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Lohengrin

Romantische Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner (1813-1883)
Libretto vom Komponisten

In deutscher Sprache mit deutscher und englischer Übertitelung. Dauer 4 Std. 45 Min. inkl. Pausen. nach ca. 1 Std. 05 Min. und nach dem 2. Aufzug nach ca. 3 Std. Werkeinführung jeweils 45 Min. vor Vorstellungsbeginn.
Koproduktion mit der Wiener Staatsoper.

Gut zu wissen

Trailer «Lohengrin»

Gespräch


Erst durch Elsas Liebe wird Lohengrin stark

Andreas Homoki vor der Premiere 2014 über die Ideen zu seiner Inszenierung von Richard Wagners «Lohengrin».

Lohengrin ist vermutlich das populärste von Wagners Werken, gleichzeitig aber auch das rätselhafteste. Die Geschichte der Elsa von Brabant, die von einem Ritter aus grosser Not erlöst wird, mutet seltsam an. Kann man das als Regisseur überhaupt ernst nehmen?
Ja, warum denn nicht? Märchen können doch wichtige und bedeutende Inhalte transportieren. In diesem Fall hat die märchenhafte Handlung ja einen genau beschriebenen politischen Hintergrund: Lohengrin zeigt uns das Porträt einer Gesellschaft im Umbruch. Wir befinden uns in Brabant, wo erst vor kurzer Zeit eine alte Ordnung durch eine neue abgelöst wurde. Dieser Umbruch ist mit Problemen verbunden, einerseits weil die Bevölkerung in ihrer Identität verunsichert ist, und andererseits weil die Verlierer nicht bereit sind, die Veränderungen zu akzeptieren.

Wie passt das Wunder des geträumten Ritters, der von einem Schwan gezogen daherkommt, in diese Konstellation, die eher an ein shakespearsches Königsdrama erinnert?
Dieser Ritter hat mit den politischen Utopien zu tun, die Wagner beschäftigten. Elsa, die Tochter des alten Herzogs droht zum Opfer der Machtkämpfe zu werden, weil sie des Brudermordes beschuldigt wird. So wie wir die Situation am Anfang des Stücks erleben, kann ihr auch wirklich nur ein Wunder helfen, und Wagner lässt dieses Wunder tatsächlich geschehen. Wir finden in seinen Werken und Schriften immer wieder die Idee, dass es eine Art «natürliche» Gerechtigkeit gibt, die sich schliesslich durchsetzt. Konkret politisch hat er gehofft, dass die Revolution von 1848, während der er in Dresden auf den Barrikaden stand, diese Gerechtigkeit bringen wird. In seinen drei romantischen Opern, die er vor der Revolution komponiert hat, ist dieser Gedanke in die Form des Fantastischen gekleidet, etwa in die des geheimnisvollen Ritters, der kommt, um die Unschuldige zu retten. Dahinter steckt seine Idee, dass die Revolution einen gesellschaftlichen Zustand hervorbringen wird, in dem es keine Ungerechtigkeit und Unterdrückung mehr gibt, und dass dieser Zustand sozusagen mit Naturnotwendigkeit eintreten muss. Diese Vorstellung mag heute etwas naiv anmuten, aber die Utopie, die dahintersteht, ist in ihrer Radikalität beachtenswert.

Allerdings scheitert das Rettungswerk katastrophal…
Ja, weil Wagner eben doch nicht so naiv ist, zu glauben, die Probleme liessen sich so einfach aus der Welt schaffen. Die Liebe, davon ist er überzeugt, kann diese Welt erlösen, vielleicht auch die Kunst. Diese beiden Ideen hängen bei ihm eng zusammen. Wie Wagner es in den Meistersingern thematisiert, kann man nur Kunst hervorbringen, wenn man liebesfähig ist. Wer nicht liebesfähig ist, also kein Künstler sein kann, wird der Welt auch nichts Gutes bringen. Dargestellt hat Wagner das an Ortrud, die, wie er sagt, die Liebe nicht kennt. Aber die Liebe ist etwas sehr Gefährdetes, sie kann scheitern, weil die Kräfte, die ihr entgegenstehen, stark sind.

In erster Linie scheitert die Sache aber daran, dass der Held eine unerfüllbare Forderung stellt. Wie soll eine Frau mit einem Mann leben, den sie nicht fragen darf, wer er ist und woher er kommt? Wie kommt er überhaupt dazu, so etwas zu verlangen?
Er muss es verlangen, weil er dem Gesetz des Grals unterworfen ist. Und das legt fest, dass der Ritter nur so lange unter den Menschen bleiben darf, wie er unerkannt ist. Der entscheidende Punkt ist, dass Lohengrin sich diese Forderung nicht ausgedacht hat. Wenn er sie an Elsa stellt, tut er das nicht etwa, wie es oft interpretiert wird, weil er sich die Frau Untertan machen will. Die Region, aus der Lohengrin kommt, steht für das ganz Andere, für die ideale Welt, der man sich vielleicht durch die Revolution nähern kann. Das bedeutet aber, dass der Bote aus dieser idealen Welt nicht in den normalen Alltag integriert werden kann. Er muss fremd bleiben, weil er nur so sein Besonderes, sein utopisches Potenzial bewahren kann. Und er muss aus dem Bereich der Menschen verschwinden, sobald er erkannt ist. Damit formuliert Wagner natürlich auch ein grundsätzliches Problem aller utopischen Gesellschaftsentwürfe: Sie sind mit den realen Gegebenheiten nicht kompatibel und damit im Grunde nicht zu verwirklichen.

Wagner spitzt diese Konstellation extrem zu, indem er die Liebe zwischen Elsa und Lohengrin mit dem Frageverbot belastet.
Wagner war ein genialer Dramatiker mit einem todsicheren Theaterinstinkt. Deshalb wusste er genau, dass das Theater solche die Figuren zerreissenden Konflikt braucht. In extremer Zuspitzung scheint hier ein grosses Ideal auf: Was Lohengrin verlangt, und was Elsa ihm zu geben bereit ist, ist unbedingtes Vertrauen ohne die geringste Spur von Zweifel. Nun sagt uns schon der gesunde Menschenverstand, dass so etwas nicht gutgehen kann. Die Welt, in der wir leben, ist nun einmal so, dass wir gut daran tun, nicht allzu vertrauensselig zu sein. Weil wir immer die Möglichkeit mit einberechnen müssen, dass der andere, mit dem wir zu tun haben, Ziele verfolgt, die er uns verschweigt. Deshalb muss auch Elsa wissen, wer dieser Mann ist. Aber wie die Welt ist, muss sie ja nicht bleiben! Das ist es, worauf Wagner hinaus will. Die Welt könnte auch anders sein. Zumindest denkbar ist eine Gesellschaft, die nicht auf Macht, Gewalt, Betrug basiert. Solch eine Vision kann man belächeln, und auch Wagner hat sicherlich nicht geglaubt, dass sie sich einfach verwirklichen lässt. Aber er hat den Gedanken für wichtig gehalten, und er hat mit Elsa eine Figur geschaffen, die fest an diese Möglichkeit glaubt. So bilden Elsa und Lohengrin ein utopisches Paar: Er verkörpert die höhere Gerechtigkeit, die nicht zulässt, dass Unrecht geschieht und sie das Ideal einer durch Liebe und unbedingtes Vertrauen geprägten Gesellschaft.

Aber kann man Elsas Haltung denn ernsthaft als utopisch bezeichnen? Da kommt einer daher, erklärt sich bereit, sie zu heiraten, wenn sie nicht fragt, wer er ist, und sie sinkt vor ihm in die Knie und nimmt das freudig auf sich. Steht dahinter nicht ein durch und durch reaktionäres Frauenbild?
Dass Wagners Frauenbild reaktionär sei, hört und liest man oft. Angeblich unterwerfen sich seine Frauenfiguren immer bedingungslos dem Willen des Mannes. Ich weiss nicht, woher diese Auffassung stammt, denn die Stücke sprechen für mich eine ganz andere Sprache. Wenn man sich Wagners Frauenfiguren vorurteilslos anschaut, stellt man fest, dass es immer starke Persönlichkeiten sind, die sehr selbstbewusst ihren Weg gehen. Fast immer sind sie auch seelisch stärker als ihre männlichen Partner. Elsa macht da keine Ausnahme. Sie weiss genau, was da von ihr verlangt wird, und sie nimmt diese Forderung ganz bewusst auf sich, weil sie das für richtig hält. Sie weiss auch, dass alle anderen sie für sehr unvernünftig halten werden. Aber sie glaubt daran, dass es etwas Höheres als den gesunden Menschenverstand gibt. Sie will zeigen, dass man so leben kann: «Es gibt ein Glück, das ohne Reu’.»

Das mag Elsa so sehen, aber es bleibt doch dabei, dass Lohengrin ihre Unterwerfung fordert und diese zur Bedingung für ihre Ehe macht.
Wagner hat es allem Anschein nach anders verstanden, denn der zarte, fast zaghafte, ängstliche Ton, mit dem sich Lohengrin in diesem ersten Dialog äussert, klingt ganz und gar nicht nach einem herrischen Befehl zur Unterwerfung. Seine Musik in dieser Szene erzählt vor allem davon, in welcher Not er ist: Er möchte aus seiner göttlichen Region ausbrechen und Mensch werden, weiss aber, dass seine Menschwerdung an eine letztlich unerfüllbare Bedingung geknüpft ist.

Also ist Lohengrin ein Bedürftiger, der von den Menschen etwas erbitten will?
Dieser geheimnisvolle Ritter interessiert uns viel mehr, wenn wir von Anfang an sehen, dass er ein Mensch wie wir ist mit denselben Ängsten und Hoffnungen. Sicher kommt Lohengrin als gottgesandter Held, und seine Ankunft wird entsprechend gefeiert. Aber eine wichtige Bedingung muss erfüllt sein, damit er den Kampf tatsächlich aufnehmen kann: Er bedarf der Liebe. Erst nachdem Elsa ihn ihrer Liebe versichert hat, gewinnt er die nötige Kraft. Das steht im Zentrum dieser ersten Begegnung zwischen den beiden, und das muss man unübersehbar deutlich machen: Dieser Lohengrin ist ein zerbrechliches, schwaches Wesen, das erst durch die Liebe Elsas stark wird. Im Vorspiel hören wir die Musik des Grals. Sie ist von grosser Schönheit und sehr zart, aber mutet zerbrechlich, gläsern an und es liegt eine gewisse Kälte und Leblosigkeit darin. Man hört: Das Glück ist dort nicht, das suchen die Ritter bei den Menschen.

Ihre Inszenierung erzählt die Lohengrin-Geschichte in der kleinen Welt eines Bergdorfs im 19. oder frühen 20. Jahrhundert. Warum?
Ich glaube grundsätzlich, dass man im Theater die Geschichten so erzählen muss, dass sie dem Zuschauer nahekommen und sich mit seiner Lebenserfahrung hier und heute verbinden. Das frühe Mittelalter mit seinen komplizierten Ritualen und Hierarchien sagt uns sehr wenig. Wir haben uns daher entschieden, die Konflikte sozusagen zu verkleinern und die grossen politischen Fragestellungen in eine Dorfgemeinschaft zu verlegen, wo es viel direkter und emotionaler zugeht. Der Vorteil eines solchen theatralischen Verfremdungsverfahrens ist, scheinbar bekannte Dinge in einen unerwarteten Kontext zu setzen, so dass sie fremd wirken, dadurch neu erkannt und besser durchschaut werden können. Ich finde, dass die politischen Fragestellungen, die Wagner im Lohengrin aufwirft, für uns heute wieder ganz unmittelbar aktuell sind. Mir ist aber an der Idee, das Stück in einem Bergdorf spielen zu lassen, noch ein anderer Punkt wichtig: Ich glaube an das fantastische Element in Lohengrin, und darum muss man glaubhaft machen, dass das Wunder tatsächlich stattfinden kann. Bei einem von der städtischen Welt weit abgelegenen Dorf ist es gut vorstellbar, dass dort Leute noch an Wunder glauben und diese auch persönlich bezeugen. Es gibt – oder gab jedenfalls bis vor nicht allzu langer Zeit – noch diesen naiven Glauben, wie er sich in Elsa ausdrückt: ein Vertrauen in den lieben Gott, der die Menschen nicht verlässt. Bei unserer Vorbereitung der Produktion stiessen wir auf  Votivbilder, aus denen dieser einfache Gottesglaube spricht. Manche mögen diese naive Malerei belächeln, aber mich rührt ihre Heilsgewissheit an. Darum haben wir ein solches Element aufgenommen und Elsa zugeordnet. Wenn der Vorhang aufgeht, mag kurz der Verdacht aufkommen, als würden wir eine Ironisierung der Geschichte und der Figuren beabsichtigen. Nichts liegt mir ferner: Ich liebe all diese Figuren und ich fühle mit ihnen, und ich will, dass es dem Zuschauer ebenso geht.


Das Gespräch führten Werner Hintze.
Dieser Artikel ist erschienen in MAG 21, September 2014.
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Szenenbilder «Lohengrin»


Gespräch


Wir machen da nicht mit!

Kleine Völker sind eigensinnig. Sie lassen sich ihren Willen nicht gern von der grossen Politik vorschreiben. Das führt auch in Wagners Oper «Lohengrin» zu Konflikten. Ein Gespräch vor der Premiere mit dem Politologen Herfried Münkler über den Trotz der Kleinen gegen die Übermacht der Grossen.

Herr Münkler, Politik spielt in Richard Wagners Oper Lohengrin eine wichtige Rolle. Das Volk der Brabanter befindet sich in einer gravierenden Umbruch situation. Es soll sich als ehemals heidnische Stammesgesellschaft in das christliche deutsche Reich integrieren, das von König Heinrich repräsentiert wird. Das geht nicht ohne Konflikte ab. Die konservativen Kräfte um Ortrud, die letzte Nachfahrin des entmachteten Herrschergeschlechts, wollen die alten Verhältnisse wieder herstellen. Und die neue Herrscher-Dynastie ist in Nöten, weil der Thronfolger plötzlich wie vom Erdboden verschwunden ist und seine Schwester Elsa des Brudermords beschuldigt wird. Das kleine trotzige Brabant gegen König Heinrichs deutsches Reich – welche politische Front wird da von Richard Wagner aufgemacht?
Zunächst einmal muss man klarstellen: Richard Wagner hat den Lohengrin im revolutionsgärenden Vormärz konzipiert und die Partitur 1948 abgeschlossen. In jenem Jahr stand er in Dresden selbst auf den Barrikaden. Die Sehnsucht nach neuen politischen Verhältnissen ist in der Oper ein wichtiger Impuls. Wagner wünscht sich, dass die alte feudale Ordnung überwunden wird, und die Revolutionäre des Vormärz glaubten, dies über eine geeinte deutsche Nation erreichen zu können. In den konkreten politischen Verhältnissen, wie sie in Deutschland durch den Wiener Kongress hergestellt worden waren, hing das Restaurative an der Kleinstaaterei. Sie stand für Repression, Beengung und Kontrolle. Dagegen rebellierten die Protagonisten des Vormärz, und die Bewegung für die Demokratie war für sie von einer Bewegung für die Nation nicht zu trennen. Ein politisch unabhängiges Brabant ist für Wagner also nicht attraktiv.

Das heisst also, die «Heil Heinrich!»-Begeisterung im Lohengrin, die heute manchem unangenehm national chauvinistisch in den Ohren klingt, war von Wagner als ein Ausdruck revolutionärer Hoffnung gemeint?
Das ist ganz wichtig, König Heinrich und das deutsche Reich stehen für eine positive Zukunft. Dass die Begeisterung dafür als unangenehm dröhnend wahrgenommen wird, ist ja ein speziell deutsches Phänomen infolge der Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. In Polen und Frankreich und gewiss auch in der Schweiz wird das bestimmt anders gehört, weil dort das Nationale viel positiver konnotiert ist – jedenfalls wenn es um die eigene Nation geht.

In der Oper machen die heidnischen Brabanter Front gegen das christliche deutsche Reich, das als neue politische Ordnung auftritt. Die Konservativen wollen da auf keinen Fall mitmachen. Das erinnert uns an die nationalen Beharrungskräfte, die sich in unserer politischen Gegenwart vehement gegen die Europäische Union stemmen. Sehen Sie da eine Parallele zwischen der Oper und dem wirklichen Leben?
Vorsichtig betrachtet könnte man dem folgen. Allerdings müssen wir, wenn wir von Europa reden, immer seine zwei Seiten sehen: Da ist auf der einen Seite die Vision von der Überwindung der Trennlinien auf dem europäischen Kontinent und auf der anderen Seite die administrative Realität, nennen wir es das bürokratische Monster Brüssel. Dieses Doppelgesicht hat König Heinrichs deutsches Reich, das im 10. Jahrhundert das ostfränkische Reich war, nicht. Und ganz wichtig: In König Heinrichs Reich wächst der Zusammenhalt aus einer Bedrohung von aussen. Die Grenzen müssen gegen die feindlichen Ungarn verteidigt werden. Die Gefährdung der EU kommt ja eher von innen. Es sei denn, man nimmt hinzu, was gerade am östlichen Rand, in der Ukraine passiert. Da zeigt sich im Moment sehr deutlich, welche Mitgliedsstaaten die EU-Grenze im Osten bedroht sehen und welche Russland nicht als Handelspartner verlieren wollen. Die Franzosen wollen noch schnell ein paar Hubschrauberträger liefern. In London möchte man gerne die Geldgeschäfte weiterhin über die Londoner City abwickeln. Die Deutschen wollen ihre Luxuskarossen an die reichen Russen verkaufen.

In der Oper muss König Heinrich den Brabantern erst ihre Bedrohungslage klar machen. Sie selbst sehen das nicht. Im zweiten Akt sagen vier brabantische Edle, die durchaus für eine grössere Fraktion stehen: Wir sollen gegen einen Feind kämpfen, mit dem wir gar nichts zu tun haben? Was geht uns das an? König Heinrich hingegen wirbt für eine übergeordnete Solidarität. Das ist eine ähnliche Interessenlage wie in der EU-Debatte, in der es um Zahlungen an das bankrotte Mitgliedsland Griechenland ging. Da dachten auch viele, wieso sollen wir eigentlich Geld für Griechenland locker machen? Das sehen wir gar nicht ein.
Die Forderungen für Griechenland passten zu den Möglichkeiten postheroischer Gesellschaften: Gib Geld für die Beilegung der Konflikte. Die Ukraine fordert etwas, womit sich die postheroische Gesellschaft schwertut: Da geht es letzlich um Kriegsbereitschaft. Es ist eine offene politische Frage, wie die EU-Staaten mit dieser Forderung umgehen. Man spricht gern von «roten Linien», die für Putin gezogen werden müssten. Aber «rote Linien» müssen, werden sie überschritten, dann auch durchgesetzt werden.

Was ist kennzeichnend für die politische Umbruchssituation im Lohengrin?
Zum Beispiel, dass es keine klare Trennlinie zwischen Innen- und Aussenpolitik gibt. Die Aspekte vermischen sich. Das sehe ich für die Zeit, in der die Handlung angesiedelt ist, also im 10. Jahrhundert, als charakteristisch an. Eine funktionierende politische Ordnung bedeutet, dass es klare Trennlinien gibt: Die Frage der Thronfolge in Brabant ist Innenpolitik. Die Frage, ob Brabant sich am Feldzug gegen die Ungarn beteiligt, für den König Heinrich wirbt, ist Aussenpolitik. Es ist nicht klar, welche Verpflichtungen Brabant gegenüber dem deutschen oder besser gesagt dem ostfränkischen Reich hat. Deshalb kommandiert der König die Unterstützung der Brabanter auch nicht einfach, sondern erscheint selbst, um dafür zu werben. Ich finde ganz grundsätzlich interessant, dass Richard Wagner den Umbruch in Brabant nicht als klaren Bruch dargestellt hat. Das ist, so könnte man sagen, Ausdruck seiner politischen Sensibilität. Es gibt ein Hin und Her in dem Stück, ein Vor und Zurück. Wagner hatte eine Vorstellung davon, dass der Kampf der progressiven gegen die reaktionären Kräfte nicht schnell entschieden ist. Da war er, als er den Lohengrin schrieb, schon so weit wie Karl Marx erst sieben Jahre später, der 1852 in seinem Aufsatz Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte aufzeigt, wie in Frankreich im Anschluss an die Revolution von 1848 die Kräfte des Fortschritts und die Kräfte der Reaktion gegeneinander kämpfen und sich am Ende das Reaktionäre mit der Herrschaft von Napoleon III. noch einmal durchsetzt.

Im Lohengrin ist bis zum Schluss auch nicht klar, ob sich die neue Ordnung gegen die alte wirklich durchzusetzt. Der Widerstand der konservativen Kräfte ist mächtig, Ortruds Zauberkräfte sind wirksam. Was verschafft an solchen politischen Wendepunkten dem Neuen die Überlegenheit, über das Alte zu triumphieren?
Die Kräfte des Neuen haben oft das Problem, noch gar nicht zu wissen, dass sie die Kräfte des Neuen sind. Das ist ein interessanter Punkt. Marx schreibt im 18. Brumaire, die Revolutionen hätten sich immer in die Gewänder des Vergangenen gekleidet. Sie hätten sich etwa als Wiederkehr des Römertums verstanden. Erst der Sozialismus trete in dem Bewusstsein auf, etwas völlig Neues zu sein. Im Lohengrin scheint die Vorstellung von einer Zäsur bei den Akteuren des Neuen noch nicht sehr ausgeprägt zu sein. Die tasten sich da eher hinein. Elsa und Lohengrin sind noch reichlich ahnungslos bezüglich dessen, was in Brabant politisch werden wird. Man könnte sogar noch einen Schritt weiter gehen, und das Frageverbot, das Lohengrin Elsa auferlegt, in dieser Hinsicht zu interpretieren – als ein Nichtwissenkönnen und Nichtwissendürfen des Neuen. Da kommt zum Ausdruck, wie sich solche politische Übergangssituationen oft vollziehen – nämlich in gewisser Hinsicht mit dem Rücken voran. Wir retrospektiven Beobachter wissen im Nachhinein natürlich alles sehr viel besser.

Das Neue geht mit dem Rücken voran – gilt das auch für die aktuellen Entwicklungen in der EU?
Ich glaube schon. Ich misstraue allen, die sagen, wir bekommen die europäischen Probleme in den Griff, indem wir eine Verfassung schreiben, wie es etwa Jürgen Habermas fordert, oder indem wir die ökonomischen Strukturen noch tiefer verankern, wie es vor allem die Hardcore-Brüsseler und einige Ökonomen vorschlagen. Hinter beiden Forderungen steht der Glaube, man könnte die Auseinandersetzungen mit einem Skript, einem Drehbuch gestalten. Das geht nicht. Denn im Moment ist doch ganz klar: Wenn ich in Europa die Kräfte des Zusammenhalts von oben stärke, erzeuge ich gleichzeitig stärkere Fliehkräfte. Wir hatten noch nie so viel Widerstand gegen das verfasste Europa wie zu dem Zeitpunkt, zu dem so viele Kompetenzen von den nationalen Regierungen auf Brüssel übergegangen sind. Seitdem ist das Erstarken von populistischen Parteien bis in Regierungsbeteiligungen hinein zu beobachten. Vielleicht ist eine andere Politik viel geschickter. Wenden wir das mal auf die Lohengrin-Situation an: Eine Politik, die Brabant zwingt, sich unterzuordnen, wäre unklug, weil sie den Widerstand stärkt. Eine solche Politik vertritt aber König Heinrich nicht. Er wirbt und argumentiert: Ihr solltet auch ein Interesse daran haben, den Schritt in die grössere politische Einheit zu wagen. Dieser zurückhaltende, vorsichtige Weg ist sehr viel geschickter. Er kommt vermutlich auch den Schweizern eher entgegen, also eine Politik, die kein administratives Diktat aus Brüssel etwa in der Frage der Zuwanderung durchsetzt, sondern dafür wirbt, dass es klug ist, bestimmte Kompetenzen auf die übergeordnete Ebene zu übertragen, ohne dass dadurch, um im Stück zu bleiben, Brabant aufhört, Brabant zu sein. In dem Sinne kann man das lesen: Das Politische ergibt sich aus Aushandlungsprozessen, obwohl für den Revolutionär Wagner der Begriff des Kampfes sicherlich der sympathischere gewesen wäre.

Hatte also der historische König Heinrich das Talent zu einem verhandlungsgeschickten EU-Politiker?
Ja, er war ein geschickter Moderator. Diese Interpretation ist natürlich der Versuch, die politische Gegenwart mit der Entstehungszeit der Oper Mitte des 19. Jahrhunderts und der Handlungszeit des 10. Jahrhunderts kurzzuschliessen.

Die konservative Kraft wird im Lohengrin in erster Linie durch Ortrud verkörpert. Sie ist die letzte Nachfahrin des entmachteten friesischen Herrschergeschlechts. Sie will zurück an die Macht, um die alte Ordnung wieder herzustellen. Und dabei setzt sie heidnisch dämonische Zauberkräfte ein. Lässt sich das auch auf die Rechtspopulisten in der aktuellen politischen Situation und ihre irrationalen «Zauberkäfte» anwenden?
Mit solchen Kräften agieren die Kräfte der Veränderung doch ebenso. Da tritt gewissermassen Magie gegen Magie an. Ortruds Zauber steht gegen die Magie des Lohengrin-Auftritts. Die Protagonisten auf beiden Seiten kommen nicht ohne politischen Zauber aus.

Kommt irgendein Politiker ohne den aus?
Kaum. Es gibt in der Politik zwar auch reine Bürokraten der Macht. Aber Zauber ist eigentlich immer mit im Spiel. Es gibt eine Randnotiz von Friedrich Wilhelm IV. in einem Memorandum seines General Scharnhorst zur Volksbewaffnung: «Alles Poesie!». Und Scharnhorst antwortete: «Auf Poesie ruht die Stabilität Ihres Thrones, Majestät.» Das ist ein grosser Satz eines Militärs. Der Zauber der restaurativen Kräfte gründet auf dem Versprechen, dass früher alles besser war. Und das Neue tritt mit dem Zauber der Verheissung auf, was von Vorteil ist, weil der ja noch reine Imagination ist. Das Verschwinden Lohengrins zeigt ja dann auch, dass das Verhiessene selten eintritt, wie wir es uns vorgestellt haben. Die Realität sieht am Ende immer anders aus.

Was bedeutet es, dass Wagner einen Wundermann von aussen auftreten lässt, um die Konflikte zu lösen?
Da erkennt man den Revolutionär als Künstler: Er hält es für möglich, dass das Wunder eintritt und alles gut wird. Aber Wagner ist trotzdem nicht naiv. In ihm wird ein inneres Widerspiel erkennbar zwischen dem träumenden Künstler und dem klugen politischen Kopf. Als politischer Denker weiss Wagner um die Mühseligkeit politischer Prozesse und dass am Schluss nicht die leuchtende Herrschaft des Schwanenritters stehen wird. So endet die Oper ja nicht. Weil das Wunder irgendwann doch befragt wird: Wer bist du und woher kommst du? Wir wollen eben doch gerne wissen, worauf wir uns bei einem Versprechen einlassen.

Die Situation in Brabant ist am Ende der Oper eher hoffnungslos. Lohengrin ist weg. Elsa ist tot, ebenso Telramund und Ortrud. Die gesamte politische Elite existiert nicht mehr. Übrig bleibt ein Kind, nämlich der wieder aufgetauchte Gottfried, als Schützer von Brabant – und es ist offen, ob daraus Gutes erwächst. Was bleibt von der Lohengrin-Erscheinung?
Es gibt bei Hegel in Hinblick auf die Französische Revolution den Gedanken, dass ein solches Ereignis sich nicht wieder vergisst – die Feier des Revolutionären, der Versuch, sich auf den Kopf zu stellen, und der Versuch, die Welt neu zu erbauen, wie Hegel die Französische Revolution beschreibt. Er äussert den Gedanken aus der Perspektive, dass der revolutionäre Enthusiasmus zerfallen ist, der in den grossen Terror geführt hat, und dass das alles nichts werden konnte. Aber: Ein solcher Gedanke vergisst sich nicht! Wagner und seine Zeitgenossen im Vormärz kannten den Verlauf der Französischen Revolution. Sie hatten vor Augen, wie die Hoffnung in Desillusion und Krieg und Blut versunken ist. So leichtfertig wie die Revolutionäre von 1789 konnten sie nicht mehr sein. Nach jedem Umbruch tritt ein neuer Typus des Revolutionärs auf. Lenin und Trotzki, um den Bogen zur Revolution von 1917 zu schlagen, waren knallharte Machtpolitiker. Die hatten die Geschichte genau studiert und ihre Lehren daraus gzogen. Sie hatten überhaupt nichts Lohengrinisches mehr an sich, sie waren reine Maschinisten des Machtbetriebs. Insofern steht Lohengrin nicht nur zeitlich, sondern auch ideell zwischen 1789 und 1917.

Hat Hegels Gedanke auch noch Gültigkeit in der politischen Gegenwart?
Ich glaube schon. Es gibt doch immer wieder gesellschaftliche Gruppierungen, die einen Hang zum Illusionären haben. Diese Illusionen können aber wichtig sein, um Dinge voranzubringen. Wir brauchen Kräfte, die sozusagen den Lohengrin machen. Obwohl andere genau wissen: Den haben wir schon öfter auftauchen sehen, und am Ende war er wieder weg. Realismus und Skepsis alleine verändern die Dinge nicht.

Unsere Zürcher Produktion spielt im Landgasthof eines alpenländischen Bergdorfs, weil sich darin die für die Oper wichtige Distanz zwischen den Einheimischen und den Fremden deutlich machen lässt. Man ist mit einem solchen Provinz-Milieu im Hinterkopf immer geneigt, zu behaupten, die Hinterwäldler seien auch die Reaktionären. Stimmt das?
Nein. Da landet man doch schnell bei einer Überschematisierung der wahren Verhältnisse. Das historische Brabant im 10. Jahrhundert war übrigens ökonomisch viel weiter entwickelt als der Rest des ostfränkischen Reichs. Allerdings kultiviert dieses Brabant trotzdem seine Randständigkeit und will sich eher aus allem heraushalten. Das kennen wir heute ganz gut von der Schweiz, die sich auch gerne in die Aura des Rustikalen kleidet, obwohl jeder weiss, dass diese scheinbar urige Schweiz Teil der forcierten Fortschrittswelt ist, nicht nur im Finanzsektor. Hinter der Akzentuierung des Autochtonen verbirgt sich Weltläufigkeit und internationales Knowhow. Die Schweiz ist ein hochmobiler Laden, der sich ein paar urige Einheimische zur Camouflage hält. Die Bergvolk-Folklore wird ja auch so stark subventioniert, dass die EU im Hinblick auf ihre eigenen Agrar-Subventionen nur staunen kann. Und die ökonomische und soziale Verflechtung der Schweiz in die Europäische Union hinein übertrifft die von vielen EU-Staaten bei weitem. Da muss man nur die Handelsbilanzen lesen. Gleichzeitig leistet sich die Schweiz den politischen Chic, der auch politische Klugheit sein mag, Abstand zu wahren und sich zu weigern, ein kleiner Erfüllungsgehilfe des grossen Brüssel zu werden. Tatsächlich muss die Schweiz aber trotzdem bei ganz vielem mitmachen, ohne Einfluss auf die EU-Bestimmungen zu haben. Von daher hat die Debatte um die Zuwanderung auch etwas Symbolisches. Die Schweiz ist ein Nischenakteur, der aber ab und zu glaubt, die Nische als Bunker ausbauen zu können. Das ist freilich eine politisch ausgesprochen gefährliche Illusion. Denn in der Nische muss man immer hochbeweglich bleiben. Man muss von Jahrzehnt zu Jahrzehnt die Nischenposition neu bestimmen, weil sich die Rahmenbedingungen ändern. Die Akteure darin sind aber nicht Herr des Geschehens, sondern bestenfalls kluge Ausnutzer von Entwicklungen, auf die sie selber nur partiell Einfluss haben. Sie müssen mental hochmobil sein. So etwas wie Geborgenheit gibt es in der Nische immer nur für den Augenblick und nie auf Dauer.


Das Gespräch führten Werner Hintze und Claus Spahn.
Dieser Artikel ist erschienen in MAG 21, September 2014.
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Meine Rolle


Er wäre gern ein Fiesling

Martin Gantner über Telramund in Richard Wagners «Lohengrin».

Der Telramund gilt als Killerpartie. Viele Sänger fürchten die Anfroderungen dieser Partie. Warum? Weil sie heftige Ausbrüche zu bewältigen hat, und das meistens in hoher Lage; das Orchester spielt an diesen Stellen zudem sehr laut. Da kann man sich schon wehtun an der Stimme, wenn man nicht aufpasst.

Die Partie wird oft mit Sängern besetzt, die ein dunkleres Timbre haben als ich, oft auch mit Stimmen, die ein bisschen aufgerissen wirken – vielleicht, weil man denkt, das klinge männlicher. Ich bin eher ein hell timbrierter Telramund. Mit definierten Spitzentönen und Klarheit in der Artikulation des Textes kann man die Autorität, die diese Figur ausstrahlen muss, meiner Meinung nach am besten ausdrücken.

Dazu kommt, dass ich ohnehin gerne ein bisschen gegen das Klischee dieser Figur ankämpfen möchte. Ich kenne viele Inszenierungen, in denen Telramund im schwarzen Ledermantel auftritt und die meiste Zeit mit der ebenfalls schwarz gekleideten Ortrud irgendwo in einer dunklen Ecke steht. Aber Telramund ist nicht einfach nur böse! Das wäre mir zu eindimensional. Er hat vor allem das Gefühl, zu kurz zu kommen. Und er ist wahnsinnig enttäuscht darüber, dass man ihm Dinge wegnimmt, die ihm seiner Meinung nach eigentlich zustehen würden. Denn eigentlich war er es ja, den Elsa heiraten sollte; doch sie hat die Ehe mit Telramund abgelehnt. Deshalb hat Telramund Ortrud geheiratet, eine geheimnisvolle Frau mit Zauberkräften. Nun taucht plötzlich wie aus dem Nichts Lohengrin auf und ist bereit, Elsa gegen den Vorwurf des Brudermords zu verteidigen, den Telramund gegen sie erhoben hat. Telramund verliert den Kampf, Lohengrin bekommt Elsa und das Herzogtum, Telramund wird verbannt. Das ist eine schwere Demütigung, die Telramund nicht auf sich sitzen lassen kann. Er lässt sich von Ortrud dazu anstiften, Lohengrin der Lüge und des falschen Zaubers zu beschuldigen.

Telramund wäre gern so ein richtiger Fiesling – aber er ist es nicht. Er wird es erst, weil er Ortrud gegenüber auf keinen Fall feige wirken möchte. «Lieber tot als feig» – das ist so ein Männer­-Ding: Männer dürfen alles sein, nur nicht feige. Wenn du Zweifel oder Angst zeigst, dann bist du in der Männergesellschaft der Loser.

Telramund hat im Lohengrin natürlich eine klare dramaturgische Funktion. Er ist sozusagen der negative Stichwortgeber für den Helden Lohengrin: Je düsterer Telramund, desto heller kann Lohengrin strahlen. Das mag undankbar scheinen. Aber ich singe diese Partie trotzdem sehr gern. Besonders in der Inszenierung von Andreas Homoki. Denn er nimmt diese Figur und ihre Verzweiflung ernst und wertet sie da­durch auf. Ich bin sehr froh, dass ich diese Partie vor drei Jahren, als ich sie zum ersten Mal sang, mit Andreas erarbeiten konnte. In seinen Inszenierungen ist alles, was man als Sänger tut, im Kontext verankert, es gibt keine Aktion auf der Bühne, bei der man nicht genau weiss, warum man sie in diesem Moment ausführt. Das schätze ich sehr.

Dieser Artikel ist erschienen in MAG 50, Juni 2017.
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Die geniale Stelle


Kommen wir zum Schluss!

Ein Strich in Richard Wagners «Lohengrin».

Manchmal kann an einem Stück auch genial sein, was gar nicht vorhanden ist. Also zum Beispiel ein beherzter Strich, mit dem der Komponist sich von einer Passage getrennt hat, die zu lang geraten oder nicht überzeugend gelungen war. Ein prominentes Beispiel für einen solchen «genialen Strich» finden wir in der sogenannten Gralserzählung im dritten Akt des Lohengrin. Es war, das muss Wagner bewusst gewesen sein, ein grosses Wagnis, den ausführlichen Bericht vom Gral und seinen Wundern ans Ende des langen und ereignisreichen Stücks zu setzen. Die Gefahr ist gross, dass die Zuschauer schon zu ermüdet sind, um dieser Szene noch aufmerksam zu folgen. Aber ihm blieb keine Wahl: Es muss erzählt werden, wer Lohengrin ist und woher er kommt, und der Stoff verlangt, dass diese Erzählung am Ende steht. Ausserdem war er wohl überzeugt, die Schwierigkeit mit seiner Musik überwinden zu können. Und er hatte recht: Auch wer den Lohengrin zum ersten Mal sieht, wird dem suggestiven Zauber dieser Erzählung erliegen und sie als einen der Höhepunkte der Oper unauslöschlich in Erinnerung behalten. Der gewaltige Steigerungsbogen von den ätherischen Klängen des Grals-Mysteriums bis zum triumphal-katastrophalen Zielpunkt der Namensnennung schlägt jeden Zuhörer unfehlbar in seinen Bann. Und keiner würde von selbst auf den Gedanken kommen, dass diese Erzählung einmal fast doppelt so lang gewesen ist. Ursprünglich folgte auf die Namensnennung nämlich noch ein zweiter Teil, in dem Lohengrin sich nach dem Willen des Komponisten daranmachen musste, die letzten dramaturgischen Lücken des Stücks zu stopfen und zu erzählen, wie der Schwan ins Gralsgebiet gelangt ist, wie und warum er dort in Dienst genommen wurde und warum er Lohengrin nach Brabant brachte und ihn nun wieder abholen wird. Diesen Abschnitt hat Wagner noch vor der Uraufführung gestrichen und aus den Textbüchern entfernen lassen. Auch damit hatte er zweifellos recht. Das Stück bezieht seine Spannung aus der Erwartung des Augenblicks, in dem der geheimnisvolle Ritter seinen Namen nennen muss, er ist die Klimax der gesamten Entwicklung, noch einmal betont durch den zwingenden Aufbau dieses Abschnitts der Erzählung. Wenn der Ritter danach weiterspricht und – sozusagen buchhalterisch auf Vollständigkeit bedacht – die weiteren noch fehlenden Informationsbrocken nachreicht, muss das zwangsläufig den «erkältenden Eindruck hervorbringen», den Wagner in seinem Brief an Liszt, der die Uraufführung in Weimar vorbereitete, als Begründung für seine Entscheidung genannt hat.

Übrigens scheint Wagner schon bei der Komposition den «erkältenden Eindruck» empfunden zu haben, denn dieser Abschnitt gehört ohne Zweifel zum Schwächsten, was er je komponierte, er klingt wie die Arbeit eines gewissenhaften Assistenten, der den Rest der Erzählung unter Verwendung von Motiven des verehrten Meisters ausgeführt hat. Musikalisch ist also nichts verloren gegangen, aber diesem Strich fallen einige Informationen zum Opfer, ohne die das Stück nicht vollständig verstanden werden kann. Sie wegzulassen, war auch ein Wagnis, und hier verliess sich Wagner ganz auf seine profunden Kenntnisse der Strukturen und Mechanismen des Theaters, die z. B. bewirken, dass das Publikum an diesem Punkt der Handlung nur noch das Ende der traurigen Liebesgeschichte sehen will und Informationen, die damit nicht unmittelbar verbunden sind, nicht vermissen wird. Wir haben es wirklich mit einem genialen Strich zu tun – denn der ihn anordnete, war ein Theatergenie.


Text von Werner Hintze.
Dieser Artikel ist erschienen in MAG 50, Juni 2017.
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