Tonhalle-Orchester Zürich meets Philharmonia Zürich

Tribute to Sergei Rachmaninow

Die beiden Zürcher Dirigenten Gianandrea Noseda und Paavo Järvi sind befreundet. Sie sehen in ihrem parallelen Wirken am Opernhaus und an der Tonhalle keine Konkurrenz, sondern einen Anstoss für intensiven Austausch, aber auch für ein wenig freundschaftliche Rivalität. Jetzt bekräftigen sie ihre künstlerische Freundschaft und tauschen die Positionen: Paavo Järvi wird die Philharmonia Zürich dirigieren und Gianandrea Noseda das Tonhalle-Orchester. Programmatisch soll es mehr werden als eine Geste: Die beiden Orchesterchefs spannen für einen Rachmaninow-Zyklus zusammen aus Anlass des 150. Geburtstags des Komponisten, der ab 1930 regelmässig in seiner Villa am Schweizer Vierwaldstättersee komponierte. Im Zentrum der vier über das Kalenderjahr 2023 verteilten Orchesterkonzerte stehen die monumentalen Klavierkonzerte Rachmaninows. Als Solist:innen sind in diesem Zyklus international gefeierte Stars wie Yuja Wang oder Yefim Bronfman zu hören.

Rachmaninow-Zyklus 1

Noseda im Opernhaus

So 12 Feb 2023, 11.15 Opernhaus

4. Philharmonisches Konzert

Gianandrea Noseda Dirigent
Janko Kastelic Choreinstudierung
Yefim Bronfman Klavier
Elena Stikhina Sopran
Sergei Skorokhodov Tenor
Alexey Markov Bariton
Philharmonia Zürich
Chor der Oper Zürich

Sergei Rachmaninow
Klavierkonzert Nr. 3 d-Moll op. 30
Die Glocken op. 35

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«Ich freue mich darauf, Rachmaninows 150. Geburtstag gemeinsam mit dem Tonhalle-Orchester Zürich und mit Paavo Järvi, einem von mir sehr bewunderten Kollegen und Freund, zu feiern. Die Musik Sergeij Rachmaninows in den Mittelpunkt einer Kooperation der beiden wichtigsten Orchester der Stadt Zürich zu stellen, wird zeigen, dass wir durch Zusammenarbeit ein grosses künstlerisches Ergebnis erreichen und Menschen im Namen der Musik, der Schönheit und des Respekts zusammenbringen können». 

Gianandrea Noseda, Generalmusikdirektor Opernhaus Zürich

Rachmaninow-Zyklus 2

Järvi in der Tonhalle

Mi 29 Mär 2023, 19.30 + Do 30 Mär 2023, 19.30 Tonhalle

Paavo Järvi Dirigent
Yuja Wang Klavier
Tonhalle-Orchester Zürich

Sergei Rachmaninow
Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll op. 18
Sinfonie Nr. 3 a-Moll op. 44

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«Es ist ein glücklicher Zufall, dass Gianandrea Noseda und ich beide in Zürich gelandet sind; wir kennen und mögen uns schon lange. Und wir lieben Rachmaninow: Ich bin als Este mit russischer Musik aufgewachsen, Gianandrea hat lange in St. Petersburg gewirkt. So ist Rachmaninows 150. Geburtstag eine sehr schöne Gelegenheit für eine freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Tonhalle Zürich und Opernhaus Zürich».

Paavo Järvi, Music Director Tonhalle-Orchester Zürich

Rachmaninow-Zyklus 3

Noseda in der Tonhalle

Mi 8 Nov 2023, 19.30 + Fr 10 Nov 2023, 19.30 Tonhalle

Gianandrea Noseda Dirigent
Francesco Piemontesi Klavier
Tonhalle-Orchester Zürich

Sergei Rachmaninow
Klavierkonzert Nr. 4 g-Moll op. 40
Sinfonie Nr. 1 d-Moll op. 13

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Rachmaninow-Zyklus 4

Järvi im Opernhaus

Sa 11 Nov 2023, 19.00 Opernhaus

Paavo Järvi Dirigent
Francesco Piemontesi Klavier
Philharmonia Zürich

Sergei Rachmaninow
Rhapsodie über ein Thema von Paganini a-Moll, op. 43
Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 27

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Wenn zwei sich wiederfinden

Bis zur Orchestertrennung 1985 teilten sich die Tonhalle Zürich und das Opernhaus Zürich die Musiker:innen. Nun spannen sie erneut zusammen. Ein Text von Susanne Kübler

Sie kennen sich schon lange, und sie verstehen sich gut, die Dirigenten Paavo Järvi und Gianandrea Noseda. Als sie sich in Zürich wiederfanden, der eine als Music Director beim Tonhalle-Orchester, der andere als Generalmusikdirektor am Opernhaus, war die Idee deshalb naheliegend: Warum nicht etwas zusammen planen? Zum Beispiel einen grossen Konzertzyklus zu Rachmaninows 150. Geburtstag, der in beiden Häusern stattfinden könnte?

Gut möglich, dass den beiden beim Aushecken dieses Plans nicht bewusst war, was eine solche Aktion bedeutet. Denn sie waren noch Studenten und weit weg von Zürich, als man 1985 die einst eng verbundenen Häuser zwar einvernehmlich, aber durchaus nicht ganz friedlich auseinanderdividierte.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte es in Zürich ein einziges grosses Orchester gegeben. Tonhalle- und Theaterorchester (TTO) hiess es und umfasste 167 zentral organisierte und bezahlte Musiker:innen, die in zwei Formationen aufgeteilt waren: 87 von ihnen spielten als «blaue» Formation vorwiegend im Opernhaus, 80 als «rote» vor allem in der Tonhalle. Aber bei Bedarf machten alle alles, und das funktionierte – nun ja, eben so, dass schon ziemlich früh die Idee einer vollständigen Trennung der beiden Klangkörper aufkam.

Denn ein Opernorchester und ein sinfonisches Orchester, das sind zwei ganz unterschiedliche Organismen: In der Oper arbeitet man wochenlang auf eine Premiere hin, danach bleiben die Produktionen lange im täglich wechselnden Repertoire. Man spielt also an einem Abend Monteverdi, am nächsten Strauss und bereitet derweil eine Mozart-Produktion vor. Der sinfonische Betrieb dagegen ist blockweise organisiert: Drei Tage Proben, darauf die Konzerte – und dann ist das nächste Programm dran.

Organisatorisches Puzzle

Jürg Keller, damals Kaufmännischer Direktor der Tonhalle-Gesellschaft Zürich, erinnert sich gut an das organisatorische Puzzle, das zu bewältigen war. Problematisch wurde es vor allem, wenn im Opernhaus gross besetzte Werke aufgeführt wurden: «Dann holte man Musiker:innen aus der Tonhalle-Formation, die aber bei den Proben nicht dabei gewesen waren, weil sie ja ihre eigenen Programme zu spielen hatten.» Simon Styles, der als Tubist zur «roten» Formation gehörte, aber oft in der Oper aushalf, bestätigt das: «Man wusste nie, neben wem man sitzen würde.»

Ideal war das nicht, das hatten schon die Tonhalle-Chefdirigenten Rudolf Kempe und Gerd Albrecht festgestellt. Und auch viele Gastdirigenten waren nicht begeistert über die wechselnden Besetzungen: «Leinsdorf bekam deswegen seine berühmten Wutanfälle. Krips schaute ironisch in die Runde: ‹Hab' ich heute vielleicht meine Leute?›». So stand es am 29. März 1984 in der «Züri Woche».

Daher waren sich grundsätzlich alle einig: Wenn die beiden Häuser auf internationalem Niveau eine Rolle spielen wollten, wenn die Klangkörper ein eigenständiges Profil entwickeln und die Musiker:innen sich mit «ihrer» Institution wirklich identifizieren sollten – dann kam man um eine Orchestertrennung nicht herum.

«Ein Affront sondergleichen»

Das bedeutete allerdings auch, dass die Subventionen, die bis dahin in einen einzigen «Topf» kamen, verteilt werden mussten. Und da zeigte sich, wie unterschiedlich sich Zahlen interpretieren liessen: Die Tonhalle-Gesellschaft ging von der Anzahl der Musiker:innen als «Währung» aus, die damalige Theater AG dagegen bezog sich auf die Anzahl der geleisteten Dienste – wodurch das eigentlich sauber verhandelte Verhältnis 40:60 zu verschiedenen Resultaten führte. Die Folge war ein Streit, der so heftig und ausdauernd geführt wurde, dass der damalige Zürcher Stadtpräsident Thomas Wagner irgendwann die Geduld verlor und brieflich drohte, «dass mit der offensichtlichen Unfähigkeit, einen Konsens zwischen den beteiligten Institutionen zu erreichen, unter Umständen auch die Subventionsverträge gefährdet werden».

Dieser und viele weitere Briefe aller Beteiligten an diesem komplizierten Prozess liegen heute im Stadtarchiv. Es sind etliche Kilo Papier, die zwischen der Tonhalle, dem Opernhaus und der Stadt hin- und hergeschickt wurden. Da wurde gerechnet, nachgerechnet, argumentiert und gewettert. Man liest von einem «Affront sondergleichen», von «hochgezogenen Augenbrauen» und «faustdicker Skepsis». Und immer wieder verrät der sprachliche Schwung die Emotionen, mit denen diese Schreiben verfasst wurden: Die Tonhalle schulde dem Opernhaus nichts, «kein Geld, keine Formationsdienste, keine Musiker», schrieb der damalige Tonhalle-Direktor Richard Bächi. Max Koller, Verwaltungspräsident im Opernhaus, konterte an die Adresse der Stadt, es sei «wirklich nur schwer einzusehen, warum die Theater AG noch mehr dafür bezahlen sollte, dass sie von der Tonhalle-Gesellschaft weniger Dienste erhält».

Bemerkenswert ist auch, dass sich die Direktoren persönlich und betont höflich um alle möglichen administrativen Details kümmerten. «Sehr geehrter Herr Bächi», schrieb Opernhaus-Direktor Claus Helmut Drese, «da die Trennung der Orchesterformationen ja wohl bevorsteht, möchten wir Sie ersuchen, uns raschmöglichst die Vertragsunterlagen derjenigen Musiker zuzustellen, die der Theaterformation zugeteilt sind.» Und Richard Bächi antwortete dem «sehr geehrten Herrn Dr. Drese»: «Es ist Ihnen am besten gedient, wenn wir Fotokopien der Gagenblätter erstellen.»

Freundschaftliche Beziehungen

Am Ende wurde eine Kompromisslösung gefunden. Die Tonhalle-Gesellschaft erhielt weniger Geld, als sie gefordert hatte, aber mehr, als das Opernhaus zunächst abtreten wollte. In den Jahren danach konnten beide Orchester die Besetzung, die nach der Trennung allzu knapp war, vergrössern. Was man erhofft hatte – Qualitätsschub, Schärfung des Profils, Identifikation der Musiker:innen mit «ihrem» Haus – traf ein. Und auch wenn es keine offiziellen Verbindungen mehr gab: Inoffiziell war und ist das Verhältnis zwischen den beiden Häusern und ihren Orchestern friedlich.

So kommt es immer wieder vor, dass Musiker:innen des einen Orchesters beim anderen einspringen. Gelegentlich führen Karrieren von hier nach da: So wechselte zum Beispiel die Geigerin Elisabeth Harringer von der Oper in die Tonhalle, der Konzertmeister Bartłomiej Nizioł schlug den entgegengesetzten Weg ein, und Jürg Keller schaffte als Kaufmännischer Direktor sogar den Rundlauf: Tonhalle-Opernhaus-Tonhalle. Es gibt Paare, von denen der eine hier und die andere dort spielt, und freundschaftliche Verbindungen – nicht nur zwischen den Chefdirigenten Paavo Järvi und Gianandrea Noseda. Seit ein paar Jahren bieten die Häuser auch ein Kombi-Abo an.

Und nun wird also erstmals wieder ein gemeinsames musikalisches Projekt realisiert. Auf zwei Saisons ist der Rachmaninow-Zyklus angelegt, im November 2023 werden die Dirigenten dabei auch die Pulte tauschen. Und man wird hören, welchen Luxus es gibt in Zürich: Zwei grossartige, hoch spezialisierte Orchester in einer Stadt – die zudem noch gut auskommen miteinander.