Fast klingt es wie ein Widerspruch, dass Petipas Jubiläum nun ausgerechnet als Motto eines modernen Tanzfestivals dienen soll. Doch Irina Chernomurova hat keinerlei Bedenken: «Heute erleben wir eine Annäherung von klassischem und modernem Ballett. Ich wollte zeigen, was von Petipas grossartigem Erbe übrig ist, was es für den Tanz zu Beginn des 21. Jahrhunderts bedeutet und was heutige Choreografen in seinen grossen Handlungsballetten finden.»

Im Zentrum ihres Festivals standen deshalb die drei berühmtesten, mit Petipas Namen verbundenen Ballette. Les Ballets de Monte­Carlo gastierten mit Jean­Christophe Maillots Dornröschen­Adaption La Belle, während Michael Keegan Doland mit seiner in Irland beheimateten Compagnie Teaċ Dam∙sa in Loch na hEala eine neue Sicht auf Schwanensee präsentierte – zu live musizierter, irisch­nordischer Volksmusik. Dass sie Christian Spucks nur wenige Wochen vor dem Festival in Zürich uraufgeführten Nussknacker in Moskau zeigen wollte, war für die Festivalchefin von Anfang an klar. Obwohl die Produktion zum Planungszeitpunkt lediglich in den Entwürfen des Bühnenbildners und im Kopf des Choreografen existierte, war sie nicht von ihrer wagemutigen Idee abzubringen. «Natürlich war da ein gewisser Mut zum Risiko dabei», lacht sie, «aber ich kenne Christians Ballettproduktionen seit vielen Jahren und hatte Vertrauen in seine Arbeit. Ich war mir sicher, dass er dem Nussknacker neue Facetten abgewinnen würde.» Im Januar 2017 reiste Irina Chernomurova zur Bauprobe nach Zürich, wo sie Christian Spucks Konzept, das Bühnenbild von Rufus Didwiszus und die Kostümentwürfe von Buki Shiff sofort überzeugten: «In Russland gab es zwar gelegentlichVersuche, stärker auf die dem Nussknacker zugrunde liegende Originalgeschichte von E.T.A. Hoffmann zurückzugehen, jedoch nie mit einer solchen Entschlossenheit und Konsequenz.» Damals war noch nicht vorauszusehen, dass es eine derart aufwendige Produktion werden und am Ende nicht die vereinbarten zwei, sondern fünf riesige Nussknacker­Container auf die lange Reise in die russische Hauptstadt gehen würden.

Schauplatz für die zwei Vorstellungen des Balletts Zürich war die «Novaya Szena» des Bolschoitheaters. Unmittelbar neben dem berühmten klassizistischen Hauptgebäude mit seinen acht mächtigen Säulen und der von einer bronzenen Quadriga gekrönten Fassade gelegen, ist diese Neue Bühne etwas grösser als das Opernhaus Zürich. Mit ihren zwei ausladenden Rängen und einem herrlichen, berühmte Ballettkostüme von Léon Bakst zitierenden Deckengemälde erinnert sie in ihrer Ausstattung an das Stammhaus der Zürcher Tänzerinnen und Tänzer. Eine riesige Plakatwand mit der Ankündigung des Nussknacker­Gastspiels bedeckt die dem Theaterplatz zugewandte Fassade und zeigt Mélisssa Ligurgo als wutschnaubende Mausekönigin. Mit ihren Kollegen hat die aus Belgien stammende Tänzerin schon viele Ballettgastspiele absolviert, aber einmal im Leben am Bolschoitheater zu gastieren, meint sie, sei für jeden Tänzer ein besonderer und einmaliger Moment: «Es ist eine Ehre und ein Privileg, an diesem für die Tanzgeschichte und ­gegenwart so wichtigen Theater aufzutreten.» Eine noch intensivere Beziehung zu diesem magischen Ort hat Michelle Willems, die als Marie eine der Hauptrollen in Christian Spucks Ballett tanzt. Für sie ist es eine Heimkehr. Zehn Jahre lang hat sie in Moskau gelebt und zuletzt 2012 als Mitglied der Bolschoi­Akademie auf der legendären Bühne gestanden. «Auf dieser Bühne als Marie aufzutreten, bedeutet eine einmalige Chance und eine grosse Auszeichnung.» Eine Bewährungsprobe, die sie mit Bravour gemeistert hat. Nicht nur vom Publikum wurde sie enthusiastisch gefeiert, auch die Zeitung Komersant schwärmte von der «kleinen, zarten Ballerina» und lobte ihre «gewinnende Natürlichkeit und fantastische Koordination».

Auch wenn die Ballettgeschichte des Nussknackers ihren Anfang in St. Petersburg nimmt – dort fand 1892 am Mariinsky­Theater die Uraufführung statt – hat der Schtschelkuntschik, wie er auf Russisch heisst, auch am Bolschoitheater eine lange Tradition. 1919 brachte Alexander Gorski hier eine Version heraus, in der  Mascha (Marie) erstmals nicht von einem Kind, sondern von einer erwachsenen Tänzerin verkörpert wurde. Lange im Repertoire war dann eine vom Kirov­Ballett übernommene Produktion von Wassili Vainonen (1934). Doch den Rekord hält bis heute die Inszenierung der russischen Choreografenlegende Juri Grigorowitsch. 1966 uraufgeführt, tanzt sein Nussknacker seit einem halben Jahrhundert über die Bühne des Bolschoitheaters. Und natürlich haben auch das Ballett des Stanislawski­Theaters und das im Kremlpalast beheimate Russische Staatsballett ihre eigenen Versionen im Repertoire.

Bei so viel Nussknacker-Tradition ist es verständlich, dass Christian Spuck dem Moskau­Gastspiel seiner Compagnie mit etwas Nervosität entgegensah: «Das Bolschoitheater gilt neben Paris und St. Petersburg als Hochburg des klassischen Balletts, seine Tänzer gehören zu den besten der Welt. Natürlich fährt man mit gemischten Gefühlen an so einen geschichtsträchtigen Ort. Man kann nur verlieren oder gewinnen.» Dass bei einem eng getakteten Tourneeplan nur eine einzige Bühnenprobe am Vormittag des ersten Vorstellungstages stattfinden soll, macht das Unbehagen nicht geringer. Auch für das Orchester des Bolschoitheaters, das Dirigent Paul Connelly umsichtig für die ungewohnten Aufführungen präpariert hat, war diese Probe die erste und einzige Gelegenheit, sich mit dem szenischen Ablauf von Nussknacker und Mausekönig bekannt zu machen. Am Ende wuchsen die im Rampenlicht stehenden Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Zürich über sich hinaus und wurden nach beiden Vorstellungen vom Publikum bejubelt. Dabei galt der Applaus auch den vielen hilfreichen Geistern im Hintergrund, die dieses Gastspiel des Balletts Zürich zu einem Triumph werden liessen. Für Junior­Tänzer Gustavo Chalub war es die erste Reise mit seinen Tänzerkollegen: «Mich haben die euphorischen Reaktionen des Moskauer Publikums gefreut. Der Erfolg war nur möglich, weil alle Beteiligten vor und hinter der Bühne eine echt tolle Gemeinschaft waren. Wir sind auf dieser Reise wirklich zusammengewachsen».

Nur wenig Zeit bleibt an den drei dicht gefüllten Tagen für Sightseeing. Gemeinsam mit dem Fotografen Michail Logvinov, der fast vierzig Jahre lang die grossen Aufführungen des Bolschoiballetts fotografiert hat, brechen Christian Spuck und einige Tänzer zu einer Mini­Tour durch Moskaus Zentrum auf. Eisiger Wind fegt über den Roten Platz, der sich über Nacht in einen Weihnachtsmarkt mit Kunsteisbahn verwandelt hat. Nach einer Aufwärmpause im Kaufhaus GUM führt der Weg an der Basiliuskathedrale, am Lenin­Mausoleum und an der Kremlmauer vorbei. Krönender Abschluss jedoch ist eine Visite im Bolschoitheater. Durch die Prunkgemächer des Zaren gelangt man in den in Rot und Gold gehaltenen prachtvollen Zuschauerraum. Eine enge Treppe führt schliesslich bis unter das Dach des Theaters. Hier oben, direkt über der Kuppel des Zuschauerraums, befindet sich eine Probebühne des Bolschoiballetts mit eigenem Orchestergraben und kleinem Auditorium. Für einige Minuten dürfen die Tänzer aus Zürich ihren Moskauer Kollegen beim Proben zuschauen. Ein unvergesslicher Moment, und längst nicht der einzige in Moskau!

Beim Empfang im Anschluss an die gefeierte erste Vorstellung sind Wladimir Urin, der Generaldirektor des Bolschoitheaters, und Festivalchefin Chernomurova begeistert. Voller Stolz auf den Erfolg des Balletts Zürich zeigt sich nicht nur Yves Rossier, der amtierende Schweizer Botschafter in Moskau, sondern auch Christian Spuck ist glücklich: «Es hat funktioniert! Ich bin froh, dass durch dieses Gastspiel eine Verbindung zwischen dem Bolschoitheater und dem Ballett Zürich enstanden ist, die wir in Zukunft hoffentlich weiter mit Leben erfüllen können.»


Text von Michael Küster, Foto von Michail Logvinov
Dieser Artikel ist erschienen in MAG 55, Januar 2018
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Das Junior Ballett

Ein Porträt

Seit seiner Gründung im Jahre 2001 hat sich das Junior Ballett neben dem Internationalen Opernstudio und der Orchester-Akademie als dritte am Opernhaus Zürich existierende Form der künstlerischen Nachwuchsförderung etabliert. Junge Tänzer aus aller Welt erhalten hier die Möglichkeit des betreuten Übergangs vom Ende ihrer Ballettausbildung bis zum Eintritt ins volle Berufsleben. Im Rahmen eines nicht länger als zwei Jahre währenden Engagements trainieren sie gemeinsam mit den Mitgliedern des Balletts Zürich, tanzen mit ihnen in ausgewählten Vorstellungen des Repertoires und sammeln so die für eine Tänzerlaufbahn notwendige Bühnenerfahrung. Mit dem Ballettabend Un Ballo präsentiert sich das Junior Ballett in dieser Saison mit Choreografien von Benoît Favre, Jiří Kylián, Filipe Portugal und Cayetano Soto.


News in Kürze 

Aktuelle Meldungen

Wir begrüssen erstmals die Choreografin Crystal Pite in Zürich +++ Die Bühnenproben zu Emergence haben begonnen +++ Das Choreografen-Duo Sol León und Paul Lightfoot sind in Zürich +++ Ballett Zürich gastiert am Bolschoi Theater - hier geht's zum Reisetagebuch +++ Die erfolgreiche Koproduktion zwischen Oper und Ballett Messa da Requiem ist jetzt erhältlich auf DVD und Blu-Ray! +++